Intrinsische Moral.

aus Neue Zürcher Zeitung, 24. 11. 2010

Kinder helfen keinen Fiesen

Moralabhängiges Sozialverhalten

bef. · Kleinkinder helfen andern Menschen schon in frühem Alter, sie sind aber keineswegs allen Mitmenschen gegenüber gleich hilfsbereit, wie dies Wissenschafter bisher angenommen haben. Vielmehr erkennen bereits Dreijährige böse Absichten anderer und lassen destruktiven Menschen deutlich weniger Hilfe zuteilwerden. Dies haben Entwicklungspsychologen um Amrisha Vaish am Max-Planch-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig mit Verhaltenstests bei Dreijährigen herausgefunden.¹ Die Kinder reagieren somit schon früh auf das moralische Verhalten anderer und zeigen Ansätze eines von Erwachsenen bekannten Verhaltensmusters, nämlich Hilfsbereitschaft zu erwidern und destruktiven Menschen aus dem Weg zu gehen oder sie gar abzustrafen.

Kinder erkennen Absicht

Bei den Tests lernte ein Kind eine erwachsene Schauspielerin als entweder hilfsbereit oder fies kennen. So half die Schauspielerin vor den Augen des Kindes einer dritten Person beispielsweise, eine irrtümlich zerrissene Zeichnung oder eine fallengelassene Figur zu reparieren, oder sie zeigte sich destruktiv, indem sie die Zeichnung einer dritten Person absichtlich zerriss oder eine von dieser Person hergestellte Figur zerstörte. Anschliessend begannen die Schauspielerin und eine vierte, neutrale Person je mit einem einfachen Puzzlespiel, zu dem ihnen jeweils ein Teil fehlte, in dessen Besitz das Kind war. Aus dem Umstand, wem das Kind das fehlende Puzzleteil allenfalls überreichte, schlossen die Forscher auf dessen Hilfsbereitschaft. Zeigte sich die Schauspielerin hilfsbereit, erhielt sie das Teil in 11 von 18 Fällen, zeigte sie sich destruktiv, in 4 von 18 Fällen.

Allerdings ist es nicht nur das destruktive Handeln, das Kinder mit unterlassener Hilfsbereitschaft bestraften, sondern auch die Absicht dazu, wie die Wissenschafter mit weiteren, ähnlich aufgebauten Tests herausfanden. Die Schauspielerin zerstörte dazu Zeichnung oder Figur unabsichtlich und äusserte ihr Bedauern darüber, oder sie zeigte die Absicht, das Werk zu zerstören, schaffte es aber nicht. Hier erhielt die Schauspielerin das fehlende Puzzleteil in 9 von 18 Fällen, in denen sie das Werk unabsichtlich zerstörte, und in 6 von 18 Fällen, in denen sie eine bösartige Absicht zeigte.

Früher Altruismus

Schon länger bekannt ist, dass Kinder bereits im frühen Alter altruistisch handeln. Sie helfen anderen Menschen, auch ohne eine direkte Gegenleistung, und zwar auch fremden, nichtverwandten Menschen. So halfen etwa eineinhalbjährige Kleinkinder in Versuchen Erwachsenen in einer unbeholfenen Situation (beispielsweise mit einem Stapel Zeitschriften in den Händen), einen fallengelassenen Stift aufzuheben oder ihnen eine Tür zu öffnen. Auch ist bekannt, dass ein- und zweijährige Kinder bereits emotional auf andere Menschen eingehen können und gelegentlich weinende Personen trösten.

Zudem weiss man, dass bereits Säuglinge zwischen hilfsbereitem und destruktivem Verhalten unterscheiden können und das hilfsbereite Verhalten bevorzugen. Wissenschafter haben dies in Verhaltensstudien mit 6 Monate alten Kleinkindern beobachtet. In einer Art Puppenspiel halfen stilisierte Holzfiguren anderen, einen Berg hochzukommen, oder hinderten sie daran. Vor die Wahl gestellt, mit welcher Holzfigur die Säuglinge spielen möchten, zeigten alle 12 jungen Probanden auf die helfende Figur.

¹ Child Development, 81, 1661-1669 (2010).

~ von Panther Ray - November 24, 2010.

2 Antworten to “Intrinsische Moral.”

  1. Ich kannte bisher nur die Forschungsergebnisse von Felix Warneken. Diese Forschungsergebnisse bereichern und differenzieren seine. Beide zusammen geben der Frage ihre Würde, ob möglicherweise soziale Regelhaftigkeit in unserer physischen Organisation ihren Anfang nimmt, wie das in sensualistisch geprägten Philosophien unterstellt wird. Die Idee Erziehung ging bisher davon aus, dass Kinder erzogen werden müssen, weil sie nichts mitbringen, was für Zwischenmenschliches taugt. Dies könnte nun u.a. bedeuten, dass Erziehung immer eine bestimmte ist, die sich an bestehenden Kulturen orientiert und nicht an dem, was der Mensch schon mitbringt.

    An Vorschülern habe ich über Jahre beobachten können, wie ihnen die Spontanietät, sich auf andere tastend einzulassen, durch Gewöhnen an Regeln abtrainiert wurde.

    Weisst Du, in welchem quantitativen Umfang diese Tests durchgeführt wurden?

    monika🙂

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: