Der entwicklungsbiologische Grund der Pädagogik.

•November 17, 2010 • Schreibe einen Kommentar

aus scinexx

Homo sapiens-Kinder sind

„Nesthocker“

Studie: Lange Kindheit im Vergleich zum Neandertaler-Nachwuchs bietet evolutionären Vorteil

Beim Menschen dauert die Kindheit wesentlich länger als beispielsweise beim Schimpansen. Ein ähnliches Muster hat ein internationales Forscherteam jetzt auch beim Vergleich von Menschen- und Neandertaler-Kindern entdeckt: Moderne Menschen werden, indem sie ihren Reifeprozess ausdehnen, im Vergleich zu Schimpansen und Neandertalern als Letzte „flügge“. Dieses beschert ihnen jedoch einen einzigartigen evolutionären Vorteil, schreiben die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS). Oberkiefer eines Neandertalerkindes

Mithilfe von Synchrotron-Strahlen, einem präzisen Röntgenverfahren, haben die Forscher in ihrer neuen Studie das Wachstum von zehn jungen Neandertaler- und Homo sapiens-Fossilien nachvollzogen und sichtbar gemacht. Abgesehen von einer Überlappung, die für nahe miteinander verwandte Arten typisch ist, entdeckten die Forscher auch die signifikanten Unterschiede in deren Entwicklung. Trennung der Abstammungslinien vor sechs bis sieben Millionen Jahren Zwischen nahe verwandten Arten, wie zum Beispiel Mensch und Schimpanse, existieren zahlreiche Unterschiede. Sie manifestierten sich, als sich die beiden Abstammungslinien vor sechs bis sieben Millionen Jahren trennten und beide Arten sich unabhängig voneinander weiter entwickelten. Forscher wissen jedoch sehr wenig darüber, welche Veränderungen zur Abspaltung der beiden Linien vom gemeinsamen Vorfahren führten, wie diese Veränderungen entstanden und wann sie auftraten. Frühe Menschen besaßen kurze Wachstumsperioden Ähnlich wie Schimpansen wiesen auch frühe Menschen – Australopithecinen und Vertreter der Gattung Homo – kurze Wachstumsperioden auf. Warum, wann und in welcher Gruppe früher Menschen die „modernen“ Voraussetzungen zu einer relativ langen Kindheit entstanden sind, ist ebenfalls noch nicht bekannt.

Eine der bisher nur wenig verstandenen Veränderungen ist unsere einzigartige Lebensgeschichte beziehungsweise die Art, in der wir unser Wachstum, unsere Entwicklung und Fortpflanzungsbemühungen zeitlich aufeinander abstimmen. Im Vergleich zum Menschen ist die Lebensgeschichte von Menschenaffen durch eine kürzere Schwangerschaftsdauer, schnellere Reiferaten nach der Geburt, ein jüngeres Alter bei der ersten Fortpflanzung, eine kürzere postreproduktive Periode und eine kürzere Gesamtlebensspanne gekennzeichnet.

Schimpansen bereits mit 13 geschlechtsreif

So erreichen Schimpansen einige Jahre früher als Menschen die Geschlechtstreife und bringen ihren ersten Nachwuchs im Alter von 13 Jahren zur Welt, Menschen sind durchschnittlich 19 Jahre alt – ermittelt an der weltweiten Bevölkerung. „Die langsame Entwicklung bei Kindern steht im direkten Zusammenhang mit dem Entstehen menschlicher, sozialer und kultureller Komplexität“, sagt Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der zusammen mit Kollegen der Harvard University und der European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) in Grenoble für die neue Studie verantwortlich war. „Sie verschafft dem Gehirn eine längere Reifezeit und eine ausgedehnte Periode des Lernens.“ Gebiss des Neandertalerkindes

Zähne als Zeitspeicher

Man könnte annehmen, dass die dokumentierten fossilen Funde keine Lebensgeschichten preisgeben. Aber es hat sich herausgestellt, dass viele Variablen der Lebensgeschichte eines Individuums stark mit der Entwicklung der Zähne korrelieren. „Zähne sind beeindruckende Zeitspeicher, die jeden einzelnen Wachstumstag aufzeichnen und ähnlich wie die Jahresringe bei Bäumen den entsprechenden Fortschritt sichtbar machen. Noch beeindruckender ist es, dass unsere ersten Backenzähne eine winzige ‚Geburtsurkunde’ enthalten. Wenn Forscher diese Geburtslinie finden, können sie exakt berechnen, wie alt ein Kind zum Zeitpunkt seines Todes war“, erklärt Tanya Smith, die an der Harvard University und dem MPI in Leipzig forscht.

