Ein romantisches Erziehungsprogramm.

•Oktober 26, 2009 • Kommentar schreiben

sprünge

Unter dem Titel Alles wandelt sich, der Humanismus bleibt druckte am 27. März 2002 die Welt den Vortrag ab, den der Staatsminister im Bundeskanzleramt für Angelegenheiten der Kultur und der Medien, Prof. Julian Nida-Rümelin, drei Tage zuvor zur Eröffnung des 18. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft gehalten hatte. Darin beklagte er die „technokratische Verkürzung“ der pädagogischen Debatten der vergangenen Jahrzehnte, die im „Dickicht der Institutionen“ stecken geblieben sei, und rief zu einer „inhaltlichen Neubestimmung“ auf dem Boden einer „kulturellen Leitidee“ auf – der humanistischen Bildungskonzeption. Als deren aktuelle Schwerpunkte nannte er: Selbstbestimmung als Sinngebung des eigenen Lebens, ästhetische Bildung, Interaktion und Verständigung sowie Integration und „Umgang mit Differenz“.

Berlin, den 30. 3. 2002

Sehr geehrter Herr Professor Nida-Rümelin,

zu Ihrer Rede vor der Deutschen Gesellschaft für Erziehungs- wissenschaft über die Aktualität der humanistischen Bildung- sidee möchte ich Sie und uns herzlich beglückwünschen. Endlich erinnert einer daran, daß zu den Dingen der Pädagogik nicht dem Erziehungswissenschaftler, sondern dem Philosophen das erste Wort gehört, weil’s um das Was geht und nicht ums Wie. Eine inhaltliche Neubestimmung fordern Sie, und dafür ist es höchste Zeit. Doch nicht besser kann man einen Text würdigen als durch Kritik. Kritik heißt in diesem Fall: Zuspitzung. Nicht nur als Philosoph haben Sie zu den Erziehungswissenschaftlern geredet, sondern auch als Regierungsvertreter, und da war Zuspitzung nicht oberstes Gebot. Da mag es Ihnen recht sein, wenn das Zuspitzen ein andrer übernimmt. Zuspitzen heißt in diesem wie in vielen andern Fällen: die nebeneinander liegenden Elemente zu einander ins Verhältnis setzen.

Eingangs sprechen Sie den historischen Zusammenhang zwischen dem deutschen Bildungsbegriff und der Verspätung der deutschen Nationwerdung an. Tatsächlich ist die Entgegensetzung von Bildung und dem Lernen nützlicher Realien für sozialölkonomische Zwecke eine deutsche Erfindung. Sie wurde zur identitätsstiftenden nationalen Leitidee, denn eine solche brauchten wir. Die andern großen Nationen mußten ihre Identität nicht aus der Reflexion konstruieren, sie konnten sie anschauen: in einem lebendigen verbindlichen Menschenbild, in dessen charakteristischen Zügen die Spuren der gemeinsamen Geschichte lesbar sind. Der englische gentleman personifiziert die historische Vereinigung von Adel und Großbürgertum zur typisch britischen Oligarchie, im französischen citoyen verbinden sich der plebejische Stolz des Sansculotten mit römischer Staats- vergötzung, der amerikanische pioneer vereinigt den beengten Blick auf den nächstliegenden Vorteil mit einer kontinentalen Weite des Horizonts. Die tausendfach zersplitterten Deutschen haben als Nationaltype lediglich den Michel hervorgebracht, und schämten sich seiner: Er mußte sich erst einmal bilden!

Das sollte ihm der Deutsche Idealismus besorgen. Dieser Titel verbirgt zwei durchaus entgegengesetzte Richtungen. Historisch wirksam wurde die restaurative Spätform der Schelling und Hegel, eine positive Metaphysik der objektiven Ideen und Begriffe. Die prägte das humanistische Bildungs- system, um das Deutschland im 19. Jahrhundert von seinen Nachbarn beneidet wurde. Doch positive Ideen lassen sich lernen wie eine beliebige Realie, und einer Laufbahn im höheren Staatsdienst konnten sie durchaus nützlich sein. So war denn das typische Produkt dieses Systems zum Ende des Jahrhunderts nicht das eigenverantwortliche Subjekt, sondern der von Nietzsche gegeißelte Bildungsphilister, der sich so gut mit dem preußischen Untertan vertrug.

Die frühe, romantisch-revolutionäre Richtung des Idealismus, die Kritische Philosophie von Kant und Fichte, war in der Restauration untergegangen. Aus ihr hatte aber die Bildungsidee ihr Pathos gewonnen! Das erste Dokument der neuen deutschen Nationalbewegung waren Fichtes Reden an die deutsche Nation – und die handelten nicht vom Aufstand gegen Napoleon, sondern vom ‚Plan einer nationalen Bildungsanstalt’. (Die Landschulheim-Bewegung des 20. Jahrhunderts geht unmittelbar auf Fichtes Reden zurück.) Anfang und Ende der Kritischen Philosophie – und der Bildungs-Idee – ist das sich selbst bestimmende Subjekt. Der Satz, ‚Deutschsein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun’, war keine Tatsachenbehauptung, sondern ein Postulat: So soll es sein – nur wenn die Deutschen freie Menschen werden, können sie sich zur Nation bilden wie andere Völker (ein Gedanke, den Marx auf das Proletariat übertragen hat).

Das Prinzip der selbstbestimmten Persönlickeit ist nicht beiläufig mit der Idee ästhetischer Bildung verbunden, sondern historisch – und logisch. Dreh- und Angelpunkt der Kant’schen Kritik ist das Konstrukt des transzendentalen Subjekts. Doch hat er es nicht, wie etwa Descartes sein cogito, aus der Reflexion gewonnen, sondern aus erlebter Anschauung. Freilich nicht aus seiner eignen. Nachdem er in Shaftesburys Ästhetischer Metaphysik seinen archimedischen Punkt gesucht hatte, war ihm, wie so vielen Zeitgenossen, bei Rousseau das Licht aufgegangen: „Kein materielles Wesen ist durch sich selbst tätig; ich aber bin es. Man kann es mir bestreiten – ich fühle es, und dieses Gefühl, das zu mir spricht, ist stärker als die Vernunft, die es bestreitet“, sagt der Savoyische Vikar in Rousseaus Émile.

Ästhetisch ist dieses Erlebnis, weil es das Gefühl seiner Gewißheit unmittelbar bei sich führt, vor aller Reflexion, und analytischer Rekonstruktion nicht zugänglich. In Fichtes Wissenschaftslehre tritt es in der Figur der ‚Tathandlung’ wieder auf, und die Energie, die als ihr zu Grunde liegend gedacht wird, nennt er ‚produktive Einbildungskraft’. Friedrich Schiller hat die Wissenschaftslehre, als er sie eben druckfrisch in den Händen hielt, fast wörtlich in seine Ästhetische Erziehung des Menschen einbauen können (ab dem 19. Brief).

Die Zeitumstände – der Atheismusstreit – haben Fichte verführt, das Feld, auf dem die Einbildungskraft vorzüglich produktiv ist, als das Ethische zu bestimmen. Doch Stein des Anstoßes war gewesen, daß er den ‚Grund für unsern Glauben an eine göttliche Weltregierung’ in einem Bild ausgemacht haben wollte – in einem sinnbildlichen Ereignis, wo das Wahre, das Gute und das Schöne allerdings in Eins fallen. Sein (abtrünniger) Schüler Joh. Fr. Herbart hat die radikale Konsequenz daraus gezogen. Er nennt das ganze Reich der Praktischen Philosophie schlichtweg Ästhetik, und was wir landläufig Ethik nennen, gilt ihm nur als ein Anwendungsfall derselben. Moralität heißt bei ihm folgerichtig ‚der sittliche Geschmack’.

Herbart war der Begründer der wissenschaftlichen Allgemeinen Pädadogik. Aber geprägt hat er sie erst, nachdem ihn die selbsternannten ‘Herbartianer’ auf den Kopf gestellt hatten! Er selbst hatte „die Hauptaufgabe der Pädagogik“ als „die ästhetische Darstellung der Welt“ bestimmt, doch bei den Herbartianern hieß die Hauptaufgabe der Pädagogik: büffeln. Als die Jugendbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts zum Sturm auf die Lernschule blies – die Landschulheim-Bewegung vorneweg -, machte sie bizarrerweise gerade Herbart zu ihrem Buhmann.

Die deutsche Bildungsidee, auf die wir uns so lange so viel zugute gehalten haben, hat nicht erst mit Georg Picht und Theodor Litt vor dem Nutzen kapituliert, sondern schon mit der Restauration und dem Biedermeier. Solange ihr die industrielle Revolution und der Triumph des Fabriksystems noch bevorstanden, konnte sie sich nicht behaupten. Sie mußte utilitär versanden. Es galten Verwertbarkeit und Planung. Doch heut am Ende der industriellen Zivilisation, am Anfang der „Mediengesellschaft“, wo produktive Einbildungskraft und Wagemut selbst im Krämersinn nützlich werden, erhält sie unverhofft ihre zweite Chance. Aber sicher nicht in ihrer metaphysisch-objektivistischen Verfallsform, sondern als das kritisch-romantische Original; als ästhetische Bildung.

Das heißt nicht bloß: mehr Kunst- und Musikstunden. Die inhaltliche Neubestimmung, die Sie fordern, muß eine Neubegründung der gesamten Pädagogik werden – auf der Einsicht, daß allein das Ästhetische das Feld ist, welches die Reflexion zu bestellen hat. Das ist kein Sowohl-als-auch, sondern ein Um-zu.

In der „entstandardisierten“ Risikogesellschaft wird Identität ein akuteres Problem denn je. Persönlichkeit, Charakter, Selbstheit ist keine dem individuellen Leben vorausgesetzte Entelechie. Identität muß sich bilden – in der Angerührtheit vom Erlebnis der Andersheit des Andern. Und das ist der ästhetische Elementarakt! Stoff und Medium persönlicher Bildung ist der, die, das Fremde – insofern ich ihn, sie, es von mir unterscheide. Das geschieht in der Anschauung, nicht erst in der Reflexion – denn es ist das, worauf alle Reflexion sich bezieht.

