Dippold.

aus Neue Zürcher Zeitung, 4. 10. 2010

Der Hauslehrer als Täter und als Opfer

Michael Hagners Studie über einen Kriminalfall der vorletzten Jahrhundertwende

Von Hans Ulrich Gumbrecht

Ob pädagogisch ambitionierte Landschulheime der Ort des Vergehens sind oder Sakristeien katholischer Pfarrkirchen, das gebildete Publikum gerät immer wieder in engagierte Erregung, wenn sexuelle Übergriffe von Erziehern auf ihre Zöglinge zum Thema werden. Allerdings ist die nie ausbleibende Resonanz in spannungsvolle Perspektiven gebrochen. Konstant bleibt allein die den Opfern geltende Empathie, während die Verführer zwar meistens kriminalisiert, nicht selten aber auch durch Pathologisierung potenziell entlastet werden – und manchmal sogar die verständnisvolle Sympathie einer sich für besonders «menschlich» ansehenden Minderheit geniessen. Eltern und Familien der Opfer identifiziert man teils als die «eigentlich Schuldigen», teils als die ganz und gar unschuldigen «eigentlich Leidtragenden». All diesen Formen der Reaktion stehen – je nach Bildungsniveau – ethische und religiöse, rechtliche und vielfältig wissenschaftliche Diskurse der Plausibilisierung zur Verfügung. Wer immer in die Diskussion eintritt, kann also im biederen Brustton der Vernunft reden, Ambivalenzen sind ausgeschlossen.

Jurastudent und Bankierssöhne

Der an der ETH Zürich lehrende Wissenschaftshistoriker Michael Hagner hat nun mit einem vor allem im ersten Teil detailreichen und dadurch durchaus auch unterhaltsamen Buch die wohl früheste Episode dieser Art aufbereitet, welche das breite Publikum in Deutschland erreichte. Es ist der Fall des Jurastudenten Andreas Dippold, der im Jahr 1903 den seiner pädagogischen Obhut (zusammen mit einem jüngeren Bruder) anvertrauten vierzehnjährigen Bankierssohn Heinz Koch zu Tode prügelte. In der Geschichte von Dippold und der Familie Koch kommt eine schwer überbietbare Fülle von Bedingungen zusammen, welche unsere Imagination anregen.

Rudolf Koch, der in späteren Lebensjahren geadelte Vater des Opfers, war Vorstandssprecher der Deutschen Bank und heiratete nach dem Tod seiner ersten Frau, mit der er fünf Kinder hatte, deren von einem prominenten Chirurgen geschiedene Schwester. Sie brachte eine Tochter mit in die neue Ehe, gebar ihm die beiden Söhne Heinz und Joachim und übernahm die Erziehung aller in der Familie verbliebenen Kinder. Unter den standesüblich hohen Erwartungen ihres Gatten sah Rosalie Koch sich selbst und eine Reihe hochmögender Anstalten gescheitert in der Erziehung der beiden gemeinsamen Söhne, als sie 1902 Andreas Dippold einstellte und mit den beiden Knaben auf ein Familiengut im Harz schickte, wo sie in aller Strenge auf den Weg der Tugend und des Erfolgs gebracht werden sollten. Dippold war ein begabter fränkischer Bauernsohn, dem die Einheirat in eine Lehrerfamilie als nächste Stufe des sozialen Aufstiegs misslungen war, weil man dem Schwiegervater in spe hinterbracht hatte, dass der künftige Schwiegersohn während seines Studienjahrs in Würzburg Stammkunde eines Bordells gewesen war.

Wohl auch unter dem Eindruck dieses Scheiterns war in Dippolds Kopf jenes Weltanschauungsgemisch von antikonfessioneller Gottesfurcht, Antisemitismus, Kulturkritik und Vitalismus zusammengekommen, das man heute als eine Bedingung für die Entstehung des Nazismus ansieht – und in dem Rosalie Koch einen letzten Horizont der Hoffnung für ihre Söhne erkennen wollte. In einer aus zahlreichen Briefen zwischen allen Beteiligten genau rekonstruierbaren Eskalation war dann Dippolds Erfolglosigkeit als Hauslehrer bald in einen allgegenwärtigen Masturbationsverdacht und in ein Delirium körperlicher Strafen umgeschlagen, die zum Tod von Heinz Koch am 10. März 1903 führten. Ein kurz davor von den Eltern zu Rate gezogener Psychiater aus Berlin hatte die Angemessenheit von Dippolds brachialem Erziehungskonzept bestätigt. Bei der Obduktion der Leiche des Knaben waren aber auch eine Asymmetrie des Schädels und Folgen einer Wachstumsstörung im Frontalhirn festgestellt worden.