Supermikroskop im Einsatz

Mithilfe eines „Supermikroskops“ können die Forscher diese forensische Herangehensweise nun auch beim Blick in die Vergangenheit anwenden: Am ESRF, einer der größten Synchrotron-Anlagen der Welt, werden die dazu notwendigen extrem starken Röntgenstrahlen produziert. „An der ESRF können wir in unschätzbar wertvolle Fossilien hineinsehen, ohne sie zu beschädigen, indem wir die speziellen Eigenschaften energiereicher Synchrotron-Röntgenstrahlen nutzen“, sagt Paul Tafforeau: „Wir können Fossilien in verschieden großen Maßstäben und in drei Dimensionen untersuchen, von ihrer Gesamtform in 3D bis hin zu den mikroskopisch kleinen Tages-Wachstumslinien. Die ESRF ist zurzeit die einzige Einrichtung, wo diese Untersuchungen an fossilen Menschen möglich sind.“

Wuchsen Neandertaler anders?

Wissenschaftler waren sich jahrzehntelang uneins, ob Neandertaler anders wuchsen als moderne Menschen. Die neue Studie von Smith, Tafforeau und anderen Experten schließt nun einige der berühmtesten Neandertaler-Kinder mit ein, darunter auch das allererste Fossil der menschlichen Familie, das jemals gefunden wurde. Man nahm an, dass dieses Neandertalerkind aus Belgien, das im Winter 1829/30 entdeckt wurde, vier bis fünf Jahre alt war, als es starb. Mithilfe der Synchrotron-Röntgenstrahlen und modernster Computersoftware konnten die Forscher das tatsächliche Alter des Kindes zum Todeszeitpunkt jedoch auf drei Jahre datieren. Eine bedeutende Erkenntnis aus der aktuellen 5-Jahres-Studie ist den Wissenschaftlern zufolge, dass die Zähne bei Neandertalern wesentlich schneller wachsen als bei Vertretern unserer eigenen Art, einige der ältesten Gruppen moderner Menschen mit eingeschlossen, die Afrika vor 90.000 bis 100.000 Jahren verließen. Das Wachstumsmuster bei Neandertalern liegt zwischen frühen Vertretern unserer Gattung – zum Beispiel Homo erectus – und heute lebenden Menschen, so die Forscher.

Langsames Wachstum und lange Kindheit

Das für unsere Art so charakteristische langsame Wachstum und die lange Kindheit scheinen sich also erst kürzlich und ausschließlich in unserer eigenen Art durchgesetzt zu haben. Diese verlängerte Reifeperiode kann nach Angaben der Wissenschaftler zusätzliches Lernen erleichtern, eine komplexe Kognition fördern und verschaffte dem frühen Homo sapiens möglicherweise einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Neandertaler.

Die neuen Studien gesellen sich zu der wachsenden Zahl an Beweisen, die besagen, dass es tatsächlich subtile Entwicklungsunterschiede zwischen uns und unserem Cousin, dem Neandertaler, gibt. In der Fachzeitschrift Current Biology berichteten Philipp Gunz und Kollegen des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie erst vor Kurzem, dass auch die Entwicklung des Gehirns bei Neandertalern anders verläuft als beim modernen Menschen.

Sequenzierung des Neandertalergenoms

Darüber hinaus hat die Sequenzierung des Neandertalergenoms durch Molekularbiologen um Svante Pääbo spannende genetische Hinweise gefunden, die auf Unterschiede bei der Entwicklung des Gehirns und des Skelettes bei Neandertalern im Vergleich zum modernen Menschen hindeuten. Diese neuen Methoden ermöglichen es den Forschern, die Ursprünge einer grundlegenden menschlichen Eigenschaft zu beleuchten: den kostspieligen aber vorteilhaften Übergang von der ursprünglichen Strategie „Lebe schnell und stirb jung“ zur fortgeschritteneren Strategie „Lebe langsam und werde alt“, die uns zu einer der erfolgreichsten Organismen auf diesem Planeten gemacht hat.