Pädagoge ist nicht schon der Didaktiker, der die Information X aus dem Speicher a in den Speicher b überführt. Ein Pädagoge ist ein Seelenfänger, und Seelen fängt man nicht, wenn man sie jagt, sondern indem man sie verführt: zum Erleben der Selbstheit in der Befremdung durch den Andern. Er verwickelt seinen Zögling in einen Roman, den der selber zu Ende bringen muß, und das ist nicht die Erfüllung eines Programms, sondern ein Sprung ins Ungewisse. Was passiert im Roman? Ein Bild ‚zeichnet sich ab’. Das Bild einer Welt, darin das Bild eines Ich. Wie sie in einander fließen und sich gegen einander absetzen, das macht die Handlung aus. Eigentlich ist jeder Roman ein „Bildungs“-Roman, nur eben nicht immer ein gelungener. Und weil doch Bildung immer ein Roman ist, spricht man besser von einer romantischen Idee als von einer humanistischen.

Sich ein Bild machen, das heißt nicht nur: anschauen, sondern auch: es als bleibend festhalten – bestimmen als dieses und kein anderes. Das ist die Arbeit der Reflexion, der kognitiven Vermögen. Ästhetische Bildung ist darum nicht Konkurrent der Verstandesbildung, sondern, im Gegenteil, ihre Begründung. Identität beginnt als erlebte Gewißheit der Selbsttätigkeit. Aber sie bewährt sich als Bewußtsein.

Daß die Deutschen mit ihrer schon immer und nach Auschwitz erst recht gefährdeten nationalen Identität besondere Mühe haben, das Fremde in ihrer Mitte zu ‚integrieren’, wen kann es wundern? Doch integrieren heißt nicht angleichen, nicht vermengen bis zur Unun- terscheidbarkeit, wo alles gleich-gilt. Vielmehr ist ja die Andersheit des Andern die Gewähr meiner Identität. Doch nur unter dieser Prämisse: dem normativen Rang der Person. Das ist das spezifisch abendländische Axiom, das wir mit unsern Nachbarn teilen. Es macht unsere gemeinsame Kultur zwar einerseits universalistisch, aber scheidet sie zugleich von allen anderen. Wir haben sie noch ein bißchen nötiger als die Nachbarn, und so liegt die Hoffnung der Deutschen auf eine nationale Identität darin, daß wir noch ein bißchen „westlicher“ werden als jene. Die Voraussetzung dafür hieße Bildung.

Sehr geehrter Herr Professor Nida-Rümelin, ich hoffe, Sie werden sich weiterhin nicht nur als Philosoph, sondern auch als Staatsminister für die Kultur in die bildungspolitischen Debatten einmischen!

Mit besten Grüßen,

Ihr Jochen Ebmeier,

Freunde des Landschulheims Fürstlich Drehna e. V.

Geschäftsführer

ungewiss

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Eine späte Antwort:

10. 12. 2007

Sehr geehrter Herr Ebmeier,

Sie haben einmal zu meinem Artikel in der Welt “Alles wandelt sich, der Humanismus bleibt” (27. März 2002) eine längere Replik in Gestalt eines Briefes an mich verfasst. Ich bin erst jetzt auf diesen Brief aufmerksam geworden und habe aus seiner Lektüre viel gelernt. Die inhaltlichen Übereinstimmungen liegen auf der Hand.

Ich wünsche Ihnen für Ihre Arbeit in humanistischer Gesinnung weiterhin viel Erfolg und bin mit freundlichen Grüßen

Ihr Julian Nida-Rümelin

Lehrstuhl für Politische Theorie und Philosophie
Geschwister-Scholl-Institut der Universität München Professor Dr. Julian
Nida-Rümelin, Staatsminister a.D.

Schrumpft die Schule!

•Oktober 21, 2009 • Kommentar schreiben

in: Neues Deutschland vom 14. 4. 1994

Gesellschaft heißt Arbeitsteilung und Kooperation. Wer in der Gesellschaft lebt, lebt von der Gesellschaft. Zivilisations- müdigkeit ist – Kunststück – ein Zivilisationsprodukt. „Zurück zur Natur“ ist die Luxusparole derer, die schon alles haben. Wer mit dem Ausstieg ernstmachen wollte, müßte zuerst der Gesellschaft zurückerstatten, was er bereits von ihr genommen hat. Dann mag er ziehen…

Der Mensch ist ein Kulturwesen; das Kulturwesen. Neben seiner ersten, physiologischen, hat er eine zweite, historische und selbstgemachte Natur. Oder richtiger: Da er Kulturwesen ist, hat er auch seine erste Natur nur als Kulturgeschöpf; er kann nicht mehr wählen. Daß er überhaupt wählen will, verdankt er seiner selbstgemachten Geschichte und zeigt, daß er schon gewählt hat: Nur als Kulturmensch kann er Naturwesen sein wollen.

Ob Kinder in die Gesellschaft und ihre Kultur hineinwachsen sollen oder nicht, steht nicht im Ermessen ihrer (zufälligen) Eltern. Jene sind selber Kulturprodukte und mögen, wenn sie die Bedingung erfüllen, die Kultur fliehen; aber andere ungefragt ins Exil schicken, das dürfen sie nicht. Die allgemeine Schulpflicht ist selbst ein kultureller Reichtum.

Denn Aufgabe der Schule ist es, das kulturelle Erbe der Menschheit an die nachwachsende Generation weiter zu reichen. Ihr Zweck ist Bildung.

Ausbildung für den Arbeitsmarkt ist ihr erst in neuerer Zeit als Pensum zugewachsen, mit der Industrialisierung und ihren verallgemeinerten Qualifikationsstandards. Die Schule hörte auf, privilegiertes Bildungsinstitut der herrschenden Klassen zu sein, und wurde allgemeine Dienstleistungsindustrie für den Arbeitsmarkt: vergesellschaftete Produktion des Arbeitsvermögens…

Die Realschule drängte das Gymnasium in die Defensive.

Heute ist das, was man in der Schule lernen kann, so unbrauchbar für das berufliche Fortkommen wie nie zuvor. Was du gestern gelernt hast, ist heute schon veraltet. Der technologische Fortschritt macht jeden Tag neue Fertigkeiten und, was fast dasselbe ist, neue Formen der Arbeitsteilung erforderlich. Wer sich am Arbeitsmarkt halten will, muß sich permanent „weiterbilden“. Die Idee, die Schule könne den Heranwachsenden „mit allem ausstatten, was er im Leben mal brauchen wird“, ist vorsintflutlich und findet einen (wackligen) Anhaltspunkt nur noch im beschäftigungspolitischen Standesinteresse der Lehrerschaft.

Max Scheler hat in seiner Wissenssoziologie unser Wissen in drei Klassen geschieden. ‚Herrschaftswissen’ bezeichnet all jene Kenntnis, die die Mächtigkeit der Menschen über ihre Lebensumstände erweitert: Wissen, das nützt. ‚Bildungswissen’ ist ein solches, das man „nur so“ besitzt: um seiner selbst willen; die Bekanntschaft mit Kunst und Philosophie etwa. „Heilswissen“ schließlich ist alles, was mit dem Sinn des Lebens zu tun hat.

Die propagierte Verwissenschaftlichung der Schule im letzten Vierteljahrhundert hat sich am Ende als die flachselbstverständliche Subsumtion aller möglichen Wissensgehalte unters Diktat der Nützlichkeit erwiesen. Deutschunterricht wird heute so erteilt, als ginge es lediglich um die Ausbildung neuer Deutschlehrer. Griechisch und Latein sind ganz entfallen; wer will denn heut auch schon noch Altphilologe werden?

Von Humanismus am Gymnasium keine Spur ; es ist selbst nur noch eine große (und nicht enden wollende) Realschule.

Der Pflasterstein, den die Finanzpolitiker dieser Tage in den Froschteich geworfen haben, kann zum Befreiungsschlag der Bildungspolitik werden. Der gesunde Menschenverstand hat vernehmlich das Wort ergriffen, und das laute Quaken der ‚Betroffenen’ läßt ahnen, daß er ins Schwarze getroffen hat.

Natrlich muß das dreizehnte Schuljahr gestrichen werden. Die jungen Leute werden viel zu lange vom allgemeinen gesellschaftlichen Verkehr ferngehalten, und der ist schließlich selber eine kulturierende Instanz.

Aber gewiß nicht, um den unnützen Ausbildungsplunder von dreizehn Jahren nun in deren zwölfe zu stopfen. Es muß die Chance beim Schopf ergriffen werden, die Lehrpläne gründlich auszumisten – nicht von Bildungswissen, sondern von unbrauchbaren Realien. Es ist völlig in der Ordnung, daß die Inhalte abendländischer Bildung zuerst einmal für die Schule gelernt werden und nicht „fürs Leben“: Nützen können sie sowieso nicht, und wertschätzen wird man sie erst aus gewonnenem Abstand. Aber daß Kenntnisse, die der persönlichen Karriere zugedacht waren, ausschließlich fr den Lehrer und die nächste Klassenarbeit gebüffelt, dann aber schleunigst vergessen werden, um neuem Dreitageschrott Platz zu machen, das ist ein Unrecht an den Schülern und eine Zumutung für den Steuerzahler.

Nur wenn die Schule wieder Stätte allgemeiner Bildung wird und die Ausbildung für den Arbeitsmarkt spezialisierten Instituten überläßt, die was davon verstehen, kann auf die Dauer die allgemeine Schulpflicht gegen die Ivan Illichs und andere luxurierende Kulturflüchter verteidigt -, und kann verhindert werden, daß Bildung schließlich wieder zum Privileg weniger Auserwählter wird.

Bildung aber braucht Muße.

