Schulnoten.

aus: Neue Zürcher Zeitung, 30. 6. 2010

Glasperlen des Bildungssystems

Noten sind nicht so präzise, wie man sich das wünschen würde – sie durch Wörter oder Kreuzchen zu ersetzen, ändert daran wenig

Noten haben als Währung im System der Bildung eine lange Tradition. Liessen sich ihre problematischen Seiten leicht beheben, wäre dies längst getan.

Winfried Kronig

Die Aufregung um Schulnoten ist überraschend alt. Schon vor mehr als 120 Jahren legte ein englischer Forscher der königlichen statistischen Gesellschaft den Nachweis vor, dass Noten unangemessen, ja fast schon zufällig vergeben werden. Etwa im gleichen Zeitraum will ein russischer Arzt sogar Beweise dafür gefunden haben, dass Prüfungen gesundheitsschädigend sind und zu substanziellen Gewichtsverlusten führen. Auch wenn seine Interpretationen der Daten aus heutiger Sicht übertrieben scheinen, illustrieren sie dennoch das alte und vielfältige Unbehagen gegenüber Leistungsbeurteilungen. Auch in der Schweiz gab es früh Kritik an der schulischen Leistungsbewertung. Spätestens ab den 1950er Jahren wurde diese auch in der Praxis diskutiert. So wurden damals in der «Schweizer Lehrerzeitung» Schulnoten unter Berufung auf systematische Beobachtungen als ungerecht, nicht vertrauenswürdig und zufällig verurteilt.

Ungenügende Noten

Seither gab es Dutzende von Studien, die mit unterschiedlichen Methoden die Prüfungs- und Beurteilungspraxis an öffentlichen Schulen wissenschaftlich untersuchten. Ihre bis jetzt unwiderlegten Ergebnisse waren ernüchternd. Sie zerstörten in der Fachwelt nachhaltig den Glauben an die Möglichkeit einer genauen Abbildung von schulischen Leistungen. Zu sehr stellten sich die Leistungsbeurteilungen immer wieder als anfällig für verschiedenartige Verzerrungen heraus. Es gibt eine Reihe von gut dokumentierten Effekten, die unkontrolliert in die Leistungsbeurteilung einfliessen und damit Schulnoten dramatisch verfälschen können. Das eigentlich Tragische ist aber, dass sie bei jeglicher Form der Leistungsbeurteilung wirksam werden können. Das Ersetzen von Noten durch Buchstaben, Kreuzchen, Wörter oder standardisierte Formulierungen bietet keinen wirksamen Schutz vor diesen Verzerrungen. Selbst oder gerade in Lernberichten können sie einen oftmals nicht wahrgenommenen Einfluss ausüben.

Ausserdem scheint das Konzept der Schulnoten heillos überfrachtet. Sie sollen individuelle Rückmeldung, Vergleich zu anderen, Prognose über die künftige Lernentwicklung, Motivationsinstrument und für einige gar ein Mittel zur Herstellung von Disziplin sein. Jahrzehntelange wissenschaftliche Beschäftigung mit der Notenvergabe verdeutlicht aber auch, dass das Beurteilen von schulischen Leistungen ein anspruchsvoller Vorgang ist. Es wäre zu einfach gedacht, wenn man die Ursachen für die Probleme allein bei der Lehrperson suchen würde. Vielmehr können Lehrpersonen manchmal gar nicht anders, als kritisierbare Noten zu vergeben.

Denn zu den wohl spektakulärsten Verfälschungen kommt es durch einen Mechanismus, auf den die Lehrperson kaum einwirken kann. Er wird als Referenzgruppenfehler bezeichnet und ist im deutschen Sprachraum erstmals von Karlheinz Ingenkamp in den 1970er Jahren beschrieben worden. Dieser Fehler entsteht dadurch, dass Schulklassen sich in ihrem Leistungsspektrum unterscheiden. So kann es durchaus vorkommen, dass der leistungsstärkste Schüler einer Klasse zu den schwächsten gehören würde, sässe er in einer anderen Klasse. Lehrpersonen können jedoch dieses Leistungsspektrum auf der Bewertungsskala nicht angemessen abbilden. Da sie schwerlich ihrem besten Schüler eine tiefe Durchschnittsbewertung geben können, wählen die Lehrpersonen auch bei unterschiedlichster Leistungsfähigkeit ihrer Schulklasse eine ähnliche Bandbreite auf der Bewertungsskala.