(MPG, 17.11.2010 – DLO)

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Homo puer.

•November 15, 2010 • Schreibe einen Kommentar

Neanderthaler hatte kürzere Kindheit als der moderne Mensch

AFP

15. 11. 2010

Der Neanderthaler hatte einer neuen Studie zufolge eine kürzere Kindheit als der moderne Mensch. Die langsamere Entwicklung könnte dem Homo Sapiens einen Vorteil in der Evolution gegenüber dem Neanderthaler gegeben haben, berichtet eine deutsch-amerikanische Forschergruppe in der Zeitschrift der US-Akademie der Wissenschaften PNAS. Diese Erkenntnis stützt sich auf eine Untersuchung der Zähne der beiden Arten mittels Röntgenstrahlen.

In der Studie zeigt die Forschergruppe um die Biologin Tanya Smith von der Harvard University und dem deutschen Max Planck Institut für Evolutionäre Anthropologie, dass das Wachstum der Zähne bei jungen Neanderthalern weit schneller war, als bei den ersten modernen Menschen, die vor 90.000 bis 100.000 Jahren den afrikanischen Kontinent verließen. Die Neanderthaler starben aus noch immer unbekannten Gründen vor rund 30.000 Jahre

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Nota:

Meine Rede seit Jahr und Tag – der Mensch unterscheidet sich von den Tieren summa summarum durch seine ausgeprägte Kindlichkeit (und übrigens auch seine ausgeprägte Männlichkeit; und beides läuft womöglich aufs Selbe hinaus).

Schulreform.

•November 15, 2010 • Schreibe einen Kommentar

Pädagogik vom Kinde her denken.

Lernen, ohne zu verstehen.

•Oktober 31, 2010 • Schreibe einen Kommentar

aus: scinexx

Gehirn spart Rechenleistung

Neue Kunstfertigkeiten werden in vereinfachten Speichern abgelegt, um sie mühelos abrufbar zu machen

Wissenschaftler haben in einer Studie an Musikern und Nichtmusikern herausgefunden, wie das menschliche Gehirn sich „Rechenleistung“ spart: Es ist in der Lage, schwierige Bewegungen so zu speichern, dass sie bei Bedarf schnell und ziemlich mühelos wieder abgerufen werden können.
Forschungslandschaft Gehirn

Die Forscher um Professor Joseph Claßen vom Universitätsklinikum Leipzig stellen die Ergebnisse ihrer neuen Studie zusammen mit Kollegen aus Würzburg jetzt in der Fachzeitschrift „Current Biology“ vor.

Bei ihren Experimenten betrachteten die Wissenschaftler die Fingerbewegungen von Geigern und Pianisten. Zunächst zeichneten sie auf, wie diese nach oft jahrelangem Training bestimmte Griffe auf ihren Instrumenten ausführten. Die daraus entstandenen Bewegungsmuster untersuchten sie dann auf Regelhaftigkeiten.

Magnetstimulation im Einsatz

Anschließend lösten die Forscher mit der so genannten transkraniellen Magnetstimulation, einer schmerzlosen und gefahrlosen Methode, Fingerbewegungen durch Reizung der Hirnrinde aus. Die Methode erlaubt es den Wissenschaftlern, durch starke Magnetfelder Bereiche des Gehirns anzuregen, ohne dass dazu ein direkter Eingriff in dieses hochempfindliche Organ notwendig ist.

„Die in völlig entspanntem Zustand magnetisch ausgelösten Fingerbewegungen wiesen Merkmale auf, die direkt mit den langjährig trainierten Fingerbewegungen verbunden waren“, erläutert Claßen. Erklären lässt sich das nach Ansicht der Forscher dadurch, dass die entsprechenden Fähigkeiten im Gehirn modular abgelegt werden.

„Die Veränderung in den Speicherbausteinen, die wir auf diese Weise sichtbar gemacht haben, ermöglicht es den Musikern, die speziellen Bewegungen bei der Ausübung ihrer Musik mit größerer Leichtigkeit, Präzision und Geschmeidigkeit auszuführen“, meint Claßen.

