Kinder ausser Atem

10. Mai 2010, Neue Zürcher Zeitung

Wie die Temposteigerung in der

heutigen Gesellschaft die

Lebenswelten der

Heranwachsenden verändert

In der heutigen beschleunigten Gesellschaft haben nicht nur Erwachsene einen vollen Terminkalender. Auch der Alltag von Kindern und Jugendlichen ist komplex und reich befrachtet. Sie kommen jedoch erstaunlich gut damit zurecht.

Von Urs Hafner

Kinder wollen erwachsen werden. Doch das ist nicht unbedingt einfach. Als Säuglinge sind sie zunächst auf die Hilfe der Erwachsenen angewiesen. In der Pubertäts- und Adoleszenzphase dann haben die Jugendlichen keine andere Wahl, als die von ihnen Dankbarkeit erwartenden Eltern abzulehnen – anders können sie nicht selbständig werden, um später an die Stelle der Älteren zu treten. Und als Erwachsene schliesslich wollen sie wieder jung werden.

Etablierung der Kindheit

Die Generationenabfolge ist ein diffiziler Vorgang. Angestossen von bürgerlichen Philanthropen, bereiten die westlichen Gesellschaften die Kinder seit rund zweihundert Jahren auf das Erwachsenwerden vor, indem sie ihnen den pädagogischen Sonderraum der «Kindheit» zur Verfügung stellen. Bis ins 19. Jahrhundert lebte die grosse Mehrheit der Kinder wie Erwachsene. Kaum konnten sie gehen, wurden sie wie diese gekleidet, assen deren Speisen und mussten arbeitend zur Subsistenz der Familie beitragen. Mit der Etablierung der Kindheit ist das anders geworden. Heute vergnügen sich Kinder und Jugendliche in der Freizeit mit altersgerechtem Spielzeug, tragen farbenfrohe Kleider und lernen in der Schule viele nützliche Dinge für ein eigenständiges Leben. Die Uno-Kinderrechtskonvention von 1989 verbrieft den Anspruch der Kinder auf die Grundrechte.

Wie aber werden Kinder in einer stark beschleunigten Gesellschaft erwachsen? Denn in einer solchen leben wir heute. Auch wenn die Erwachsenen prinzipiell dazu neigen, ihre Vergangenheit zu einer besseren und tiefgründigeren Zeit hochzustilisieren, als es die von den undankbaren Nachkommen geprägte Gegenwart ist – der Beschleunigungsvorgang, der die Gesellschaften mit der industriellen Revolution erfasst hat und seither in immer höheren Kadenzen erschüttert, ist beispiellos. Philosophen und Kulturwissenschafter konstatieren die Schrumpfung der Gegenwart (Hermann Lübbe), die Verflüssigung der Moderne (Zygmunt Bauman), den flexiblen Menschen (Richard Sennett). Und wir versuchen allabendlich, uns präventiv zu entspannen, bevor wir die Termine des nächsten Tages ordnen und nicht zu spät schlafen gehen.

Druck und Tempo

Die Temposteigerung tangiert auch die Kinder. Der Sonderraum der Kindheit existiert oftmals nur mehr in den Köpfen der Erwachsenen; in der Realität kolonialisieren sie diesen mit ihren Ansprüchen. Beispielhaft für diesen Vorgang steht die Uno-Kinderrechtskonvention: Die Rechte, die gewiss keinem Kind vorzuenthalten sind, verdecken die damit verbundenen Pflichten. An ihnen mangelt es nicht. Kaum ist eine Frau schwanger, muss die Gesundheit des Embryos nachgewiesen werden; noch bevor das Kind geboren ist, soll es sich den positiven Einflüssen von schöner Musik und fremden Sprachen öffnen. In der Spielgruppe dann wartet die Frühförderung, in der Schule die Sonderförderung und Nachhilfestunden. Der Leistungsdruck nimmt durch die Standardisierung der Volksschule noch zu, auch wenn die Transparenz des Schulsystems im Interesse der schwächeren Schüler angestrebt wird. Der Druck, sagen die Eltern, sei notwendig, damit die Kinder in der globalisierten Welt den Anschluss nicht verlören; denn wer sich nicht frühzeitig für das Arbeitsleben qualifiziere, disqualifiziere sich selbst.