Input und Output haben da nichts zu suchen. Schulstreß und Bildung schließen einander aus. Es ist also klar, in welche Richtung jede ernstgemeinte Diskussion um weitere Schulreform nunmehr zu gehen hat: Reduktion der Stundenpläne, Rückgewinnung von freier Zeit.

Und es gibt keinen Grund, damit bis zur gymnasialen Oberstufe zu warten. Indianerspiele, Kokeln hinterm Haus, Streunen durch Keller und Dachböden, zielloses Vagieren in Stadt und Land weiten den Blick und wecken den Wunsch, mehr zu wissen. Sie sind echte Bildungselemente, wie die elektronischen Medien übrigens auch.

Und alles braucht seine Zeit.

Lehrer, die der angeblich wachsenden Gewaltbereitschaft an den Schulen nicht mehr Herr werden, sollten sich zusammenschließen und dafür starkmachen, ihre Schüler nicht mehr länger, als zu Bildungszwecken unvermeidlich, zu klaustrieren, aus der Welt auszusperren und in ihrem natürlichen Unternehmungsgeist zu hemmen. Eine Menge Probleme erledigen sich dann von selbst, und die Kultur gewinnt.

Kampf dem Schulstreß! Arbeitszeitverkürzung auch für Kinder!

Nieder mit der Ganztagsschule! Rettet den schulfreien Nachmittag!

Kurz, schrumpft die Schule.

Jochen Ebmeier

Diaphora Gesellschaft für neue Erziehung mbH (gemeinnützig)

Kleine Erziehlehre.

•Oktober 18, 2009 • Kommentar schreiben

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Der folgende Text stammt aus dem Herbst 1989, ist also schon zwanzig Jahre alt,  und erschien erstmals in unsere Jugend 6/1990, S. 229f. als Anhang zu „Vergeßt ´68!“. Man erkennt darin, wie es die Beschäftigung mit „la folie“, dem Irrsinn war, aus der nicht nur meine Vorstellungen von ‚normaler’ Pädagogik, sondern auch meine Auffassungen vom ‚Ich’ und von der ‚Welt’ stammen. Wolle man das Normale verstehen, sagt Kierkegaard irgendwo, müsse man nach einer spezifischen Ausnahme schauen…

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1. Der Grundsatz, von dem auszugehen ist: Das Kind will ‚in der Welt’ sein.

2. Es will seinen ‚Platz’ in der Welt.

3. Das Kind sucht seinen Platz in der Welt.

4. Das Kind wird seinen Platz in der Welt finden.

5. Es wird ihn finden, nachdem es manchesmal geirrt hat.

Es wird sich irren über die Beschaffenheit der Welt.

Es wird sich irren über sein eigenes Vermögen.

Es wird sich also irren über sein ‚Bestimmung’ in der Welt: wo es seinen Platz suchen soll.

6. Es wird ich dennoch finden – weil es in der Welt immer wieder auf andere Menschen trifft, die es schon – in Wort und Tat – auf seine Irrtümer aufmerksam machen werden.

7. Das ist die Regel.

8. Und dann kommen die ‚irregulären’ Sonderfälle. Nämlich wenn das Kind eine besonders schweren Irrtum begeht: über die ‚Beschaffenheit’ der Welt; über sein eigenes Vermögen; und ergo über seine ‚Bestimmung’.

Der Irrtum kann – in beiderlei Hinsicht – so groß sein, daß es meint, keine ‚Bestimmung’ in der Welt zu haben; daß es also glaubt, der Welt nicht angehören zu sollen: Es ‚ist der Welt abhanden gekommen’. Es denkt: „Die ganze Welt ist nicht für mich.“

Der seitenverkehrte Große Irrtum wäre: „Die ganze Welt ist nur für mich.“

Und das heißt in beiden Fällen: ‚Ich bin für die Welt nicht da’ – im einen Fall trotzig-resigniert, im andern anmaßend-begehrlich.

9. Beides ist Irrsinn: nämlich der totale Irrtum über ‚meine’ Bestimmung in der Welt.

10. Aber ist dieser ‚an sich’ erwiesene Irrtum darum auch schon „krankhaft“? ‚Aber offenkundig’, wird jedermann sagen – wo es nämlich über den resignierenden Rückzie- her geht: den Psychotiker, den ‚Autisten’.

Doch merkwürdig. Über sein alles ver- einnahmendes Spiegelbild wird man eher sagen: Das Kind hat das Zeug zu einer glän- zenden Karriere; es muß nur noch lernen, seinen Vorteil exakter zu… kalkulieren.

Also welche Sorte Irrsinn ‚krank’ ist und welche nicht, entscheidet offenbar ‚die Gesell- schaft’ – und zwar danach, ob und inwieweit der Irrsinn mit ihren spezifischen Formen der des allgemeinen Verkehrs funktionell vereinbar ist.

Der Alles-gehört-mir-Typ ist in einer Gesellschaft, deren Verkehrs- weise die Konkurrenz am Markt ist, ein ganz und gar ‚gesunder’. Wenn auch einer, mit dem privat keiner gern zu tun hat, so doch einer, den sie öffentlich alle hofie- ren.

Er ist nicht ‚krank’, sondern der ins Extrem verzerrte Prototyp der gesellschaftlichen Normalität.

Krank ist nur der, der sich dem Marktgeschehen versagt.

Aber irre sind sie beide, denn sie sind ‚der Welt abhanden gekommen’.

11. Die pädagogische Praxis hat ihren Ort im Kontinuum zwischen der Regel und dem totalen Irrtum.

Und daher ist der Erzieher auch kein verkappter Psychiater. Um- gekehrt. Der („Kinder“-) Psychiater ist ein irrender Erzieher.

12. Denn die Aufgabe ist immer nur die: das Kind auf seinen Irrtum aufmerksam machen.

Wenn es sich aber um einen schweren Irrtum handelt, ist die Aufgabe offenbar schwieriger (aber auch deutlicher), als wenn es sich um einen ‚gewöhnlichen’ handelt.

Und nachdem der Irrtum schon begangen wurde, stellt sich die Aufgabe anders, als während er gerade erst begangen wird.

Die ‚Kinderpsychiatrie’ ist also der Grenzfall der ‚normalen’ Päda- gogik: dem Kind beim Heranwachsen an, beim Hereinwachsen in die Welt ‚unter die Arme zu greifen’.

……13. „Die Erziehung muß sich bescheiden, mehr negativ zu sein als positiv; mehr Wechselwirkung mit dem Zögling als Einwirkung auf ihn.“ (J.G. Fichte) ‚Erziehen’ heißt darum: nur die ‚innere Kraft’ des Kindes entwickeln helfen, und nicht: ihr eine Richtung anweisen. Heißt: Bedingungen schaffen, durch die die wachsenden ‚innere Kraft’ heraus gefordert wird und nicht verödet oder verschlissen.

Heißt den jungen Menschen bestätigen in seinem Wunsch, seine Bestimmung selber zu suchen, und in dem Zutrauen, sie auch selber zu finden.

14. Das ist die anständige Auffassung von der Erziehung.

15. Daraus folgt unmittelbar, daß das entscheidende Medium der ‚Wechselwirkung’ zwischen Kindern und Erwachsenen nicht das Reden, sondern das Handeln ist. Im Gebrauch der Wörter ist der Erwachsene grundsätzlich – und sei’s nur wegen der geringeren Übung – haushoch überlegen: Hier begegnet er ihm auf einem Terrain, wo es sich nicht behaupten kann. Solange der Erwachsene nur redet, ist die „Wechselwirkung“ für das Kind nur ein betrügerischer Schein. In Wahrheit wird es vergewaltigt – aber kann es nicht sagen.

16. Reden kann man „unter vier Augen – und notfalls auch allein.

Aber Handeln findet immer, wenn es kein Theater ist, in der Welt der Vielen statt: Als Handelnde sind die Menschen nie ‚allein’, oder auch nur ‚zu zweit’; sondern immer in der Welt der Andern.

17. Handeln ist realer als reden.

18. Es findet in Situationen statt, und die sind immer konkret.

19. Darum gibt es auch keine ‚Theorie’, an die der Erzieher sich ‚halten’ könnte.

20. Pädagogik ist keine Wissenschaft.

jedenfalls keine „theoretische: sie lehrt nicht, was ‚wahr’ ist; sondern allenfalls eine „praktische“ : die sagt,

was als gut und richtig gelten soll.

Erziehen ist eine Sache des Alltags.

21. Pädagogik ist, wo sie theoretisch wird, Kunstlehre.

22. Und der – gute – Erzieher ist ein Künstler. Aber ein Aktionskünstler: er schafft keine ‚Werke’, sondern eben nur – Situationen

23. Zum Erzieher qualifizieren ihn zwei Eigenschaften: Sinn für Humor und Sinn für Proportionen. Beide ‚Eigenschaften’ kann man lernen – wenn auch nicht gerade auf der Schulbank.

……24. Aber man müßte sie lernen wollen.

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im Oktober 1989

Gelobtes Land.

•September 21, 2009 • Kommentar schreiben

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In der Kinderwelt steht die ganze Nachwelt vor uns, in die wir, wie Moses ins gelobte Land, nur schauen, nicht kommen; und zugleich erneuert sie uns die verjüngte Vorwelt, hinter welcher wir erscheinen mußten; denn das Kind der feinsten Hauptstadt ist ein geborner Otaheiter, und der einjährige Sanskulotte ein erster Christ, und die letzten Kinder der Erde kamen mit dem Paradiese der ersten Eltern auf die Welt. So sind (nach Bruyn) physisch die Kinder der Samojeden schön, und nur die Eltern häßlich.

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Jean Paul, Levana oder Erziehlehre, I. Kapitel, §1

Kiddie Kulture literarisch.

•September 18, 2009 • Kommentar schreiben

harry potter

Im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung von heute erschien unter dem Titel Flucht in die Verzauberung ein Essay über den Einbruch der Jugend- und Kinderliteratur in die Lesegewohnheit der erwachsenen Generation.

aus: NZZ 18. 9. 09
Zeitzeichen: Flucht in die Verzauberung 
Warum lesen immer mehr Erwachsene Bücher für Jugendliche?