Speicherbausteine des Gehirns

Allerdings ist ihm zufolge auch klar, dass sich Speicherbausteine des Gehirns bei besonders schwierigen Leistungen nur allmählich und nach sehr langem Training verändern. „Die von uns untersuchten Musiker hatten viele Jahre täglich geübt, brachten bis zu 10.000 Trainingsstunden mit.“

Das entdeckte Arbeitsprinzip der Gehirns gilt nach Ansicht der Wissenschaftler wahrscheinlich nicht nur für die Bewegungen beim Musikmachen und für hochspezialisierte Musiker, sondern ist auch für andere Menschen und andere motorische Fähigkeiten gültig: „Wir hätten auch Sekretärinnen, die täglich tausende Tastenanschläge machen, oder Chirurgen, die mit hoher manueller Geschicklichkeit komplexe Eingriffe am menschlichen Körper ausführen, untersuchen können“, sagt der Neurologe.

Denn auch sie können ihre über lange Zeiträume einstudierten Bewegungen mühelos wiederholen. Ihr Gehirn kann durch die Speicherung von immer wiederkehrenden Abläufen in Bausteinen wertvolle Zeit und Energie sparen und damit verhindern, dass es jedes Mal von vorne mit der Analyse einer Situation beginnen muss.

Praktische Anwendungen möglich

Auch wenn derzeit noch nicht an eine Umsetzung der Erkenntnisse der Forscher zu denken ist, so hält es Claßen für durchaus möglich, dass es zu sehr praktischen Anwendungen kommen kann. „Auch Schlaganfallpatienten werden hoffentlich von unseren Erkenntnissen profitieren“, sagt er.

Claßen erwartet, dass Trainingsprogramme für Schlaganfallpatienten verbessert werden können, indem die Bildung von Modulen unterstützt wird. Und seine Vision geht sogar noch weiter: „Auch perzeptuelle Vorgänge wie etwa unsere visuelle Wahrnehmung wird vermutlich durch solche Speicherprozesse im Gehirn vereinfacht. Wir können uns vorstellen, dass sie wirksam sind, wenn ein Kind zum Beispiel erst lernt, einen Hund von einer Kuh zu unterscheiden, dann auch Hund und Katze und irgendwann sogar Hunderassen voneinander trennen kann.“

Vielleicht wird es – so die Hoffnung der Forscher – auch einmal möglich sein, durch magnetische Stimulation des Gehirns Menschen zu helfen, die durch Krankheit oder Unfall lange geübte Fähigkeiten eingebüßt haben, indem man sich die Regelhaftigkeit der im Gehirn dauerhaft abgespeicherten Fähigkeiten zu Nutze macht. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.

(idw – Universität Leipzig, 27.10.2010 – DLO)

Ererbt und erworben.

•Oktober 20, 2010 • Schreibe einen Kommentar

aus: NZZ 20. 10. 2010

Einfluss der Gene auf soziales Verhalten

Jacobs-Forschungspreis 2010

lsl. · Gene und persönliche Erfahrungen beeinflussen die individuelle Entwicklung des Menschen. Das Forscherehepaar Terrie Moffitt und Avshalom Caspi, die beide an der Duke University in Durham und am King’s College in London arbeiten, erbrachte konkrete Hinweise, wie dieses Wechselspiel die psychische Entwicklung und das soziale Verhalten von Jugendlichen prägt. Für ihre Forschungsarbeit wurden sie nun mit dem Klaus-J.-Jacobs-Forschungspreis ausgezeichnet, der mit 1 Million Franken dotiert ist.

Eine ihrer wichtigsten Studien erschien im Jahr 2002 in der Zeitschrift «Science». Sie zeigte einen Zusammenhang zwischen Misshandlungen in der Kindheit, einer bestimmten Genvariante eines Moleküls, das im Serotonin-Stoffwechsel im Gehirn eine Rolle spielt (Monoaminooxidase A), und asozialem Verhalten. Weder eine Misshandlung noch die genetische Auffälligkeit allein erhöhten die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche durch asoziales Verhalten auffielen. Waren jedoch beide Umstände gegeben, war das Risiko gross, dass sie kriminell oder sozial auffällig wurden. Einen ähnlichen Zusammenhang fanden Moffitt und Caspi für ein anderes Gen, schwierige Kindheitserlebnisse und Depression.