Zu einem «Fall» für die Öffentlichkeit wurde diese Geschichte pädagogischer Verirrungen erst, als ein Bayreuther Staatsanwalt das Strafmass von acht Jahren Zuchthaus und zehn Jahren «Ehrverlust» für Dippold beantragte – und nicht die Höchststrafe von fünfzehn Jahren Zuchthaus. Ganz ähnlich wie in vergleichbaren Situationen unserer Gegenwart war die Reaktion vielfach gebrochen – und die historische Parallele hat wohl damit zu tun, dass an der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert jene Entdifferenzierung von psychiatrischer Theorie und juristischer Praxis eingesetzt hatte, deren Folgen das Rechtssystem bis heute nicht überwunden hat.

Im Vordergrund der öffentlichen Proteste stand eine – damals allerdings von Empathie ganz freie – Pathologisierung des Täters zur «sexuellen Bestie». Andere Stimmen – allen voran der prominente Journalist Maximilian Harden – schoben die Verantwortung auf die Eltern des Opfers, die am Tag seines Todes in den Ferien an der französischen Riviera weilten. Zugleich provozierten das Sterben von Heinz Koch und das Urteil des Bayreuther Gerichts eine Verschärfung der rechtswissenschaftlichen Debatten zwischen Anhängern der «Vergeltungsdoktrin» und Befürwortern der «Zweckdoktrin» im Strafrecht sowie vielfältig erhitzte Stellungnahmen zur pädagogischen Tunlichkeit der Prügelstrafe. Am Ende wird Dippold als Fall von «Erziehersadismus» oder auch «Dippoldismus» zu den Akten der Psychologiehistorie genommen.

Diskursvielfalt

Michael Hagner ist offenbar davon überzeugt, dass die historische Sachlage – und möglicherweise auch das fortbestehende juristische Dilemma – durch eine Konstellation aus Rezeptionsgeschichte, Diskursgeschichte und vor allem Mediengeschichte auf eine Ebene der Objektivität zu bringen sei: «Mit den Stichworten Medienkanäle, Normbruch und Diskursfähigkeit von Tabuthemen lässt sich auch der Fall des Hauslehrers analysieren.» Die Erkenntnishoffnung, die er mit der Aufarbeitung des «Mediums» Presse und verschiedener Motive aus Michel Foucaults Spätwerk verbindet (vor allem mit der Aufarbeitung des Dispositivs der Geständnisse), wirkt allerdings etwas undifferenziert. Der Autor distanziert sich von der in den siebziger Jahren so populären «antipsychiatrischen» Sympathie für die Logik des Verbrechers. Auf die im Obduktionsbefund genannten angeborenen organischen Schäden des zu Tode gebrachten Knaben kommt er aber augenscheinlich nicht wieder zurück. Sollte da so etwas wie ein Tabu im Spiel sein? Darf es keine physischen Ursachen psychischer Störungen geben.

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Michael Hagner: Der Hauslehrer. Die Geschichte eines Kriminalfalls. Erziehung, Sexualität und Medien um 1900. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2010. 280 S., Fr. 30.50.

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All die anderen, eher psychologisch oder sozialhistorisch relevanten Ansätze des Verstehens und Analysierens aber, die Hagner ins Spiel bringt – die mögliche sadistische Veranlagung von Dippold, dessen protonazistische Weltsicht, der Leistungsdruck, welcher von den Eltern der Zöglinge ausgegangen sein mag -, laufen nirgends zum Fluchtpunkt einer prägnanten Beurteilung oder einer These zusammen. Der Autor droht, so scheint es, in der von ihm gekonnt aufgefächerten Diskursvielfalt zu verschwinden – und mit ihm auch eine Antwort auf die Frage, was von dem «zeitlosen Lehrstück», als das der Klappentext die Geschichte ankündigt, denn gelernt werden kann.

Eindrucksvoll freilich ist die literarische Qualität insbesondere der Erzählungen, mit denen das Buch ausklingt. Die erste berichtet von Heinz Kochs jüngerem Bruder, der ein pseudogelehrter Nazi-Mitläufer wurde und 1960 in Wolfsburg starb. Andreas Dippolds letzte Lebensspuren lassen vermuten, dass er in São Paulo um die Erhaltung einer durch keinerlei Examina gerechtfertigten Existenz als Jurist kämpfte.

~ von Panther Ray - Oktober 4, 2010.

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