Auf den Bestsellerlisten finden sich immer mehr Jugendbücher. Erwachsene haben Fantasy-Reihen und das Jugendsachbuch für sich entdeckt und verhelfen dem Buchmarkt damit zu Wachstum.

Was geschieht, wenn Erwachsene sich in die sieben Bände von «Harry Potter» vertiefen? Man betritt eine verführerische Welt, in der hinter jedem Baum ein Fabelwesen wartet, in der es Rätsel zu lösen gibt und wo niemand derjenige ist, der er scheint – und die erst noch von mutigen, cleveren und edelmütigen jungen Menschen vor dem eiskalten, buchstäblich seelenlosen Lord Voldemort gerettet wird. Ein wenig «guilty pleasure» allerdings ist bei einer solchen Lektüre dabei, umso mehr, wenn man sich insgeheim den ganzen Tag darauf freut und dem Ende des siebten Bandes mit Bedauern entgegensieht: Erliegt man also dem süssen Sog des Trivialen?

«Vergnügen ist kein unfehlbarer guide, aber der am wenigsten fehlbare», schreibt W. H. Auden in seinem Essay «Reading». Worin besteht das Lesevergnügen – und ist es bei Erwachsenen ein anderes als bei Kindern? Wenn das Kinderbuch die richtige Form für etwas sei, das ein Autor zu sagen habe, werde es von Lesern jeden Alters gelesen, so C. S. Lewis, der Autor von «Die Chroniken von Narnia». Kinderbücher hätten für Autoren Vorteile: Zum einen könne man vieles weglassen, was einen nicht interessiere, und zum andern stecke man die ganze Kraft des Buchs «in das, was getan und gesagt wird» – und genau deshalb sind Kinderbuchklassiker auch für Erwachsene ein Genuss. Ob man von einem Text mitgerissen wird, hängt in erster Linie davon ab, ob sich der Autor beim Schreiben hat mitreissen lassen – diese Energie jedoch ist gefährdet, wenn ein Autor ausdrücklich für eine Zielgruppe oder Altersklasse schreibt.
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Auch Erwachsene brauchen Märchen 

Ohnehin sind die Altersklassen ein Service für die Erwachsenen, die möglichst wenig Zeit verlieren wollen, wenn sie Bücher für ihre Kinder kaufen. Dabei gibt es keinen Grund, warum Jugendliche nicht Kafka oder Dostojewski lesen sollen. Kinder selbst erweisen sich oft als findige Leser von Büchern, die nicht für sie geschrieben wurden. Mit dem, was über ihren Kopf hinweg zielt, verfahren sie ähnlich wie die Erwachsenen bei den endlosen Quidditch-Spielen bei «Harry Potter»: Sie überlesen, was sie nichts angeht. Kinder gelten als Plot-fixiert, doch auch dies trifft nicht immer zu.

Manche Kinder haben an raffinierten Formulierungen ihre Freude: «Eines Tages, als der Frieder den Weg aus dem Zuchthaus allein gefunden hatte» – der 9-jährige Bub, der dieses Understatement in Johann Peter Hebels Kalendergeschichten geniesst, liest in seinem Pokémon-Heftchen ebenso begeistert Sätze wie diesen: «Währenddessen schleudert Lanturn Bamelin mit Hydropumpe in die Luft und blockt Aquawelle mit Donnerblitz.» Warum soll das eine besser sein als das andere? Er wolle sich beim Lesen nicht immer anstrengen, meint er achselzuckend. «Das Lesen eines Kindes wird vom Vergnügen geleitet, aber sein Vergnügen ist undifferenziert. Es kann beispielsweise nicht zwischen ästhetischem Vergnügen und dem Vergnügen des Lernens oder des Tagträumens unterscheiden», so Auden.

Auch Erwachsene brauchen offenbar Märchen – nur ist dies kein neues Phänomen. Wir kehren zu den ältesten Lesegewohnheiten zurück, denn Märchen richteten sich ursprünglich ebenso wenig an Kinder wie die Ritterromane mit ihren Drachen und Zauberschlössern. In seinem Essay «On Fairy Stories» (1947) warnte J. R. R. Tolkien («Der Herr der Ringe») davor, Märchen – «the land full of wonder but not of information» – ausschliesslich in die Kinderstube zu verbannen: Kinder würden Märchen keineswegs besser verstehen als Erwachsene.

herr der Ringe

Wenn Erwachsene sich in ein Land des Staunens und der Wunder versetzen lassen, ist der Eskapismus-Vorwurf so naheliegend wie unvermeidlich. Und in der Tat: In der Regel erwartet die Fantasy vom Leser nichts. Auch wenn sie anspruchsvoll daher kommt, reizt sie vor allem das Belohnungssystem im Gehirn des Lesers. Die literarischen Anspielungen etwa – Cornelia Funkes «Tintenwelt» ist damit noch üppiger ausgestattet als «Harry Potter» – sind Köder fürs gehobene Publikum, das sich mit Genugtuung seiner Bildung versichern kann.

Und doch wird man der Fantasy nicht gerecht, wenn man sie wegen ihrer mentalen Wellness-Qualitäten als belanglos abtut – wenn es auch in diesem Genre nicht leicht ist, die Meisterwerke auszumachen. Zum einen leistet die Massenproduktion der Trivialität Vorschub, und zum anderen taugen gerade die ungewöhnlichsten dieser erfundenen Welten nicht zum Kult. In Jonathan Strouds Anti-Harry-Potter-Trilogie «Bartimäus» etwa werden politische Intrigen und weltgeschichtliche Anekdoten miteinander verwoben, und zwar aus der ironisch gefärbten Sicht eines sarkastischen 5000 Jahre alten Dschinns, der vom 12-jährigen Zauberlehrling Nathanael beschworen und versklavt wird.
 

Alte Sehnsüchte 

Auch Tove Janssons «Mumins», geschrieben zwischen 1945 und 1970, sind erstaunlicherweise für viele immer noch ein Geheimtipp. In der surrealen Welt des Mumintals halten uns die Trolle und Tiere einen poetischen Spiegel von tiefsinniger Komik vor. Wir begegnen Wesen wie der katastrophensüchtigen, biederen Filifjonka, die es sich so gern gemütlich machen möchte und die doch jeden Tag den Weltuntergang erlebt, oder dem kleinen, plapperigen Tier, dem der Schnupferich den Namen Ti-ti-uu gegeben hat und für das damit ein neues Leben beginnt: «Jetzt bin ich eine eigene Person, und alles, was passiert, hat eine Bedeutung. Es passiert nämlich nicht nur so ganz allgemein, sondern es passiert mir, Ti-ti-uu.»

C. S. Lewis , Narnia

C. S. Lewis spricht von uralten Sehnsüchten, die in der phantastischen Literatur eine Erfüllung fänden – «eine undeutliche Ahnung von etwas jenseits unserer Reichweite». Tolkien benutzt das Wort «enchantment». Wenn die Verzauberung genug Kraft hat, vermag sie unseren Alltag zu sprengen, zumindest für einige Stunden. Religionsersatz spielt durchaus eine Rolle bei der Fantasy-Lektüre, die bisweilen suchtartige Züge trägt: Es ist kein Zufall, dass sowohl Tolkien als auch Lewis – die Klassiker der modernen Fantasy – religiös geprägt waren.

Ein objektives literarisches Geschmacksurteil gebe es nicht, betont Auden, auch im reiferen Alter lasse sich der Geschmack nicht von den subjektiven Wünschen lösen, die uns zum Lesen verführen. Einer der Wünsche, deren Erfüllung die Fantasy verheisst, besteht in der Sehnsucht nach Transzendenz, ein anderer verbirgt sich im glücklichen Ende, mit dem die Märchen nicht nur Kinderseelen trösten. Das Bedürfnis nach Hoffnung ist nicht trivial, und so sieht Tolkien im Happy End auch keinen Eskapismus. Schliesslich würden nicht die Sorge und das Versagen geleugnet, sondern nur die endgültige Niederlage.

Sieglinde Geisel

JACKSON

Mein Kommentar: Kiddie Kulture!

Nun ist das weltweite Phänomen, dass der Geschmack der Kinder die Standards der Weltkultur moduliert, weißgottnicht auf das gedruckte Buch beschränkt. Der Herr der Ringe und Harry Potter waren im Kino nicht minder erfolgreich als Star Wars, E.T. und Jurassic Park!

Es scheint, als sei die IT-Revolution in den Feuilletonredaktionen bei allem Wortsalat doch noch nicht ganz angekommen.

Ich habe der NZZ daher einen Leserbrief geschrieben.

Der Beitrag ist zwar "interessant", aber aus einem verengten Blickwinkel verfasst.

Die wahre Bedeutung von Harry Potter & Co. für die Weltkultur liegt in ihrem Beitrag zum Ausbau und zur Stabilisierung dessen, was die Amerikaner Kiddie Kulture getauft haben und was mit ‘Kinderkultur’ nur unzulänglich übersetzt würde. Kinderkulturen gibt es, seit es Kulturen gibt; und sie sind lokal so vereinzelt wie alle Volkskultur. Kiddie Kulture gibt es seit zwei, drei Jahrzehnten, und sie ist global – weil sie sich durch die Neuen Medien ausgebildet hat. Und nur darum ist es ihr gelungen, in die Weltkultur der älteren Generationen einzudringen.

Ihr erstes Megaereignis war Michael Jackson, der ohne Kiddie Kulture nie zum Größten Star Aller Zeiten geworden wäre – und ohne den Kiddie Kulture vielleicht nie den Weg um die Welt gefunden hätte. Ihr neuester Sieg war die Etablierung von Tokio Hotel an der Weltspitze der Popkultur – die im übrigen der erste genuine Beitrag des wiedervereinigten Deutschlands zur Weltkultur sind!

