Von guten Genen und besseren Lehrern.

aus: FAZ.NET, 26. April 2010

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Guter Lehrer ist Gold wert

Wie schnell und gut Kinder lesen lernen, ist durchaus eine Sache der Veranlagung. Aber noch wichtiger als gute Gene könnte guter Unterricht sein. Das zeigt eine Zwillingsstudie aus Florida.

Von Joachim Müller-Jung

Man kann noch so gute Gene haben, wenn das Umfeld nicht stimmt, hat man gar nichts davon. Diese Alltagserfahrung der Populationsgenetiker, die sich inzwischen auf vielerlei Studien stützen kann, trifft offensichtlich ganz besonders gut auch auf die Leseleistung von Kleinkindern zu. Nachzulesen ist das in der neuen Ausgabe des amerikanischen Wissenschaftsmagazins „Science“. In einer amerikanischen Studie mit mehr als achthundert Zwillingspaaren aus Florida hat sich gezeigt: Nur ein Lehrer mit viel pädagogischem Geschick vermag das genetisch angelegte Potential, Texte richtig lesen zu lernen, optimal auszuschöpfen. Umgekehrt gilt: Ist der Lehrer oder die Lehrerin schlecht, kann die Veranlagung des Schülers noch so ideal sein, er wird zumindest vorerst kaum bessere Leseleistungen bringen als seine ungünstig veranlagten Klassenkameraden.

Die Ergebnisse sind insofern überraschend, als es in der Vergangenheit immer wieder Studien zur Erblichkeit – zur so genannten Heratibiltät – veröffentlicht wurden, die auf einen extrem starken Einfluss der Gene auf die Leselernfähigkeiten der Kleinen hindeuteten. Dafür sprachen nicht zuletzt auch die Nachweise von Genkombinationen, die gehäuft bei extrem leseschwachen und behandlungsbedürftigen Schülern, Kindern mit sogenannter Dyslexie, ermittelt worden waren.

Mehr als 800 Zwillingspaare

Die Psychologin Jeanette Taylor und ihre Kollegen von der Florida State University in Tallahassee waren allerdings überzeugt, dass viele Zwillingsstudien mit normalbegabten Kindern entscheidende Schwächen hatten. Zum Beispiel stammten die untersuchten Kinder zumeist aus relativ wohlhabenden Familien und besuchten entsprechend gute Schulen, in denen die Qualitätsunterschiede zwischen Klassen und Lehrern eher gering sind. Taylor haben nun bei ihrer Auswahl von 280 eineiigen Zwillingspaaren und 526 zweieiigen Zwillingspaaren darauf geachtet, dass die Erst- und Zweitklässler nicht nur aus unterschiedlichen sozialen Schichten kommen, sondern in fast jeder Hinsicht – vom Geschlecht bis zur ethnischen Abstammung – gleichmäßig gemischt sind.

Die Leseleistung wurde mit einem standardisierten Lesetest in der ersten und zweiten Klasse ermittelt.

„Gute“ Gene können untergehen

Die Leselust der Kleinen wecken, auch so geht es: mit Lesepatenschaften. Kinderzeichnungen eines Mädchens namens Semanir zu einem von ihr gelesenen Buch.

Eineiige Zwillinge besitzen hundertprozentig gleiche Gene, zweieiige Zwillinge unterscheiden sich statistsich im Schnitt in fünfzig Prozent der Genvarianten. Durch Vergleich der jeweiligen Zwillinge, die in verschiedenen Klassen mit unterschiedlichen Lehrern ausgebildet wurden, ließ sich der genetische Anteil am Lernprozess abschätzen. Interessanter war allerdings der Vergleich, der sich durch Ermittlung der Leseleistung aller Klassenkameraden der Zwillinge ergab. Wurden in einer Klassen gute Fortschritte erzielt, stieg der statistische Wert also insgesamt deutlich an, so konnte man bei Zwillingen, die offensichtlich günstige Gene mitbringen, eine Steigerung feststellen, die über dem Klassendurchschnitt lag. Waren zwei eineiige Zwillinge mit „guten“ Anlagen dagegen in qualitativ unterschiedlichen Klassen untergebracht, waren echte Fortschritt nur bei dem Zwillingskind festzustellen, das durch den Lehrer und einen entsprechend kreativen Leseunterricht gefördert wurde.

Mit diesen Befunden, so sind die amerikanischen Wissenschaftler überzeugt, lassen sich zwar keine Schlüsse für andere Lernaufgaben als das Lesen ziehen und auch nichts darüber, welchen Einfluss die Qualität des Unterrichts auf den Deutschunterricht in höheren Klassen haben könnte. Aber die Studie zeige, dass man die Rolle des Lehrers nicht unterschätzen und die Talente nicht unbedingt überhöhen dürfe. Man dürfe sich aber auch nichts vormachen, so resümieren die Forscher, „wenn man hochqualifizierte Lehrer in alle Klassen stecken würde, gäbe es immer noch gute und schlechtere Schüler, aber die Qualität der Bildung als untergeordnet zu betrachten, wäre eine verpasste Chance für die Erfolgschancen der Kinder.“

~ von Panther Ray - April 27, 2010.

2 Antworten to “Von guten Genen und besseren Lehrern.”

  1. Ein Lehrer ist nur so gut wie sein Unterrichtsmaterial, sei es gekauft oder selbst gemacht. Da die deutsche Sprache sich von der englischen Sprache schon in der Länge der Wörter unterscheidet, kann man leider keien Parallelen beim Lesen- und Schreibenlernen ziehen.

    Im englischen Sprachraum gibt es die verschiedenartigsten Reihen für Leseanfänger. In Deutschland geht man allgemein davon aus, dass noch ein jeder das Lesen gelernt hätte. Trotzdem habe ich für meine Kinder spezielle Geschichten für Leseanfägner geschrieben, die jetzt als „Mara und Timo“ veröffentlicht wurden.

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