ADHS & Ritalin.

aus FAZ.NET, 16. 12. 2010

Immer mit der Ruhe!

Mit neuen Richtlinien für Diagnose und Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms (ADS) und Hyperaktivitätssyndroms (HDAS) sollen Medikamente wie Ritalin nicht mehr so schnell verschrieben werden können.

Von Inka Wahl

Methylphenidat, vulgo RitalinMethylphenidat, vulgo Ritalin

Die Verordnung von psychoaktiven Stimulantien wie dem Methylphenidat, Handelsname Ritalin, ist deutlich verschärft worden. Damit dürfte sich auch die Behandlung von „zappeligen“ Kindern weiter verändern. Der Gemeinsame Bundesausschuss hatte die Arzneimittelrichtlinie so geändert, dass die Diagnosen Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) oder ADS verbunden mit dem Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) seit Beginn dieses Monats nicht mehr allein aufgrund einzelner Symptome gestellt werden können. Fachärzte müssen die Kinder quasi zuerst begutachten und gegebenenfalls verhaltenstherapeutisch behandeln. „ADHS wird häufig ungerechtfertigt schon dann diagnostiziert, wenn nur ein Kriterium wie erhöhte Ablenkbarkeit erfüllt ist“, sagt Gerd Lehmkuhl von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Köln.

Außerdem dürfen nun nur noch diejenigen das Arzneimittel verschreiben, die sich als Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen ausweisen können, etwa Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin oder Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Kinderpsychotherapie. Hausärzte dürfen nur noch unter Aufsicht der Fachkollegen das Medikament verordnen, um die Versorgung auf dem Land zu sichern.

Mittel letzter Wahl

Mit der neuen Richtlinie hat der Bundesausschuss auf die Risikobewertung der Europäischen Arzneimittelbehörde reagiert. Diese hatte bereits im vergangenen Jahr gefordert, die langfristige Wirkung von Methylphenidat auf das Wachstum, die Entwicklung der Hirnfunktionen und das Herz-Kreislauf-System systematisch zu erforschen. In den Fachinformationen verschiedener Arzneimittelhersteller werden als häufige Nebenwirkungen des Wirkstoffs unter anderem Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen, Appetitverlust, Haarausfall und Juckreiz genannt sowie Wachstumsverzögerungen bei einer Langzeitanwendung von mehr als einem Jahr.

Ein bis zehn Prozent der Konsumenten seien von diesen Nebenwirkungen betroffen. Wie sich die Einnahme dieses Medikaments jedoch über einen längeren Zeitraum hinweg auswirkt, ist bislang in kontrollierten Studien kaum untersucht.

Schon bisher galt in der Arzneimittelrichtlinie die Verordnung von Methylphenidat zur Therapie des „Zappelphilipp“- Syndroms als Mittel der letzten Wahl. Nur wenn sich andere Maßnahmen allein als unzureichend erwiesen hätten, so heißt es dort, könne das Medikament bei Kindern ab sechs Jahren und Jugendlichen ausnahmsweise verordnet werden und auch nur „im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie“. So gibt die Leitlinie zur Behandlung hyperkinetischer Störungen der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften vor, das betroffene Kind alleine oder gemeinsam mit den Eltern psychotherapeutisch zu behandeln sowie Erzieher und Lehrer einzubeziehen und über die Erkrankung aufzuklären. Wenn sich eine intensive psychologische Therapie nicht als wirkungsvoll erwiesen habe und die Symptome der Erkrankung wie Überaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität die Beziehung des Kindes zu seinen Eltern oder dessen Einbindung in das schulische Umfeld weiterhin stark belasteten, gilt das Medikament als wirkungsvoll.

Strengere Diagnosekriterien

Die Abgrenzung zwischen noch normalem Verhalten und einer hyperkinetischen Störung ist Lehmkuhl zufolge in der Praxis oft schwierig. Dass es nicht leicht fällt stillzusitzen, geduldig und konzentriert zu sein, weiß jedes Kind. Ob der Bewegungsdrang eines Kindes, Ungeduld und leichte Ablenkbarkeit eben noch kindgemäß oder doch über die Maßen ausgeprägt und deshalb behandlungswürdig sind, erfordert weitere Entscheidungskriterien. Eine entsprechende Diagnose sei erst dann gerechtfertigt, wenn ein Kind schon vor seinem sechsten Lebensjahr, beginnend über mindestens ein halbes Jahr hinweg, in mindestens zwei Lebensbereichen, beispielsweise in der Schule und im familiären Umfeld, verglichen mit seinen Altersgenossen, stetig durch starke körperliche Unruhe auffällt und es nicht vermag, sich auf eine Sache zu konzentrieren.

Mit der Neuregelung wird eine Entwicklung unterstützt, die im Grunde schon auf dem Weg war. So zeigte eine Analyse von Krankenkassendaten im Land Hessen, die unlängst im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurde, dass Allgemeinärzte und Kinderärzte im Jahr 2007 weniger häufig Methylphenidat verordneten als im Jahr 2000, während in den Ambulanzen der Kinder- und Jugendpsychiatrie die Verordnung des Medikaments in diesem Zeitraum um mehr als das Dreifache gestiegen ist. Die Gruppe um Ingrid Schubert von der Universität Köln fand in dieser Analyse von 50 000 Kindern und Jugendlichen zudem heraus, dass etwa einem Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Jahr 2007 mindestens einmal Methylphenidat verordnet worden war. Das ist im Vergleich zum Jahr 2000 eine Verdoppelung. Auch die mittlere Tagesdosis pro Patient ist um rund 80 Prozent gestiegen.

Bei einer längerfristigen Behandlung mit Methylphenidat verlangt die neue Arzneimittel-Richtlinie nun außerdem regelmäßige Einnahmepausen. „Wir müssen immer wieder überprüfen, ob wir auf das Medikament verzichten können“, sagt Lehmkuhl.

~ von Panther Ray - Dezember 16, 2010.

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