Devilish, heute Tokio Hotel

Was ähnlich Erhebliches kann man über die Fantasy-Literatur nicht sagen. Vielleicht nur noch nicht.

Der Mann im Kind

•September 14, 2009 • Kommentar schreiben

 

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Betrachtet man eine Reihe Bilder von sich selbst, von den Zeiten der letzten Kindheit bis zu der der Mannesreife, so findet man mit einer angenehmen Verwunderung, dass der Mann dem Kinde ähnlicher sieht als der Mann dem Jünglinge: dass also wahrscheinlich, diesem Vorgange entsprechend, inzwischen eine zeitweilige Alienation vom Grundcharakter eingetreten ist, über welche die gesammelte, geballte Kraft des Mannes wieder Herr wurde. So erscheint auch das Denken und Empfindungen des Mannes dem seines kindlichen Lebensalter wieder gemäßer.

Friedrich Nietzsche, in Menschliches Allzumenschliches

Zurück zur Wahrhaftigkeit.

•September 13, 2009 • Kommentar schreiben

lord of flies Gestern haben sich auf der Straße zwei Jungens bei mir über meinen Nachbarsjungen beschwert. Als ich ihnen sagte: Jungens petzen nicht, hat man euch das noch nicht gesagt? – guckten sie betreten. Und als ich hinzufügte: Mädchen petzen, grinsten sie schmerzlich. Der Sachverhalt war ihnen also bekannt. Sie hatten nur nicht erwartet, dass ihnen ein Erwachsener sagt, was sie selber wussten.

Das sollten sie demnächst wieder erwarten können.

DRINGEND empfohlen:

•September 1, 2009 • Kommentar schreiben
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Sir Ken Robinson spricht: "Die Schule tötet Kreativität"                
 
 
In seinem Vortrag vor dem TED entwickelt Sir Ken diesen Kerngedanken: Wir wissen nicht, wie die Welt, die unsere Kinder zu gestalten haben werden, an dem Tag aussieht, wo sie "ins wirkliche Leben hineintreten". Jede Bildungs-Konzeption, die eine Spezialisierung einer andern vorzieht, ist auf jeden Fall falsch und unbrauchbar. Nötig ist eine Bildung, die unsere Kinder befähigt, an ihrem Tag X auf alles gefasst zu sein.
 
*
 
Und an diesem Punkt wäre Sir Kens Argument fortzuführen: Die digitale Revolution macht einen Umbruch der pädagogischen Perspektive nicht nur notwendig, sondern auch möglich. Das Speichern von detailliertem Fachwissen kann man nunmehr dem Computer überantworten. Für die Menschen vorrangig wird das Wahrnehmen und Schaffen von großen Zusammenhängen und Ganzen Gestalten. Das ist weniger eine Sache des Gedächtnisses* und der Kombinatorik, als eine Sache der Einbildungskraft. Eine Sache weniger des ‘Lernens’ als der Bildung – des SichSelberBildens. Noch genauer gesagt: eine Sache unseres ästhetischen Vermögens.
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*) Des Langzeitgedächtnisses; das Kurzzeitgedächtnis ist eher zu den kreativen Vermögen zu rechnen.
 

Über das Spielen.

•August 18, 2009 • Kommentar schreiben

Brettspiel

Der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der Schönheit spielen. Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Fr. Schiller, Die ästhetische Erziehung des Menschen

Um wirklich zu spielen, muss der Mensch, solange er spielt, wieder Kind sein.

Johan Huizinga, Homo ludens

*

Die Freude am Spiel ist das schlechterdings ästhetische Vermö- gen: die Bereitschaft, die ‚Sachen’ nicht nur so anzuschauen, sondern so für wahr zu nehmen, als ob sie ‚an und für sich selber’ wären; nämlich ohne irgend ein Verhältnis zu irgend einem Andern, und vor allem nicht: zu meinem ‚Bedürfnis’. Es ist eo ipso die Kraft zur Abstraktion und ergo der Reflexion. Kurz, am „Grunde“ der Vernunft steht das Spiel – als die spezifisch männlich-kindliche Leistung

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[Nota: Der Gedanke, dass die Dinge so, wie sie im Fluss des Geschehens erscheinen, eben nicht ‚an und für sich’ sind, ist alles andere als ein natur- wüchsiger; er kommt undeutlich erst bei den ionischen Naturphilosophen und ausdrücklich erst bei den Eleaten vor.]

The Oxford lecture: Michael Jackson über Kindheit und Vaterschaft.

•Juli 14, 2009 • Kommentar schreiben

Das bedeutendste Selbstzeugnis von Michael Jackson ist ohne Zweifel die Vorlesung, die er unter dem Titel How to forgive your father am 6. März 2001 vor der Oxford Union an der dortigen Universität gehalten hat. Sie ist nicht weniger als die Erklärung, die Rechtfertigung seines Leben und seiner Kunst. Ich kann mir keine künftige Biographie des größten Stars aller Zeiten vorstellen, die auf die ungekürzte Wiedergabe dieses Textes verzichten würde.

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Danke. Vielen Dank aus tiefstem Herzen, liebe Freunde, für den herzlichen Empfang! Und vielen Dank an Sie, Mr. President, für Ihre feundliche Einladung. Ich fühle mich hoch geehrt.

Und meinen ganz besonderen Dank möchte ich an Shmuley* richten, der
schon seit 11 Jahren hier in Oxford als Rabbiner seinen Dienst tut.

Du und ich, wir haben so hart gearbeitet, um Heal the Kids zum Leben zu erwecken, und daran, unser Buch über die Qualität des Kindlichen zu schreiben. Bei all unsern Mühen warst du mir ein hilfreicher und liebevoller Freund. Und ich möchte mich auch bei Toba Friedman bedanken, unserer organisatorischen Direktorin bei Heal the Kids, die als Marshall-Stipeniatin heute Abend wieder an die Universität zurückkehrt, und an Marilyn Piels, ein weiteres wichtiges Mitglied des Heal the Kids-Teams.

Ich erfüllt mich mit Demut, dort zu reden, wo schon so bedeutende Menschen wie Mutter Theresa, Albert Einstein, Ronald Reagan, Robert Kennedy und Malcom X gestanden haben.

Ich habe gehört, dass sogar Kermit der Frosch hier war, dem ich immer so gut nachfühlen konnte, dass es nicht leicht ist, grün zu sein. Und sicher ist es ihm auch nicht leichter gefallen als mir, vor Ihnen hier oben zu stehen!

Als ich mich heute hier in Oxford umgesehen habe, wurde mir die Größe und Majestät Ihrer großartigen Institution bewusst, nicht zu reden von den hervorragenden und begnadeten Geistern, die seit Jahrhunderten durch diese Straßen wandeln. Oxfords Gemäuer haben nicht nur den größten Philosophen und wissenschaftlichen Genies beheimatet, sie haben auch einige der meistgepriesenen Kinderbuchautoren hervorgebracht, von J. R. R. Tolkien bis zu C. S. Lewis.

Heute hatte ich Gelegenheit, in den Speisesaal der Christ Church zu humpeln, wo Lewis Carrols Alice im Wunderland in den Farbglas-Fenstern verewigt ist. Und sogar einer meiner amerikanischen Gefährten, der geliebte Dr. Seuss,** hat diese Hallen beehrt und hat dann seine Spuren in den Vorstellungen von Millionen von Kindern überall auf der Welt hinterlassen.

Alice in der Christ Church, Oxford (links oben)

Ich sollte wohl zunächst einmal aufzählen, was mich dazu qualifiziert, heute Abend vor Ihnen zu sprechen.

Liebe Freunde, ich gebe nicht vor, über denselben akademischen Sachverstand zu verfügen, wie die Redner vor mir, ebensowenig wie sie behauptet hätten, moonwalken zu können — und ich kann Ihnen sagen, gerade Einstein war darin ganz schaudehaft!

Aber ich darf beanspruchen, mehr Orte und Kulturen dieser Welt kennen gelernt zu haben, als die meisten anderen Menschen jemals werden. Das Wissen der Menschheit besteht nicht nur aus Bibliotheken voller Pergament und Tinte, es umfaßt auch all die Bände, die in die Herzen der Menschen geschrieben stehen, ziseliert in die menschliche Seele und eingraviert in die menschliche Psyche.

Und Freunde, mir ist meinem ziemlich kurzen Leben schon so viel begegnet, dass ich immer noch nicht recht glauben kann, dass ich erst 42 Jahre alt bin! Ich sage so oft zu Shmuley, dass ich nach Seelen-Jahren sicher mindestens 80 bin — und heute Abend laufe ich sogar so …

Und so hören Sie bitte meine Botschaft, denn was ich Ihnen heute Abend sagen möchte, kann der Menschheit Genesung bringen und unserem ganzen Planeten.

Durch Gottes Gunst hatt ich das Glück, dass viele meiner künstlerischen und professionellen Bestrebungen schon in meinen frühen Lebensjahren in Erfüllung gegangen sind. Aber das sind Leistungen, und Leistungen allein machen nicht den aus, der ich bin. Dem strahlenden Fünfjährigen, der vor begeisterter Mengen Rockin‘ Robin und Ben sang, war der Junge, der hinter dem Lächeln steckte, nicht anzumerken.

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Und heute trete ich weniger als eine Pop-Ikone vor Sie hin - was auch immer das heißt – , denn als die Ikone einer Generation; einer Generation, die nicht mehr weiß, was es bedeutet, Kind zu sein. Wir alle sind das Produkt unserer Kindheit. Aber ich bin das Produkt eines Mangels an Kindheit, des Fehlens jenes kostbaren und wundervollen Alters, in dem man übermütig verspielt und sorglos in der Welt herumtobt, sich in der Bewunderung von Eltern und Verwandten sonnt, und in der die größte Mühsal vielleicht die ist, für das Diktat am Montag Morgen zu üben.