In der immer schneller sich wandelnden Gesellschaft sind auch die Kinder und Jugendlichen ausser Atem. Auch sie sind gezwungen, eine Agenda zu führen, wenn sie ihren Alltag im Griff haben wollen – eine noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbare Entwicklung. Neben der Schule und den Nachhilfestunden sollen sie sich Hobbys widmen, die für eine ganzheitliche Persönlichkeitsbildung unabdingbar sind: Musik, Sport, Tanz. Schliesslich sind auch die in den Internetforen sich multiplizierenden Sozialkontakte zu pflegen. Kinder und Jugendliche eilen von Termin zu Termin und wechseln dabei permanent Zeit und Raum. Dazwischen reicht es für eine kleine Mahlzeit, ein paar Kurzgespräche per Mobiltelefon, den Lieblingssong auf dem Kopfhörer.

Welche Folgen die beschleunigte Lebensweise für Kinder und Jugendliche hat, ist wenig erforscht. Die steigende Anzahl von Schulabbrüchen und Schulverweigerern sowie das gehäufte Auftreten des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms deuten darauf hin, dass vor allem Jugendliche aus bildungsfernen Milieus mit dem hohen Tempo – immer mehr Schulstoff in immer weniger Zeit – nicht zurechtkommen. Viele Kinder und Jugendliche empfänden eine Abneigung dagegen, «in der jeweiligen Gegenwart zu absolvieren, was schon in der Vergangenheit als Zukunft vorgezeichnet worden ist», sagt die Berliner Soziologin Helga Zeiher. Sie fühlten sich im straffen Zeitprogramm unter Druck.

Zahlreiche Kinder aber hätten sich an die Komplexität ihres Alltags gewöhnt und bewältigten den «Wechsel zwischen den Zeiten und den realen und virtuellen Welten» erstaunlich gut, sagt Helga Zeiher. So nutzten sie Transportzeiten nicht selten für eine intensive Kommunikation mit den Eltern. Probleme bereite es den Kindern jedoch, wenn die einmal etablierten Handlungsabläufe «von aussen unterbrochen oder abgebrochen werden». Dagegen wehrten sie sich.

Entwertung des Alters

Die Erwachsenen besetzen den Sonderraum der Kindheit auch indirekt, indem sie ihr eigenes Bestes wollen. Die Beschleunigung der Gesellschaft entwertet das Alter und die mit ihm verbundenen Attribute – Bewahrenwollen, Bedächtigkeit, Langsamkeit. Viele Erwachsene betreiben denn auch einen anstrengenden Jugendlichkeitskult. Mit plastischer Chirurgie bekämpfen sie die Spuren, welche die Zeit an ihrem Körper zurücklässt, mit bunten Kleidern und Turnschuhen demonstrieren sie ihre Agilität, mit dem Hören der gerade angesagten Musik ihre Zeitgemässheit. Sie holen sich die Zeit, wo immer sie welche auftreiben können – auch bei ihren Kindern. Die Erwachsenen annektierten die Zeit der Nachkommen, sagt die Sozialwissenschafterin Vera King (siehe Interview).

Indem Erwachsene wie Jugendliche sein wollen, verwischen sie die Grenzen zwischen den Generationen. Wenn die Heranwachsenden sich aber nicht mehr von den Eltern abgrenzen können, verlieren sie ihre Welt, deren sie bedürfen, um erwachsen zu werden.

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Interview:

«Zeit ist die Grundlage der

sorgenden Beziehungen

zwischen den Generationen»

Die Sozialwissenschafterin Vera King über den unstillbaren Zeithunger der Erwachsenen

Die Hamburger Sozialwissenschafterin Vera King sieht im Jugendlichkeitskult eine Abwehr der Vergänglichkeit. Für eine authentische Generationenbeziehung müssten die Erwachsenen mehr Zeit aufwenden.

Interview: Urs Hafner

.

Heute trimmen sich auffallend viele Erwachsene auf Jugendlich. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Oft wehren die Erwachsenen, die sich forciert am jugendlichen Lebensstil ausrichten, die Begrenztheit der eigenen Lebenszeit ab. Wer an der Illusion des Jungseins festhält, versucht den Schmerz über das näherrückende Ende fernzuhalten. Das ist eine kompensatorische Strategie: In der beschleunigten und säkularisierten Gesellschaft verändert sich das Verhältnis zur Sterblichkeit, die religiösen Vorstellungen über ein Leben nach dem Tod verlieren an Bedeutung.

