Und schon wieder: ADHS.

aus: FAZ.NET

Zappeln, bis der Arzt kommt

Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom hat sich zu der am häufigsten diagnostizierten psychischen Störung bei Kindern entwickelt. Auffälliges Verhalten wird heute schnell als Krankheit behandelt. Vielleicht zu schnell?

Von Sarah Weik

23. Mai 2010

Ratlos schaut Marie den Strumpf in ihrer Linken an, dann legt sie ihn zur Seite. Rennt zur Kommode, wühlt in einer Schublade mit Pullovern, wählt einen grünen. Kaum ist er über den Kopf gezogen, fällt ihr Blick auf ihren Lieblingspulli. Gleich wird der grüne wieder ausgezogen und bleibt auf dem Boden liegen. Eine halbe Stunde später: Marie hockt, in Unterwäsche und mit einem Strumpf am rechten Fuß, auf dem Boden und spielt mit Legosteinen. Von dem Versuch der Sechsjährigen, sich anzuziehen, zeugt nur noch ein Wirrwarr von quer durch den Raum verteilten Klamotten.

Marie kann sich einfach nicht auf eine Tätigkeit konzentrieren. Immer fängt sie drei Sachen gleichzeitig an und vergisst dabei, was eigentlich zu tun ist. Jeden Morgen muss ihre Mutter mit knappen Anweisungen helfen. „Hol den Strumpf. Setz dich hin. Jetzt zieh ihn an.“ Nur wenn Ursula Kampa das Anziehen Schritt für Schritt begeleitet, kann der Tag beginnen.

Die meisten Mütter und Väter kennen ähnliche Situationen. Kinder sind häufig abgelenkt, zeigen mangelnde Ausdauer, werden schnell mal unruhig und zappelig. Doch wenn das partout nicht vorübergehen will, spätestens wenn sie ins Schulalter kommen und sich Lernschwierigkeiten einstellen, keimt der Verdacht, es könne sich um eine krankhafte Fehlentwicklung handeln.

Rasanter Zuwachs der Diagnostizierungen

In solchen Fällen lautet die Diagnose immer häufiger „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“ (ADS). Kommt noch Hyperaktivität hinzu, sprechen Ärzte von ADHS. Eine Krankheit offenbar, die mit dem nervösen Zeitgeist geht: Allein zwischen 2004 und 2007 verzeichnete die Kaufmännische Krankenkasse (jetzt KKH-Allianz) eine Zunahme entsprechender Diagnosen um fünfzig Prozent. Bundesweit werden in Deutschland mittlerweile 3,8 Prozent der Kinder zwischen sechs und 18 Jahren mit Medikamenten gegen ADHS behandelt – eine Steigerung von 52 Prozent im Vergleich zu 2005.

Die einfachste Erklärung dafür lautet, dass die Betroffenen dank umfassender Aufklärung besser erkannt werden. Doch wenn Grundschullehrer berichten, in einer Klasse auf nicht weniger als acht ADHS-Kinder zu stoßen, zeigt das nach Auffassung von Helmut Hollmann, dem Chefarzt des Kinderneurologischen Zentrums in Bonn, vor allem eines: „Wir setzen inzwischen andere Beurteilungskriterien an.“ Über jedem auffälligen Verhalten schwebe heute schon der Krankheitsverdacht. Welches Verhalten noch lebhaft und welches bereits hyperaktiv genannt werden muss, ist auch unter Experten umstritten. Zumal jeder Fall sich vom anderen unterscheidet.

Amir ist zehn, ein aufgeweckter Junge. Seine Baseballmütze hat er verkehrt herum aufgesetzt und schief ins Gesicht gezogen. So wie sich das eben gehört. „Die Ärzte haben meinem Sohn schon alles Mögliche bescheinigt. Mal soll er unterfordert, mal überfordert gewesen sein, mal war es ADHS, mal das Asperger-Syndrom. Oder einfach nur schlechte Erziehung.“ Seine Mutter Sabine Kiefner ist von den verschiedenen Auskünften genervt. Amir war immer ein wissbegieriges Kind, das bereits im Kindergarten lesen und rechnen konnte. „Spiele interessierten ihn nicht, er langweilte sich und begann, massiv zu stören“, erzählt sie. Schließlich wurde Amir als hochbegabt erkannt. „Doch die Probleme hörten nicht auf. Auch wenn es ein bisschen besser wurde, als er einige Klassen übersprang.“ Als Amir wieder den Unterricht störte, verschrieb ihm ein Psychiater Medikinet. „Nach dem Motto: Wenn’s hilft, dann wird er wohl ADHS haben“, kommentiert Frau Kiefner ironisch.