Wer von Ihnen die Jackson Five gekannt hat, weiß, dass ich seit dem zarten Alter von fünf Jahren vor Leuten auftrete und seither immer weiter tue – ich habe niemals mit Singen und Tanzen aufgehört. Doch wenn auch das Auftreten und Musikmachen bis heute zu meinen größten Freuden gehört, habe ich mir als Kind nichts sehnlicher gewünscht, als ein normaler kleiner Junge zu sein.

Ich wollte Baumhäuser bauen, Wasserballon-Schlachten machen und mit meinen Freunden Fangen spielen.

Aber das Schicksal wollte es anders, und mir blieb nichts übrig, als von dem Lachen und den Spielen zu träumen, die überall um mich herum waren. In meinem Berufsleben gab es keine Pausen.

Nur sonntags, da ging ich pioneering – so nennen die Zeugen Jehovahs ihre Missionarsarbeit. Und da konnte ich dann den Zauber der Kindheit bein andern Leute erleben. Weil ich damals schon berühmt war, musste ich mich verkleiden. Ich stopfte mir Kissen unter die Kleider, trug Perücke, Bart und Brille, und wir trieben uns den Tag über in den Vororten im südlichen Kalifornien herum, gingen von Tür zu Tür oder machten die Runde durch Einkaufszentren, um den Wachturm zu verteilen.

Ach, ich liebte es, in die normalen Haushalte zu gehen, die zerschlissenen Läufer auf dem Boden zu sehen, die Lehnstühle, in denen Kinder Monopoly spielten, Großmütter Babies hüteten, und all diese wunderbaren, ganz gewöhnlichen, aber für mich richtig romantischen Szenen des Alltagslebens. Die meisten werden sagen, das wäre nichts Besonderes. Aber für mich waren sie magnetisch. Ich dachte immer, dass ich der einzige bin, der sich fühlt, als hätte er keine Kindheit gehabt. Ich dachte, es gäbe nur eine handvoll Leute, mit denen ich diese Gefühle teilen kann.

Als ich kürzlich Shirley Temple Black traf, den großen Kinderstar der 30er und 40er Jahre, sprachen wir zunächst gar nicht miteinander. Wir haben einfach miteinander geweint, weil sie einen Schmerz mit mir teilen konnte, den sonst nur enge Freunde von mir wie Elizabeth Taylor und McCauley Culkin kennen.

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Ich erzähle Ihnen das nicht, um Ihr Mitgefühl zu finden, sondern um auf meinen ersten wichtigen Punkt zu kommen: Es sind nicht nur Hollywood-Kinderstars, die unter einer fehlenden Kindheit leiden. Vielmehr ist das heutzutage ein universelles Unglück, eine weltweite Katastrophe. Die Kindheit ist zum großen Kollateralschaden des modernen Lebens geworden.

Überall um uns herum erschaffen wir schockweise Kinder, die nicht die Freude hatten, denen es nicht zugebilligt wurde und denen nicht die Freiheit gelassen wurde, zu erfahren, wie es ist, Kind zu sein. Heute werden Kinder stets gedrängt, nur immer schneller heranzuwachsen, so als ob dieses Lebensalter eine Last wäre, die man so schnell wie möglich hinter sich lassen sollte. Und in dem Punkt bin ich sicher einer der Welt größten Experten.

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Diese Generation erlebt die Auflösung des Eltern-Kinder-Pakts. Psychologen veröffentlichen ganze Regale von Büchern über die verheerenden Folgen, wenn Kindern jene bedingungslose Liebe vorenthalten wird, die für die gesunde Entwicklung ihres Geistes und ihrtes so nötig ist. Und weil sie vernachlässigt wurden, müssen sich heute zu viele Kinder selber großziehen. Und entfernen sich so immer weiter von ihren Eltern, Großeltern und den anderen Angehörigen; so wie sich überall um uns herum die festen Bande lösen, die einst die Generationen bei einander hielten.

Dieser Bruch hat eine neue Generation gezeugt – nennen wir sie die Generation 0 -, die jetzt die Fackel der Generation X übernimmt. Die 0 steht für eine Generation, die äußerlich alles hat, Reichtum, Erfolg, ausgefallene Kleidung und tolle Autos, aber eine gähnende Leere in ihren Herzen. Dieser Hohlraum in unsere Brust, diese Leere in unserem Innern, diese Lücke in unserer Mitte ist der Ort, wo einst das Herz einst geschlagen hat und wo die Liebe saß.

Und es sind nicht nur die Kinder, die leiden. Den Eltern geht es ja ebenso. Je mehr wir in Kinderkörpern kleine Erwachsene modellieren, umso weiter entfernen wir uns von unseren eigenen kindlichen Tugenden. Und es gibt in der Kindheit so vieles, das verdiente, in der Erwachsenheit bewahrt zu bleiben!

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Die Liebe, meine Damen und Herren, ist das kostbarste Erbe der menschlichen Familie, das reichste Vermächtnis, eine goldene Hinterlassenschaft. Und es ist ein Schatz, der von einer Generation an dei andere weitergereicht wird. Frühere Zeiten Ältere mögen all die Reichtümer, die wir genießen, nicht gekannt haben. In ihren Häusern gab es keinen elektrischen Strom, und sie zwängten ihre große Kinderschar in kleine Häuser ohne Zentralheizung. Und doch gab es ihren Häusern gab es keine Dunkelheit, und es war dort nicht kalt. Sie waren hell erleuchtet vom Schein der Liebe und mollig beheizt von der Wärme menschlichern Herzen. Eltern, die von Gier nach Reichtum und Status unbeirrt waren, gaben ihren Kindern den Vorrang in ihrem Leben.

Wie Sie alle wissen, haben sich unsere beiden Länder getrennt wegen jener "gewissen unveräußerlichen Rechte", wie Thomas Jefferson sie nannte. Und während Amerikaner und Briten sich noch immer darüber streiten mögen, kam doch niemals zur Sprache, dass auch Kinder bestimmte unveräußerliche Rechte haben. Und die allmähloiche Auflösung dieser Rechte hat dahin geführt, dass heute Kindern massenhaft die Freuden und der Schutz der Kindheit verwehrt bleiben.

Ich möchte heute vorschlagen, dass wir in jedem Haus eine Lister der universellen Kinderrechte aufhängen:

1) Das Recht geliebt zu werden, ohne es sich erwerben zu müssen.

2) Das Recht beschützt zu werden, ohne es verdient zu haben.

3) Das Recht, sich wertvoll zu fühlen, auch wenn man mit nichts auf die Welt gekommen ist.

4) Das Recht, gehört werden, ohne interessant sein zu müssen.

5) Das Recht, eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen zu bekommen, ohne mit den Abendnachrichten konkurrieren zu müssen, oder mit dem Nachtleben.

6) Das Recht einer Erziehung und Unterricht, ohne sich in der Schule vor Schüssen ducken zu müssen.

7) Das Recht, bewundert zu werden — auch wenn man ein Gesicht hat, das nur eine Mutter lieben kann.

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Liebe Freunde, die Grundlage allen menschlichen Wissens, der Beginn allen menschlichen Bewusstseins muss sein, dass jeder, jeder einzelne von uns Gegenstand der Liebe ist. Noch ehe man weiß, ob man rotes oder braunes Haar hat, bevor man weiß, ob einer schwarz ist oder weiß, bevor man weiß, was sein Glaube ist, schon vor all dem muss man wissen, dass man geliebt wird.

Vor etwa zwölf Jahren, als ich gerade meine Bad-Tour begann, kam ein kleiner Junge mit seinen Eltern zu mir zu Besuch nach Kalifornien. Er war an an Krebs erkrankt, und er sagte mir, wie sehr er meine Musik und mich liebte. Sein Eltern erzählten mir, dass er nicht mehr viel Zeit hatte und jeden Tag sterben könnte. Da sagte ich zu ihm: „Schau, ich werde in deiner Heimatstadt Kansas meine Tour zu eröffnen – in drei Monaten. Ich will, dass du zu der Show kommst! Ich werden dir diese Jacke von mir schenken, die ich in einem meiner Videos getragen habe.“ Seine Augen leuchteten und er fragte: „Was, du schenkst sie mir?!“ Ich sagte: „Ja, aber du musst mir versprechen, dass du sie während der Show tragen wirst.“ Ich wollte, dass er durchhält. Ich sagte: „Wenn du zu meiner Show kommst, will ich dich in dieser Jacke und mit diesem Handschuh sehen“, und ich gab ihm einen meiner mit Bergkristallen besetzten Handschuhe – die gebe ich sonst niemals weg.

Und er war wie im Himmel. Aber vielleicht war er dem Himmel wirklich schon zu nahe, denn als ich in seine Stadt kam, war er schon gestorben, und sie hatten ihn in der Jacke und dem Handschuh begraben. Er war erst zehn Jahre alt gewesen.

Gott weiß und ich weiß, dass er sein Bestes gab, um durchzuhalten. Aber wenigstens wusste er, als er starb, dass er geliebt war und zwar nicht nur von seinen Eltern, sondern selbst ich, fast ein Fremder – ich liebte ihn. Und mit all dieser Liebe wusste er, dass er nicht alleine in diese Welt gekommen war, und er hat sie gweiß auch nicht allein verlassen.

Wenn man diese Welt betritt in dem Wissen, geliebt zu sein, und sie in diesem Wissen auch wieder verläßt, dann kann man auch mit allem fertigwerden, was dazwischen liegt. Ein Professor mag Sie demütigen, aber Sie werden sich nicht gedemütigt fühlen, Ihr Chef mag Sie fertigmachen, aber es wird ihm nicht gelingen, ein Konzernherr mag Sie überwältigen, und doch werden Sie triumphieren. Wie könnte einer von denen Sie wirklich unterkriegen? Wo Sie doch wissen, dass Sie jemand sind, der es wert ist, geliebt zu werden. Der Rest ist nur Verpackung.