Die forcierte Jugendlichkeit der Erwachsenen ist also nicht durch ein Interesse an den Jugendlichen motiviert?
Im Gegenteil: Sie ist Ausdruck dafür, dass die Erwachsenen mit den Heranwachsenden unterschwellig um Raum und Zeit rivalisieren. Sie versuchen, immer mehr Erleben in der eigenen Lebenszeit unterzubringen – mit der Folge, dass sie sich ständig auf Neues einstellen müssen. In der flexiblen Jugendlichkeit, die heute zu einem sozialen Zwang wird, kommt eine so illusionäre wie egozentrische Haltung zum Ausdruck. Kaum scheint das Kind gross genug, sagen die Eltern: Jetzt bin ich dran, jetzt realisiere ich endlich meine Projekte. Dabei ist der Jugendliche noch gar nicht so weit. Das Nest ist schon leer, bevor er es verlassen will. Aber auch wenn die Erwachsenen permanent mit Arbeit, Weiterbildung, Haushalt oder ihren Wünschen beschäftigt sind, fehlt den Kindern die Zeit, die für das Eltern-Kind-Verhältnis so wichtig wäre.

Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit in der Schule, wo sie im Zentrum stehen.
Auch im Bildungssystem gibt es eine Tendenz zur Beschleunigung. Der Druck auf die Heranwachsenden steigt, ihre Zeit effektiv und kontrolliert zu gestalten. Dass sie in ihrem Bildungsprozess und beim Verarbeiten von Erfahrungen einer eigenen Zeitlogik folgen, wird zunehmend als dysfunktional bewertet. Die Erwachsenen sagen gleichsam: Über deine Zeit bestimmen wir.

Wie sieht denn ein zeitökonomisch ausgeglichenes Generationenverhältnis aus?
Das Gewähren von Zeit ist auch eine Gabe, eine Hingabe. Zeit ist die Grundlage der Liebe, der Freundschaft und der sorgenden Beziehungen zwischen den Generationen. Die Gabe Zeit würde auch die Erwachsenen bereichern. Sie würde es ihnen ermöglichen, sich mit der Zukunft der Nachkommen zu identifizieren, die über ihre Lebenszeit hinausreicht. Und die Jugendlichen erhielten Zeit, um die Bindung zu den Eltern aufzubauen, die für eine erfolgreiche Abgrenzung nötig ist. Sie bedürfen länger einer unaufdringlichen Begleitung durch die Eltern, als man meint.

Ist Ihre Analyse ein verstecktes Plädoyer für die Vorzüge eines konservativen Familienmodells?
Nein, das Zurück zu dem Modell, wonach vorwiegend die Mutter Zeit für die Erziehung aufbringt, erachte ich weder als sinnvoll noch als realistisch. Unter den veränderten Geschlechterverhältnissen sollten Männer und Frauen die Zeiten für Beruf, Elternschaft und Liebe partnerschaftlich neu gestalten. Noch immer haben die Möglichkeiten, über Zeit zu verfügen, mit ungleichen Chancen und mit Machtpositionen zu tun. Je nach sozialem Milieu herrschen unterschiedliche Zeitzwänge.

Schwindet die Wahrscheinlichkeit, dass Junge gegen die Älteren rebellieren, wenn diese den gleichen Lebensstil anstreben?
Dass die Jugend das Neue in die Welt bringen soll, ist eine Vorstellung, die unter den Bedingungen der beschleunigten Moderne nur bedingt gültig ist. Heute verändert sich innerhalb weniger Jahre so viel, dass man viele Aspekte des Wandels nicht einfach einer Generation zuschreiben kann. Bei einigen Jugendlichen lässt sich eine konservative Reaktion im Sinne des Erhaltens des Bestehenden beobachten. Begreiflicherweise wollen sie stehen bleiben, wenn die Erwachsenen immer schon einen Schritt voraus sind.

Wie wirkt sich der Zeithunger der Erwachsenen aus?
Der Anstieg von Depressionen ist ein Indiz dafür, dass viele Menschen, zunehmend auch jüngere, durch die Mobilitäts- und Flexibilitätszwänge überfordert sind. Depressivität kann auch aus Ablösungsproblemen resultieren – wenn das Generationen-Gegenüber fehlt, von dem sich Jugendliche abgrenzen könnten.

~ von Panther Ray - Mai 10, 2010.

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