Die dadurch entstehenden Verzerrungen sind erheblich. Es ist eher die Regel und nicht die Ausnahme, dass dieselbe Leistung in Mathematik oder in den Sprachfächern einmal mit einer ausgezeichneten und einmal mit einer ungenügenden Note bewertet wird. In schlechteren Schulklassen ist es für den einzelnen Schüler einfacher, zu guten Noten zu kommen. In leistungsstarken Klassen hingegen machen Schüler zwar tendenziell grössere Lernfortschritte, für die sie aber die schlechteren Noten erhalten. Die individuelle Note ist faktisch die spiegelverkehrte Abbildung des Leistungsstandes der Schulklasse. Deshalb verliert sie ausserhalb des Klassenzimmers ihre Gültigkeit.

Leistungsprinzip inszeniert

Gleichwohl werden wöchentlich Notenzehntel mit akribischer Ernsthaftigkeit verrechnet. Mit unbeirrbarer Beharrlichkeit und enormem Aufwand hält die Schule an der bizarren Leistungsdokumentation fest. Zurückhaltend gerechnet werden an Schweizer Volksschulen allein von Herbst bis Weihnachten etwa 3,5 Millionen Zensuren vergeben.

Wider alle schlüssige Kritik hat das Bildungssystem gar keine andere Wahl, als an dem Zeremoniell der scheinbar irrtumsfreien, zuverlässigen und punktgenauen Leistungserfassung festzuhalten – in welcher Form auch immer. Die Schule muss sich nach dem Leistungsprinzip richten. Das bedeutet, dass ihre Entscheidungen ausschliesslich und eindeutig auf die individuelle Leistung zurückgeführt werden müssen.

Einsichtig heisst nicht unbedingt zutreffend. Denn wer ein guter Schüler ist, hängt nicht nur von der Schulklasse ab, die er besucht, sondern auch vom Wohnort, in dem er aufwächst. Sehr konkret zeigt sich das bei der Selektion nach der Primarschule. Während man in einem Kanton besser als 40 Prozent der Mitschüler sein muss, um der Selektion in eine Realklasse zu entgehen, reicht es in einem anderen schon aus, besser als 10 Prozent der Mitschüler zu sein. Das Risiko einer Sonderklassenüberweisung variiert zwischen den Kantonen sogar um das Zehnfache.

Auch innerhalb der Kantone gibt es erhebliche Differenzen. Wenige Kilometer Distanz können aus einer Sonderklassen- eine Regelklassenschülerin und aus einem Real- einen Sekundarschüler machen. Das Ergebnis sind regional sehr unterschiedliche Quoten von Schülern, die in weiterführende Schulen übertreten können. Aber auf schier wundersame Weise scheint es immer genau so viele gute und schlechte Schüler zu haben, wie es die örtliche Angebotsstruktur der Schule vorsieht.

Immer wieder beobachten deshalb Studien beträchtliche Leistungsüberschneidungen zwischen den hierarchischen Schultypen. Für rund 80 Prozent der Real- und Sekundarschüler dürfte gelten, dass es irgendwo in der Deutschschweiz einen Jahrgänger gibt, der in der Schule etwa gleich gut ist, aber trotzdem den anderen Schultyp besucht. Es sind weniger die diagnostischen Fähigkeiten der Lehrpersonen als vielmehr die unterschiedlich gewachsenen Strukturen des Systems, welche der Schule die fast schon notorische Verletzung des Leistungsprinzips aufzwingen.