Schwankende Angaben

Der Griff zur Pille ist seit den sechziger Jahren ein probates Mittel zur Bekämpfung des Zappelphilipp-Syndroms. Zunächst in den Vereinigten Staaten, dann zunehmend auch in den übrigen Industrienationen hat sich der Wirkstoff Methylphenidat eingebürgert. Dabei handelt es sich um eine amphetaminähnliche Substanz, die das Nervensystem stimuliert. Warum es in paradoxer Weise gleichzeitig beruhigend bei ADHS-Patienten wirkt, ist noch nicht restlos geklärt. In deutschen Apotheken gingen im vergangenen Jahr 1735 Kilogramm Methylphenidat über die Theke, in Form von Arzneimitteln wie Ritalin, Concerta oder Medikinet. 1998 war es gerade einmal ein Zehntel dieser Menge. Dennoch gehen die meisten Psychiater und Neurologen davon aus, dass heute nicht mehr Kinder und Jugendliche als damals betroffen sind.

„ADHS ist keine Krankheit, die man messen kann wie Fieber oder Bluthochdruck“, sagt Helmut Hollmann. So kann auch niemand sagen, wie viele Kinder genau unter dem Syndrom leiden. Die Angaben schwanken zwischen drei und zehn Prozent eines Jahrgangs. Anhaltspunkte bieten die zwei wichtigsten Klassifikationssysteme für psychische Krankheiten, das ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation WHO und das DSM-IV der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung. In jedem Fall erfordere die Diagnose Sorgfalt, Zeit und spezielle Kenntnisse, betont Hollmann. Der Arzt müsse sich ein genaues Bild von der Lebenswelt des Kindes machen. Denn typische ADHS-Symptome können auch eine ganz andere Ursache haben. Wie bei Amir, bei dem tatsächlich auch das Asperger-Syndrom, eine leichte Form des Autismus, diagnostiziert wurde. Und in vielen Fällen gibt es durchaus Alternativen zur medikamentösen Behandlung.

Marie Kampa geht seit einiger Zeit zur Ergotherapie. „Wir wollten sie rechtzeitig darauf vorbereiten, dass bald von ihr verlangt wird, eine Schulstunde lang stillzusitzen und ihre Aufmerksamkeit auf eine Person zu richten“, sagt die Mutter. Ihr war bewusst, dass, anders als zu Hause, in der Schule niemand neben ihrer Tochter stehen wird, um ihr ständig Anweisungen zu geben.

„Die meisten Eltern wissen um den hohen Leistungsdruck, der ihre Kinder erwartet“, sagt Helmut Hollmann. Gerade im Mittelstand ist die Angst vor dem sozialen Abstieg weit verbreitet. „Viele haben große Sorgen, dass ihr Kind in der Leistungsgesellschaft untergeht“, bestätigt Katharina Liebsch, Soziologin im Fachbereich Gesellschaftswissenschaft der Universität Frankfurt. „Deshalb muss das Kind funktionieren.“

Verschiedene Faktoren

Doch ADHS betrifft nicht nur den Schulalltag, sondern alle Lebensbereiche. Kinder wie Marie Kampa halten ihre ganze Umgebung auf Trab und fordern immer volle Aufmerksamkeit. Nur dank fester Regeln und Strukturen bekommt Familie Kampa den Alltag überhaupt in den Griff. „Das erfordert auch von unserer Seite viel Disziplin“, sagt die Mutter.