Die Forscher schliessen daraus, dass einige Genvarianten in Kombination mit prägenden Erlebnissen die Entstehung bestimmter Verhaltensweisen begünstigen. Diese und andere ihrer Forschungsergebnisse wirken sich laut einer Pressemitteilung der Jacobs-Stiftung auf den Umgang mit straffälligen Jugendlichen aus.

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Nota.

Bevor das Geschrei wieder losgeht: Auch hier ist die Rede nicht von Kausalität, sondern von erhöhter Wahrscheinlichkeit.

J. E.

Ironie ist elementarer, als ihr glaubt.

•Oktober 13, 2010 • Schreibe einen Kommentar

aus New York Times, 12. 10. 2010

Too Young for School, but

Ready for Irony

By NICHOLAS BAKALAR

When a 12-year-old’s mother asks him “How many times do I have to tell you to stop?” he will understand that the answer, if any is required, had better not include a number.

But that insight requires a sophisticated understanding of ironic language that develops long after fluent speech. At what age do children begin to sense the meaning of such a question, and to what degree can they respond appropriately to other kinds of irony?

In laboratory research on the subject, children demonstrate almost no comprehension of ironic speech before they are 6 years old, and little before they are 10 or 11. When asked, younger children generally interpret rhetorical questions as literal, deliberate exaggeration as a mistake and sarcasm as a lie.

But there has been little research on the subject outside the laboratory. So a group of Canadian researchers set out to record parents and children at home as they used four types of ironic language: sarcasm, hyperbole, understatement and rhetorical questions. It turns out that very young children can understand and even use ironic speech, even if they cannot describe what they have done to a researcher.

“You really see that they respond appropriately to this language in conversation,” said Holly E. Recchia, the lead author of the report. “That’s not the same as saying they can explain their understanding explicitly.”

The study, published in The British Journal of Developmental Psychology, included 39 families, each with two parents and two children whose average ages were 4 and 6. The families were recruited using birth announcements in an Ontario newspaper, and they were representative of the general population in ethnic background and in parents’ age and educational level.

The scientists transcribed more than 350 hours of speech, and sorted all the nonliteral utterances into one of the four categories, each time identifying the speaker. All the older siblings made at least one ironic remark, as did 38 mothers, 26 fathers and 37 of the younger siblings —a total of 1,661 nonliteral comments.

Although it is unclear why, compared with fathers and children, mothers used ironic language more in negative interactions than in positive ones, and rhetorical questions more frequently than any other form. “It may be that mothers take on roles as teachers or managers,” Dr. Recchia said. “If moms are more engaged in conflict management, then it could be that rhetorical questions are more effective than sarcasm.”

With all the children, hyperbole and rhetorical questions were most common. When the children were involved in a conflict, rhetorical questions and understatement were used more, while positive interactions usually involved sarcasm and hyperbole. Unlike their younger brothers and sisters, older siblings used sarcasm (“Thanks a lot — now you wrecked my collection”) more often than understatement (“I’m just a tiny bit angry with you right now”).

“It’s one piece of a larger picture,” said Janet Wilde Astington, a professor of psychology at the University of Toronto who has published widely on children’s speech, but was not involved in this study. “I think it is important insofar as they can show understanding as young as they were observing, and I think that they do make the important point that that does stand in contrast to expectations from experimental work.”

Compared with their parents, the children were more likely to use hyperbole, typically to emphasize grievous injustices done them by their siblings and parents: “You never give me an allowance, even when I’m good.” Older children used more irony than their younger siblings, and while younger ones were less likely to understand the meaning and function of the remarks, the differences were not large.

Dr. Recchia, who is an assistant professor of education at Concordia University in Montreal, said that even though children’s understanding of irony was limited, it could still be useful. “Parents tend to view ironic language negatively, but it’s not always negative or nasty,” she said. “Sometimes it’s quite playful. It may be that humor and irony can help to defuse situations that might otherwise cause conflict. It may be an effective tool.”

Dippold.

