Gegen die jungenfeindliche Bildungspolitik.

Quelle:
MANNdat e.V. – Geschlechterpolitische Initiative – Gemeinnütziger Verein
Amtsgericht Stuttgart, VR-7106.
info@manndat.de
http://www.manndat.de

Das Bundesjugendkuratorium hat im September 2009 eine offizielle Stellungnahme „Schlaue Mädchen – Dumme Jungen? Gegen Verkürzungen im aktuellen Geschlechterdiskurs“ zu den Ergebnissen von Fachleuten veröffentlicht, die einhellig eine problematische Bildungs und Arbeitsmarktsituation von Jungen konstatieren. Das Bundesjugendkuratorium hat wesentlichen Einfluss auf die Bildungs- und Jugendpolitik, da es die zuständigen Ministerien berät. Die Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums ist deshalb eine sehr wichtige Aussage der Bildungs- und Jugendpolitik in Deutschland. Sie gibt damit einen Trend der Bildungs- und Jugendpolitik auf Bundesebene in den nächsten Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten, wieder. Grund genug also für MANNdat, diese Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums unter die Lupe zu nehmen.

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Zusammenfassung:

In Deutschland ist Bildung einer der wichtigsten volkswirtschaftlichen Faktoren. Aber obwohl jeder zehnte Junge ohne Migrationshintergrund und fast jeder vierte Junge mit Migrationshintergrund die Schule ohne einen Abschluss verlässt, ist das Thema Bildungsförderung von Jungen in den Bildungsministerien in Deutschland nicht vollständig angekommen.

Das Bundesjugendkuratorium berät die Bundespolitik in jugendpolitischen Fragen und ist damit mitverantwortlich für die derzeitige geschlechterspezifische Bildungssituation. Die vom Bundesjugendkuratorium verfasste Stellungnahme zur Bildungssituation von Jungen im September 2009 „Schlaue Mädchen – Dumme Jungen? Gegen Verkürzungen im aktuellen Geschlechterdiskurs“ ist keine objektive Abwägung verschiedener Ansätze zur Jungenförderung. Sie stellt vielmehr eine subjektive Verteidigung einseitig sozialisationstheoretischer und männlichkeitskritischer Ansätze dar. Die von unabhängigen Einrichtungen erzielten dramatischen Ergebnisse zur Bildungssituation von Jungen werden relativiert.

Bedürfnisorientierte und motivationale Ansätze zur Jungenförderung bleiben völlig unberücksichtigt. Ein Mangel, der bei der Vielzahl von Fachleuten, die hinter dem Bundesjugendkuratorium stehen, überraschend ist. Eine Förderung von Jungen in den Bereichen, in denen sie sich – in Schuleingangsuntersuchungen belegt – tendenziell langsamer entwickeln (Sprachfähigkeit, Motorik), wird in der Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums überhaupt nicht diskutiert. Somit bleiben wichtige Ansatzpunkte zur Bildungsförderung von Jungen – Förderung schon im Vorschulbereich in Sprachfähigkeit und Motorik, sowie Lesekompetenz während der Schulzeit und die stärkere Berücksichtigung auch jungentypischer Lebenswelten und Belange in der Schulpädagogik – völlig außen vor.

Die Behauptung des Bundesjugendkuratoriums, dass sich die Lesekompetenzunterschiede zwischen Mädchen und Jungen von 2001 zu 2006 halbiert hätten, ist verkürzt dargestellt. Tatsächlich sind die geschlechterspezifischen Lesekompetenzunterschiede bei den 15-Jährigen (vgl. PISA-Studien) in den letzten Jahren gleich geblieben.

Die Vorschläge des Bundesjugendkuratoriums zur „Jungenförderung“ beruhen somit auf unvollständigen Voraussetzungen und sind deshalb äußerst fragwürdig. Viele Vorschläge des Bundesjugendkuratoriums zur Verbesserung der Bildungssituation von Jungen sind zudem nichts Neues. Jungen neue, geschlechteruntypische Berufsfelder vorzustellen, ist z.B. eine Forderung, die schon im Jahr 2001 das „Forum Bildung“ gestellt hat. Die Notwendigkeit von mehr Daten zur Situation männlicher Jugendlicher mit Migrationshintergrund hat MANNdat schon im Jahr 2004 im Rahmen eines Petitionsverfahrens gefordert. Vielmehr scheitert es gerade an den bildungs- und jugendpolitisch Verantwortlichen, dass eben diese Maßnahmen nicht umgesetzt, sondern Jungen aus den entsprechenden Maßnahmen bislang bewusst ausgeschlossen wurden und werden, z.B. aus dem Zukunftstag oder aus Situationsberichten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Statt sich diesen Versäumnissen zu stellen, wird die Verantwortung den Jungen selbst zugeschoben und ihnen mangelnde Flexibilität ihres Rollenbildes vorgeworfen. Als Lösung empfiehlt das Bundesjugendkuratorium die Fortführung eines „Gender Mainstreaming“, das sich bei konkreter Betrachtung der gleichnamigen Projekte im mit dem Bundesjugendkuratorium kooperierenden Deutschen Jugendinstitut als Verkürzung der geschlechter-spezifischen Bildungsförderung auf Mädchenförderung entpuppt. Denn dort hat Gender Mainstreaming das Ziel, „Strategien, die die Benachteiligung von Mädchen und Frauen in Ausbildung und Erwerbsarbeit überwinden“, zu finden. Von einer Beseitigung von Bildungsnachteilen und Bildungsbenachteiligungen von Jungen ist nicht die Rede. Der Bildungsrückstand von Jungen wird stattdessen von Verantwortlichen des Deutschen Jugendinstituts als „bitter notwendig“ im Sinne der Frauenförderung betrachtet.

Mehr als 30 Jahre lang wurden Mädchen gezielt gefördert, um ihre Bildungserfolge zu verbessern, was durchaus sinnvoll und erfolgreich war. Aber in diesen mehr als 30 Jahren hat man Jungen in der Bildung zurück gelassen. Heute, zehn Jahre nach der ersten PISA-Studie, beschränkt sich die Politik vorrangig darauf, die nunmehr umgekehrt vorhandenen Bildungsmisserfolge von Jungen zu relativieren und zu verharmlosen. Die logische Folge: In Baden-Württemberg z.B. erschöpft sich die aktuelle geschlechterspezifische Förderung in Pädagogischen Hochschulen wie eh und je in Mädchenförderprojekten. Gerade die Bildungssituation von Jungen zeigt damit in aller Deutlichkeit das Versagen von „Gender Mainstreaming“ – nach Ansicht des Bundesjugendkuratoriums die ver-meintliche Lösung.

Eine Bildungs- und Jugendpolitik auf Basis der Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums, die – wie seit 30 Jahren unverändert – sich auf eine sanktionierende, männlichkeitskritische Sozialisationsarbeit beschränkt und eine motivationale und bedürfnisorientierte Bildungsförderung von Jungen vernachlässigt, ist nicht geeignet, Jungen aus dem Bildungsabseits zu holen.

Die Analyse im Einzelnen

finden Sie hier auf der Seite „Wir haben ein Jungenproblem“

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~ von Panther Ray - Mai 14, 2010.

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