Doch wenn man dieses Wissen, geliebt zu werden, nicht hat, ist man verdammt, in der Welt nach etwas zu suchen, um sich selbst damit aus- und aufzufüllen. Doch es ist egal, wieviel Geld man macht oder wie berühmt man wird, man wird sich stets leer fühlen. Das, wonach man eigentlich sucht, ist diese unbedingte Liebe, ist: akzeptiert werden ohne Voraussetzung. Eben das, was einem bei seiner Geburt vorenthalten wurde.

Lassen Sie mich ein Bild für Sie zeichnen. Es ist ein typischer Tag in Amerika: sechs junge Menschen unter 20 werden Selbstmord begehen, 12 Kinder werden durch Schusswaffen sterben – und bitte denken Sie: das ist ein Tag, kein Jahr!

Dreihundertundneunundneuzig Kinder werden wegen Drogenmissbrauchs verhaftet werden, 1.352 Babys werden von minderjährigen Müttern geboren werden.

Das geschieht in einem der reichsten und weitest entwickelten Ländern in der Geschichte der Welt! Ja, in meinem Land gibt es eine Welle der Gewalt, die in keiner anderen Industrienation ihresgleichen hat. Das ist die Art und Weise, wie junge Menschen in Amerika ihre seelischen Verletzungen und ihre Wut ausdrücken.

Aber glauben Sie nicht, dass es das nicht auch in England gibt. Studien in diesem Land zeigen, dass sich in jeder Stunde drei Teenager im Vereinigten Königreich selbst Schaden zufügen, oft schneiden sie sich oder verbrennen sich oder nehmen Überdosen von Drogen. Das ist der Weg, den sie sich ausgesucht haben, um mit dem Schmerz der Vernachlässigung und der emotionalen Qual zurechtzukommen. In Großbritannien werden 20 % aller Familien nur ein einziges Mal im Jahr gemeinsam zu Abend essen – einmal im Jahr!

Und was ist mit der schönen Tradition, Kindern Gute-Nacht-Geschichten vorzulesen? Untersuchungen aus den 80ern zeigen, dass Kinder, denen vorgelesen wird, eine viel größere Belesenheit hatten und ein ihre Mitschüler deutlich übertrafen.

Und dennoch wird gerade mal 33 % der britischen Kinder im Alter von zwei bis acht Jahren regelmäßig eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen. Das wird Ihnen nicht viel sagen – bis Sie hören, dass noch 75 % ihrer Eltern Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen bekommen haben, als sie in diesem Alter waren!

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Da müssen wir uns nicht lange fragen, wo all dieser Schmerz, der Zorn und die Gewalt herkommen. Es erklärt sich von selbst, dass Kinder sich gegen diese Vernachlässigung aufbäumen, dass sie sich gegen diese Gleichgültigkeit auflehnen und dass sie laut aufschreien, um endlich beachtet zu werden. Die verschiedenen Kinderschutzorganisationen in den Staaten sagen, dass im Jahr durchschnittlich Millionen von Kindern Opfer von Vernachlässigung werden.

Ja, Vernachlässigung. In reichen, privilegierten Heimen, die bis unters Dach mit irgendwelchem technischen Krimskrams angefüllt sind; Heimen, in denen die Eltern zwar nach Hause kommen, aber niemals richtig da sind, weil ihre Gedanken noch immer in ihren Büros hängen. Und ihre Kinder? Nun, die behelfen sich mit jedem Krümel Emotion, den sie kriegen. Aber viel kriegen sie bei endlosem Fernsehen, Computerspiel und Videos eben nicht.

Diese harten, kalten Zahlen, die, wie ich finde, einem regelrecht das Herz zerreißen und das Gemüt erschüttern, sollten Ihnen zeigen, warum ich so viel meiner Zeit und Mittel darauf verwendet habe, unsere neue Initiative Heal the Kids zu einem großen Erfolg zu machen. Unser Ziel ist einfach: die Eltern-Kind-Bande wieder neu zu knüpfen, ihre Versprechen zu erneuern und den Weg zu ebnen für all die wunderbaren Kinder, die dazu bestimmt sind, eines Tages die Leitung dieser Erde zu übernehmen.

Aber weil dies meine erste öffentliche Rede ist und Sie mich so warm und herzlich willkommen geheißen haben, denke ich, dass ich Ihnen noch mehr erzählen möchte. Wir haben unsere eigene Geschichte und so können Statistiken persönlich und lebendig werden.

Man sagt, dass Elternschaft so ähnlich ist wie Tanzen. Man macht einen Schritt, das Kind macht einen anderen.

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Ich habe herausgefunden, dass es nur die halbe Wahrheit ist, die Eltern dazu zu bringen, sich wieder ganz selbst ihren Kindern zu widmen. Die andere Hälfte ist, die Kinder wieder dazu zu bringen, ihre Eltern zu akzeptieren.

Ich erinnere mich, dass wir, als ich noch sehr jung war, diesen verrückten Hund Back Girl hatten, der eine Mischung aus Wolf und Retriever war. Sie war nicht nur ein miserabler Wachhund, sondern auch so ein verschrecktes und nervöses Ding, dass es ein Wunder war, wenn sie nicht schon in Ohnmacht gefallen ist, wenn nur ein Truck vorüber gerumpelt oder ein Gewitter über Indiana niedergegangen ist. Meine Schwester Janet und ich gaben dem Hund so viel Liebe, aber wir konnten das Vertrauen, das ihm von seinem vorigen Besitzer geraubt wurde, nie wiedergewinnen. Wir wussten, dass er sie geschlagen hatte. Wir wussten nicht, womit. Aber was es auch war, es war genug, um aus diesem Hund jeden Lebensgeist auszutreiben.

Heute sind viele Kinder wie verletzte Welpen, die sich sogar das Bedürfnis nach Liebe abgewöhnt haben. Da können sie sich dann auch nicht um ihre Eltern sorgen. Sich selbst überlassen, schätzen sie ihre Unabhängigkeit über alles. Sie sind vorangekommen und lassen ihre Eltern zurück.

Dann gibt es die weit schlimmeren Fälle jener Kindern, die ihren Eltern feindselig und voller Vorwürfe gegenüberstehen und jeden Versöhnungsversuch harsch zurückweisen. Heute Abend möchte ich, dass keiner von uns diesen Fehler macht. Und deswegen appelliere ich an alle Kinder der Welt – beginnend mit uns, die wir heute hier sind -, unseren Eltern zu vergeben, wenn wir uns vernachlässigt fühlten. Vergebt ihnen und lehrt sie, wieder lieben zu können.

Es wird Ihnen kaum neu sein, dass ich keine idyllische Kindheit hatte. Der Druck und die Spannung, die auf meinem Verhältnis zu meinem eigenen Vater lasteten, sind viel beschrieben worden. Mein Vater ist ein strenger Mann, der mich und meine Brüder stets hart angepackt hat — schon vom frühsten Alter an —, um aus uns die besten Künstler zu machen, die wir werden konnten. Es fiel ihm schwer, Gefühle zu zeigen. Er hat mir nie gesagt, dass er mich liebt. Und er hat mich auch nie gelobt. Wenn ich eine sehr gute Show geliefert hatte, sagte er, dass es eine gute Show war, und wenn die Show okay war, sagte er: eine lausige Show, oder… nichts.

Mehr als alles andere schien ihn zu interessieren zu sein, uns zu einem Geschäftserfolg zu machen. Und darin war er mehr als ein Experte. Mein Vater war ein Manager-Genie, und meine Brüder und ich schulden unseren professionellen Erfolg nicht in geringem Maße dem steinigen Weg, auf den er uns schickte. Er trainierte mich zu einem Showman, und unter seiner Führung konnte ich keinen Schritt falsch machen.

Doch was ich wirklich wollte, war ein Dad. Ich wollte einen Vater, der mir seine Liebe zeigte. Und mein Vater konnte das nie. Er sagte mir nie ins Gesicht, dass er mich liebt, während er mir in die Augen sah, er hat nie mit mir gespielt. Nie nahm er mich huckepack, er warf nie Kissen oder einen Wasserballon nach mir.

Aber ich erinnere mich – ich war gerade etwa vier Jahre alt, da war diese kleine Kirmes bei uns, und er hob mich hoch und setzte mich auf ein Pony. Es war nur eine ganz kleine Geste, wahrscheinlich hat er es fünf Minuten danach schon wieder vergessen. Aber wegen dieses Moments habe ich diesen besonderen Platz für ihn im Herzen. So sind Kinder, die kleinen Dinge bedeuten ihnen so viel, und für mich bedeutete dieser Moment alles. Ich habe das nur ein einziges Mal erlebt, aber da fühlte ich mich wohl – bei ihm und auf der Welt.

Und nun bin ich selber Vater, und einmal habe ich mir überlegt, was wohl meine eigenen Kinder, Prince und Paris, eines Tages über mich denken werden. Natürlich sollen sie sich daran erinnern, dass ich sie immer bei mir haben wollte, wo auch immer ich hinging, und dass sie für mich immer an erster Stelle standen. Aber es gibt auch Herausforderungen in ihrem Leben. Sie werden dauernd von Paparazzi verfolgt und können nie mit mir mal in den Park oder ins Kino gehen. Was, wenn sie mir vorwerfen, wenn sie älter sind, dass ihre Jugend so sehr im Schatten meiner eigenen Lebensentscheidungen stand? Warum hatten wir keine normale Kindheit wie die andern, mögen sie fragen.

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Und in diesem Moment bete ich, dass auch meine Kinder mich im Zweifelsfall freisprechen. Dass sie sich sagen werden: „Unser Daddy hat unter den einzigartigen Umständen, in denen er lebte, das Beste gegeben, was er konnte. Vielleicht war er nicht perfekt, aber er war ein warmherziger und anständiger Mann, der versucht hat, uns alle Liebe der Welt zu geben.“

Ich hoffe, sie werden sich immer die positiven Dinge voranstellen, auf die Opfer, die ich ihnen bereitwillig gebracht habe, und nicht kritisieren, dass sie vieles entbehren mussten, oder die Fehler, die ich gemacht habe und sicherlich noch machen werde, während ich sie großziehe. Denn wir waren alle jemandes Kind und wissen, dass bei den besten Absichten und Anstrengungen immer Fehler vorkommen. So sind wir Menschen.