•Oktober 4, 2010 • Schreibe einen Kommentar

aus Neue Zürcher Zeitung, 4. 10. 2010

Der Hauslehrer als Täter und als Opfer

Michael Hagners Studie über einen Kriminalfall der vorletzten Jahrhundertwende

Von Hans Ulrich Gumbrecht

Ob pädagogisch ambitionierte Landschulheime der Ort des Vergehens sind oder Sakristeien katholischer Pfarrkirchen, das gebildete Publikum gerät immer wieder in engagierte Erregung, wenn sexuelle Übergriffe von Erziehern auf ihre Zöglinge zum Thema werden. Allerdings ist die nie ausbleibende Resonanz in spannungsvolle Perspektiven gebrochen. Konstant bleibt allein die den Opfern geltende Empathie, während die Verführer zwar meistens kriminalisiert, nicht selten aber auch durch Pathologisierung potenziell entlastet werden – und manchmal sogar die verständnisvolle Sympathie einer sich für besonders «menschlich» ansehenden Minderheit geniessen. Eltern und Familien der Opfer identifiziert man teils als die «eigentlich Schuldigen», teils als die ganz und gar unschuldigen «eigentlich Leidtragenden». All diesen Formen der Reaktion stehen – je nach Bildungsniveau – ethische und religiöse, rechtliche und vielfältig wissenschaftliche Diskurse der Plausibilisierung zur Verfügung. Wer immer in die Diskussion eintritt, kann also im biederen Brustton der Vernunft reden, Ambivalenzen sind ausgeschlossen.

Jurastudent und Bankierssöhne

Der an der ETH Zürich lehrende Wissenschaftshistoriker Michael Hagner hat nun mit einem vor allem im ersten Teil detailreichen und dadurch durchaus auch unterhaltsamen Buch die wohl früheste Episode dieser Art aufbereitet, welche das breite Publikum in Deutschland erreichte. Es ist der Fall des Jurastudenten Andreas Dippold, der im Jahr 1903 den seiner pädagogischen Obhut (zusammen mit einem jüngeren Bruder) anvertrauten vierzehnjährigen Bankierssohn Heinz Koch zu Tode prügelte. In der Geschichte von Dippold und der Familie Koch kommt eine schwer überbietbare Fülle von Bedingungen zusammen, welche unsere Imagination anregen.

Rudolf Koch, der in späteren Lebensjahren geadelte Vater des Opfers, war Vorstandssprecher der Deutschen Bank und heiratete nach dem Tod seiner ersten Frau, mit der er fünf Kinder hatte, deren von einem prominenten Chirurgen geschiedene Schwester. Sie brachte eine Tochter mit in die neue Ehe, gebar ihm die beiden Söhne Heinz und Joachim und übernahm die Erziehung aller in der Familie verbliebenen Kinder. Unter den standesüblich hohen Erwartungen ihres Gatten sah Rosalie Koch sich selbst und eine Reihe hochmögender Anstalten gescheitert in der Erziehung der beiden gemeinsamen Söhne, als sie 1902 Andreas Dippold einstellte und mit den beiden Knaben auf ein Familiengut im Harz schickte, wo sie in aller Strenge auf den Weg der Tugend und des Erfolgs gebracht werden sollten. Dippold war ein begabter fränkischer Bauernsohn, dem die Einheirat in eine Lehrerfamilie als nächste Stufe des sozialen Aufstiegs misslungen war, weil man dem Schwiegervater in spe hinterbracht hatte, dass der künftige Schwiegersohn während seines Studienjahrs in Würzburg Stammkunde eines Bordells gewesen war.

Wohl auch unter dem Eindruck dieses Scheiterns war in Dippolds Kopf jenes Weltanschauungsgemisch von antikonfessioneller Gottesfurcht, Antisemitismus, Kulturkritik und Vitalismus zusammengekommen, das man heute als eine Bedingung für die Entstehung des Nazismus ansieht – und in dem Rosalie Koch einen letzten Horizont der Hoffnung für ihre Söhne erkennen wollte. In einer aus zahlreichen Briefen zwischen allen Beteiligten genau rekonstruierbaren Eskalation war dann Dippolds Erfolglosigkeit als Hauslehrer bald in einen allgegenwärtigen Masturbationsverdacht und in ein Delirium körperlicher Strafen umgeschlagen, die zum Tod von Heinz Koch am 10. März 1903 führten. Ein kurz davor von den Eltern zu Rate gezogener Psychiater aus Berlin hatte die Angemessenheit von Dippolds brachialem Erziehungskonzept bestätigt. Bei der Obduktion der Leiche des Knaben waren aber auch eine Asymmetrie des Schädels und Folgen einer Wachstumsstörung im Frontalhirn festgestellt worden.