Unlängst lancierte eine Fernsehstation in einem Berner Dorf ein «Experiment», bei dem gute Noten mit Geld vergütet werden sollten. Die Empörung der Öffentlichkeit entlud sich in einem aussergewöhnlich heftigen Medienecho. Es sei ungerecht, Schüler nach Leistungen zu entlöhnen, hiess es. Es sei demotivierend, wenn nicht Anstrengung, sondern nur Leistung honoriert werde. Man kann diese Ansichten sicherlich teilen. Aber die entrüstete Parteinahme für die Schwächeren – pädagogisch durchaus sympathisch – übersieht völlig, dass die Schule eine Institution für die Anbahnung und Legitimation gesellschaftlicher Unterschiede ist. Die monatlich rund vierzig Franken Differenz zwischen guten und schwachen Schülern im Experiment werden im Erwachsenenleben womöglich auf mehrere tausend Franken anwachsen.

Wettbewerb

Erfolgreich in der Schule zu sein, meint, dass man die vorgegebenen Inhalte beherrscht, dass man Verben konjugieren und den Dreisatz anwenden kann. Möglichst viele Schülerinnen und Schüler sollen möglichst viel lernen. Man kann dabei vom Lernerfolg der Mitschüler profitieren. Erfolgreich in der Schule zu sein, meint aber auch, dass man gute Noten bekommt und auf anspruchsvolle Schulen geht. Die begehrten Bildungstitel sind begrenzt. Dadurch treten Schülerinnen und Schüler in einen unmittelbaren Wettbewerb zueinander. Der Erfolg der anderen schmälert den eigenen Erfolg. Der Misserfolg der anderen erhöht ihn.

Ein Beispiel: In den letzten zwanzig Jahren haben sich bei Kindern aus Zuwandererfamilien die Sonderklassenüberweisungen verdreifacht. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Schweizer Kinder in Sonderklassen um etwa einen Viertel zurückgegangen. Wie im Arbeitsmarkt führt die Einwanderung auch im Bildungssystem zu einer Unterschichtung. Mit dem vermehrten Eintritt von Zuwandererkindern in Schweizer Schulen hat das Risiko für ansässige Kinder, als lernbehindert diagnostiziert zu werden, ohne ihr eigenes Dazutun abgenommen.

Widersprüchliches

Werden die Noten einer Schulklasse besser, wenn die Lehrperson gute pädagogische Arbeit leistet? Oder sind umgekehrt schlechte Noten in einer Klasse ein Hinweis auf den Mangel an Qualität der pädagogischen Arbeit oder gar das Gegenteil? Wie notenfrei ist der notenfreie Unterricht tatsächlich? Weiss ein Sekundarschüler mit einer Vier oder ein Realschüler mit einer Fünfeinhalb mehr? Warum werden die Jugendlichen jeder Generation wie so gerne und so oft behauptet immer schlechter in der Schule und besuchen trotzdem nachweislich häufiger ein Gymnasium?

Seit mehr als 120 Jahren können wir wissen, dass man Noten mit Recht misstrauen kann, ohne dabei den Lehrpersonen misstrauen zu müssen. Wenn die Probleme einfach zu lösen wären, so müsste man meinen, hätten es unsere Vorfahren doch längst getan. Immerhin ist ihnen das historische Kunststück gelungen, mit der Volksschule Bildung für alle zu installieren – bei aller gerechtfertigten Kritik mit Erfolg. Vielleicht wäre schon etwas gewonnen, wenn wir vorsichtiger mit den geläufigen Kategorien umgingen. Nach allem, was wir heute wissen, ist es nämlich keineswegs so eindeutig, was ein guter und was ein schwacher Schüler ist.

Winfried Kronig ist Professor an der Universität Freiburg. Er hat mehrere Studien über den Bildungserfolg und die Leistungsbeurteilung publiziert.



~ von Panther Ray - Juni 30, 2010.

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