Die nackte Frage nach dem Sinn

aus Neue Zürcher Zeitung, 1. 9. 2010

Janne Tellers umstrittener philosophischer Roman «Nichts»

Sieglinde Geisel · «Nichts bedeutet irgendetwas. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.» Weil er dies begriffen hat, setzt sich Pierre Anthon auf einen Pflaumenbaum, von wo aus er seine Schulkameraden Tag für Tag mit unbehaglichen Wahrheiten traktiert: «Alles ist egal. Denn alles fängt nur an, um aufzuhören.» Die Erwachsenen haben mit den gefährlichen Fragen nach dem Nichts und dem Sinn Mühe, nicht nur im Buch: Als Janne Tellers Parabel «Nichts» vor zehn Jahren in Dänemark erschien, wurde der Text erst für Schulen verboten, dann prämiert.

Pierre Anthons Klassenkameraden können die Vorstellung, dass das Leben keinen Sinn habe, nicht ertragen, deshalb wollen sie dem Nihilisten auf dem Baum beweisen, «dass etwas etwas bedeutet». In einem verlassenen Sägewerk errichten sie einen «Berg der Bedeutung», auf den jeder das legen muss, was ihm am meisten bedeutet. Wer sein Opfer gebracht hat, darf bestimmen, was der Nächste hergeben muss. Doch Bedeutung ist, wenn’s weh tut: Die Spirale seelischer Grausamkeit endet damit, dass dem Gitarrenspieler Jan-Johan der rechte Zeigefinger abgesäbelt wird.

Und doch gehört Janne Tellers Buch nicht zum florierenden Genre des harten Jugendbuch-Thrillers. Sie zeigt vielmehr, wie harmlos die Tabubrüche in Sachen Sex and Crime letztlich sind – die Abgründe liegen anderswo. Die eigentliche Provokation steckt im unbeteiligten Ton der Ich-Erzählerin, von dem ein rätselhafter Sog ausgeht. Janne Teller bietet uns keinen Unterschlupf in ein stellvertretendes Entsetzen der Erzählerin. Sie lässt uns mit der nackten Frage, wo das Nichts aufhört und der Sinn beginnt, allein – deshalb müssen wir anfangen, darüber zu reden.

Janne Teller: Nichts, was im Leben wichtig ist. Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler. Verlag Carl Hanser, München 2010. 139 S., Fr. 19.90 (ab 14 Jahren).

~ von Panther Ray - September 1, 2010.

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