Und wenn ich daran denke, wie viel mir daran liegt, dass meine Kinder nicht unfreundlich über mich urteilen und mir meine Unvollkommenheiten nachsehen, muss ich an meinen eigenen Vater denken. Und obwohl so sehr ich es früher leugnete, muss ich jetzt doch zugeben, dass er mich wohl geliebt haben muss. Er liebte mich, und ich weiß das. Kleine Dinge zeigen es mir. Als ich Kind war, war ich ein wirkliches Schleckermaul – das waren wir alle. Am liebsten mochte ich glasierte Donuts, und das wusste mein Vater. Also alle paar Wochen stand, wenn ich morgens runter in die Küche kam, lag auf dem Küchenschrank eine Tüte mit glasierten Donuts – kein Zettel, keine Erklärung, nur die Donuts. Es war, als wäre der Weihnachtsmann dagewesen. Manchmal dachte ich daran, bis spät in die Nacht aufzubleiben, um ihn dabei zu ertappen, wie er sie dort hinlegte. Aber wie beim Weihnachtsmann wollte ich nicht den Zauber zerstören — aus Angst, dass er es nie wieder tut. Mein Vater musste sie heimlich nachts dort hinlegen, damit ihn niemand dabei sah. Er hatte Angst vor menschlichen Gefühlen, er verstand sie nicht oder wusste nicht, was er damit machen sollte. Aber er wusste, was Donuts sind.

Und wenn ich die Schleusen öffne, dann kommen mir auch noch andere Erinnerungen, kleine Gesten, die mir, wenn auch noch so unvollkommen, doch zeigten, dass er tat, was er konnte. Also will ich mich heute Abend nicht daran erinnern, was mein Vater nicht getan hat, sondern eher an das, was er getan hat und welchen Herausforderungen er sich stellen musste.

Ich will aufhören, ihn zu verurteilen. Ich habe begonnen, daran zu denken, dass mein Vater in den amerikanischen Südstaaten aufgewachsen ist, in einer sehr armen Familie. Er wuchs heran während der Großen Depression, und sein eigener Vater, der auch kämpfen musste, um seine Kinder zu ernähren, zeigte seiner Familie kaum Liebe und erzog meinen Vater und seine Geschwister mit eiserner Faust. Wer kann sich noch vorstellen, wie es war, als armer Schwarzer im Süden heranzuwachsen, aller Würde beraubt, von aller Hoffnung abgeschnitten und darum kämpfend, in einer Welt zu einem Mann zu werden, in der mein Vater als ein Zweitklassiger galt.

Ich war der erste schwarze Künstler, der auf MTV gespielt wurde, und ich erinnere mich, was für eine große Sache das damals noch war. Und das waren schon die achtziger Jahre!

Mein Vater zog dann nach Indiana und hatte selbst eine große Familie. Er arbeitete viele Stunden täglich im Stahlwerk, eine Arbeit, die die Lungen kaputt macht und den Geist bedrückt – und alles, um seine Familie über die Runden zu bringen. Ist etwas Befremdliches daran, dass es ihm schwerfiel, seine Gefühle zu preiszugeben? Ist es ein Wunder, dass er sein Herz verhärtet und sich hinter einem emotionalen Wall verschanzt hat? Und vor allem, ist es ein Wunder, dass er seine Söhne so hart angetrieben hat, als Künstler erfolgreich zu werden, damit ihnen ein Leben in Würdelosigkeit und Armut erspart blieb, wie er es gekannt hatte?

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Ich habe zu verstehen begonnen, dass sogar meines Vaters Härte eine Art Liebe war, eine nicht perfekte Liebe, sicherlich, aber doch Liebe. Er hat mich so hart angepackt, weil er mich liebte. Weil er nicht wollte, dass je ein Mensch auf seine Nachfahren herabsah. Und jetzt, mit der Zeit, fühle ich mich eher gesegnet als verbittert. An die Stelle von Zorn ist Ablass getreten. Und an die Stelle von Vergeltung habe ich Versöhnung gesetzt. Und meine ursprüngliche Wut hat schließlich der Vergebung Platz gemacht.

Vor fast zehn Jahren habe ich die Wohltätigkeitsorganisation Heal the World gegründet. Dieser Name war etwas, das ich einfach in mir gefühlt habe. Ich habe nicht geahnt, was mir Shmuley später erzählt hat, dass diese Worte aus den Prophezeiungen des Alten Testamentes stammen. Glaube ich denn wirklich, dass wir eine Welt heilen können, die von Krieg und Völkermord geschüttelt wird, noch heute? Und denke ich wirklich, dass wir unsere Kinder heilen können, dieselben Kinder, die voller Hass und mit der Waffe in der Hand in ihre Schulen eindringen können und ihre Klassenkameraden niederschießen, wie in Columbine? Oder dieselben Kinder, die ein wehrloses Kleinkind erschlagen können wie in dem tragischen Fall von Jamie Bulger?

Sicher glaube ich das, sonst wäre ich heute nicht hier. Aber das alles beginnt mit der Vergebung, denn um die Welt zu heilen, müssen wir zuerst uns selber heilen. Und um unsere Kinder zu heilen, müssen wir zuerst das Kind heilen, das in einem Jedem von uns steckt, in jedem einzelnen. Als Erwachsener und als Vater stelle ich fest, dass ich weder ganzer Mensch sein kann, noch ein Vater, der zu bedingungsloser Liebe fähg ist, ehe ich nicht die Gespenster meiner eigenen Kindheit zur Ruhe gebracht habe.

Und das ist es, um was ich Sie alle heute bitte. Erfüllen Sie das fünfte der zehn Gebote. Ehrt Eure Eltern, indem Sie sie nicht verurteilt. Gewährt ihnen im Zweifelsfall Feispruch.

Deswegen möchte ich auch meinem Vater verzeihen und aufhören, ihn zu verurteilen. Ich will meinem Vater vergeben, weil ich einen Vater haben will – und ich habe nur diesen. Ich will die Last meines vergangen Lebens von meinen Schultern schütteln, ich will frei sein, in ein neues Verhältnis zu meinem Vater zu treten, für den Rest meines Lebens, unbeirrt von den Dämonen der Vergangenheit.

In einer Welt, die mit Hass angefüllt ist, müssen wir uns trauen, weiter zu hoffen. In einer Welt voller Wut müssen wir uns trauen, weiter zu trösten. In einer Welt voller Verzweiflung müssen wir uns trauen, weiter zu träumen. Und in einer Welt voller Misstrauen müssen wir uns weiterhin trauen zu glauben. An all diejenigen von Ihnen, die sich von Ihren Eltern im Stich gelassen fühlen – ich bitte Sie, lasst Eure Enttäuschung fallen. An all diejenigen von Ihnen, die sich von Vater oder Mutter hintergangen fühlen – ich bitte Sie, sich nicht länger selbst zu hintergehen. Und an all diejenigen von Ihnen, die gern ihre Eltern hinter sich lassen würden – ich bitte Sie, ihnen stattdessen die Hand zu reichen. Ich bitte Sie und ich bitte mich selbst, auch unseren Eltern das Geschenk der unbedingten Liebe entgegenzubringen, damit sie von uns, ihren Kindern, lernen mögen, wie man wirklich liebt.

So wird in diese trostlose und verlassene Welt die Liebe zurückkehren. Shmuley erzählte mir einst von einer alten biblischen Prophezeiung, wonach eine neue Welt und eine neue Zeit anbricht, wenn „die Herzen der Eltern in den Herzen ihrer Kinder wiedergeboren werden“. Meine Freunde, wir sind diese Welt, wir sind diese Kinder.

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Mahatma Gandhi sagte: „Die Schwachen können niemals vergeben. Vergebung ist ein Vorrecht der Starken.“ Seien Sie stark – hier und heute. Und darüber hinaus, dass Sie stark sind, nehmen Sie diese, die allergrößte Herausforderung an: den gebrochenen Pakt zu erneuern. Wir alle müssen über die Verkrüppelungen unserer Kindheiten hinwegkommen und, in Jesse Jacksons Worten, einander vergeben, uns versöhnen und vorwärts schreiten.

Dieser Appell wird kaum dazu führen, dass rund um die Welt tausende von Kindern sich in Talkshows mit ihren Eltern aussöhnen, aber er kann immerhin ein Anfang sein, und er wird uns alle um so vieles fröhlicher stimmen. Und so, meine Damen und Herren, schließe ich meine Ausführungen heute Abend in Zutrauen, Freude und Erregung. Von diesem Tag an soll ein neues Lied ertklinge. Lasst dieses neue Lied den Klang des Lachens von Kindern sein. Lasst dieses neue Lied die Klänge vom Spiel der Kinder sein. Lasst dieses neue Lied den Klang von singenden Kindern sein. Und lasst dieses neue Lied den Klang von lauschenden Eltern sein.

Lasst uns zusammen eine Symphonie der Herzen schaffen, staunend über das Wunder unserer Kinder und badend in der Schönheit der Liebe. Lasst uns die Welt heilen und ihren Schmerz zunichte machen. Mögen wir alle gemeinsam eine wunderbare Musik machen. Gott segne Sie, und ich liebe euch.

Oxford university; from inside the Bodleian Library

*) Rabbi Shmuel Bordeach

**) Der amerikanische Kinderbuchautor Thoedor Geisel schrieb unter dem Pseudonym Dr. Seuss. Er hatte in Oxford Literatur studiert.

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Übersetzung: mjfriendship.de [leicht überarbeitet]

Quelle:

http://www.youtube.com/watch?v=lFDkyglJYk4&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=T1ja98RyAl0&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=hCGiynoDDSY&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=rxpeRbojrYQ&feature=related