Zu einem «Fall» für die Öffentlichkeit wurde diese Geschichte pädagogischer Verirrungen erst, als ein Bayreuther Staatsanwalt das Strafmass von acht Jahren Zuchthaus und zehn Jahren «Ehrverlust» für Dippold beantragte – und nicht die Höchststrafe von fünfzehn Jahren Zuchthaus. Ganz ähnlich wie in vergleichbaren Situationen unserer Gegenwart war die Reaktion vielfach gebrochen – und die historische Parallele hat wohl damit zu tun, dass an der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert jene Entdifferenzierung von psychiatrischer Theorie und juristischer Praxis eingesetzt hatte, deren Folgen das Rechtssystem bis heute nicht überwunden hat.

Im Vordergrund der öffentlichen Proteste stand eine – damals allerdings von Empathie ganz freie – Pathologisierung des Täters zur «sexuellen Bestie». Andere Stimmen – allen voran der prominente Journalist Maximilian Harden – schoben die Verantwortung auf die Eltern des Opfers, die am Tag seines Todes in den Ferien an der französischen Riviera weilten. Zugleich provozierten das Sterben von Heinz Koch und das Urteil des Bayreuther Gerichts eine Verschärfung der rechtswissenschaftlichen Debatten zwischen Anhängern der «Vergeltungsdoktrin» und Befürwortern der «Zweckdoktrin» im Strafrecht sowie vielfältig erhitzte Stellungnahmen zur pädagogischen Tunlichkeit der Prügelstrafe. Am Ende wird Dippold als Fall von «Erziehersadismus» oder auch «Dippoldismus» zu den Akten der Psychologiehistorie genommen.

Diskursvielfalt

Michael Hagner ist offenbar davon überzeugt, dass die historische Sachlage – und möglicherweise auch das fortbestehende juristische Dilemma – durch eine Konstellation aus Rezeptionsgeschichte, Diskursgeschichte und vor allem Mediengeschichte auf eine Ebene der Objektivität zu bringen sei: «Mit den Stichworten Medienkanäle, Normbruch und Diskursfähigkeit von Tabuthemen lässt sich auch der Fall des Hauslehrers analysieren.» Die Erkenntnishoffnung, die er mit der Aufarbeitung des «Mediums» Presse und verschiedener Motive aus Michel Foucaults Spätwerk verbindet (vor allem mit der Aufarbeitung des Dispositivs der Geständnisse), wirkt allerdings etwas undifferenziert. Der Autor distanziert sich von der in den siebziger Jahren so populären «antipsychiatrischen» Sympathie für die Logik des Verbrechers. Auf die im Obduktionsbefund genannten angeborenen organischen Schäden des zu Tode gebrachten Knaben kommt er aber augenscheinlich nicht wieder zurück. Sollte da so etwas wie ein Tabu im Spiel sein? Darf es keine physischen Ursachen psychischer Störungen geben.

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Michael Hagner: Der Hauslehrer. Die Geschichte eines Kriminalfalls. Erziehung, Sexualität und Medien um 1900. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2010. 280 S., Fr. 30.50.

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All die anderen, eher psychologisch oder sozialhistorisch relevanten Ansätze des Verstehens und Analysierens aber, die Hagner ins Spiel bringt – die mögliche sadistische Veranlagung von Dippold, dessen protonazistische Weltsicht, der Leistungsdruck, welcher von den Eltern der Zöglinge ausgegangen sein mag -, laufen nirgends zum Fluchtpunkt einer prägnanten Beurteilung oder einer These zusammen. Der Autor droht, so scheint es, in der von ihm gekonnt aufgefächerten Diskursvielfalt zu verschwinden – und mit ihm auch eine Antwort auf die Frage, was von dem «zeitlosen Lehrstück», als das der Klappentext die Geschichte ankündigt, denn gelernt werden kann.

Eindrucksvoll freilich ist die literarische Qualität insbesondere der Erzählungen, mit denen das Buch ausklingt. Die erste berichtet von Heinz Kochs jüngerem Bruder, der ein pseudogelehrter Nazi-Mitläufer wurde und 1960 in Wolfsburg starb. Andreas Dippolds letzte Lebensspuren lassen vermuten, dass er in São Paulo um die Erhaltung einer durch keinerlei Examina gerechtfertigten Existenz als Jurist kämpfte.