Nach neueren Erkenntnissen spielt das familiäre Umfeld ohnehin eine entscheidende Rolle. Deutsche Experten, darunter Manfred Döpfner, Professor für Psychotherapie an der Kölner Universitätsklinik, setzen sich dafür ein, diesen Aspekt schon bei der Diagnose stärker einzubeziehen. Zwar wurde durch Zwillingsstudien belegt, dass auch eine erbliche Komponente existiert. „Doch es gibt nicht ,das‘ ADHS-Gen“, sagt Hollmann. Fest steht nur, dass es Faktoren gibt, die die Symptome bei entsprechender genetischer Anlage verstärken. Zwischen Reizüberflutung, und Alltagshektik kommen selbst Kinder mit nur schwach ausgeprägten Aufmerksamkeitsdefiziten immer schneller an ihre Belastungsgrenzen. Fatal wirken sich hoher Fernsehkonsum und damit einhergehender Bewegungsmangel aus. Während überschüssige Energie im Kindergarten noch spielend entladen werden kann, wird der aufgestaute Bewegungsdrang in der Schule zum Problem. Verbringt ein Kind hingegen seine Freizeit zwischen Baumhaus und Bolzplatz, kann es viel kompensieren.

Weil ADHS-Kinder nicht in der Lage sind, sich selbst zu organisieren, dürfen die Eltern ihnen auch nicht die Entscheidung darüber lassen, wann sie essen, schlafen oder spielen wollen. Sonst wird ihr Alltag bald zum Chaos. Helmut Hollmann hält schon aus diesem Grund nicht viel von Laissez-faire in der Erziehung. Verhaltenstherapeuten und manche Ergotherapeuten wie Gabriela König, bei der Marie Kampa in Behandlung ist, geben in speziellen Coachings auch den Eltern Hilfestellungen.

Verhaltenstherapeutische Angebote sind knapp

Ein strukturierter Alltag und viel Bewegung – das Konzept von Familie Kampa klingt auf den ersten Blick simpel. Bislang konnte sie auf Tabletten verzichten. Die Eltern hoffen, dass Marie nie darauf angewiesen sein wird. Doch auszuschließen ist das nicht. „Wenn ich merke, dass Marie sich selbst den Weg verbaut, werde ich Medikamente mit Sicherheit erwägen“, räumt die Mutter ein. Das ist genau der Punkt, an dem guter Rat schwierig wird. Katharina Liebsch sieht die Einnahme von Medikamenten generell kritisch: „ADHS wird so zu einer Fehlfunktion des Körpers reduziert, die sich durch entsprechende Wirkstoffe beheben lässt. Diese Vorstellung ist extrem verkürzt.“ Denn von einer Heilung könne man in diesem Falle nicht sprechen. Die Medikamente lindern zwar die Symptome, helfen den Kindern jedoch nicht dabei, ihr Leben selbst in den Griff zu bekommen.

Am vielversprechendsten ist daher eine Kombination aus einer individuell zugeschnittenen Verhaltenstherapie und medikamentöser Behandlung. Helmut Hollmann erklärt das seinen kleinen Patienten, indem er die Medikamente mit Krücken vergleicht: „Solange es nicht anders geht, kannst du dich darauf stützen – bis du so fit bist, dass du auch ohne laufen kannst.“ Dass in der Praxis die Anzahl der rein medikamentösen Behandlungen stark zunimmt, hält auch er für problematisch.

Anderseits sind qualifizierte verhaltenstherapeutische Angebote nach wie vor knapp. So entscheiden sich viele Eltern für den vermeintlich einfachen Weg über die beruhigende Pille. Selbst in solchen Fällen, wo keine Krankheit vorliegt, sondern eine Eigenwilligkeit in bestimmten Entwicklungsphasen. „Aus lauter Sorge, das Kind könne zurückbleiben, wird allzu oft vergessen, welches Verhalten für ein Kind in diesem Alter noch normal sein kann“, hat der Kinderarzt Helmut Hollmann beobachtet.

Zappeln gehört jedenfalls dazu. Um ein Kind, das noch nie gezappelt hat, müsste man sich eher Sorgen machen.

~ von Panther Ray - Mai 24, 2010.

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