Über die sogenannte Knabenliebe in der Antike und über ihre Verklärung.

aus: Neue Zürcher Zeitung, 10. 4. 2010

Pochendes Herz und knechtischer

Zustand

Von Micha Brumlik

In seiner Verteidigung des ehemaligen Leiters der deutschen Odenwaldschule, der sexuelle Übergriffe auf Schüler zugegeben hat, hat der Schriftsteller Adolf Muschg gefragt, ob Sokrates ein Päderast gewesen sei, und festgestellt: «Jedenfalls war Sokrates‘ Eros der ‚Missbrauch‘ nicht, für den er den Schierlingsbecher trinken musste.» Mit dieser Behauptung bewegt sich Muschg ganz auf der Linie jener, die unter Hinweis auf Platons «pädagogischen Eros» enge emotionale Beziehungen von Lehrkräften und Schülern befürworten und dabei Übergriffe verharmlosen.

Gleichwohl wirft Muschgs Einlassung eine Frage auf, die in der gegenwärtigen Debatte noch nicht ernsthaft geklärt wurde: Beweist das klassische Zeitalter, zumal Athens, nicht doch, dass die institutionalisierte Knabenliebe der Kultur nicht nur nicht geschadet, sondern sie sogar zu Höhenflügen motiviert hat? Immerhin verdanken wir den Griechen jenes klassischen Zeitalters nicht nur eine grossartige Tragödienliteratur, sondern auch die Entfaltung der Philosophie und die Erfindung der Demokratie. Beweist diese Kultur nicht geradezu, dass die Päderastie auf die Knaben und späteren Männer keineswegs traumatisierend, sondern bildend und fördernd wirkte? Zweifel sind angebracht.

Keine Selbstverständlichkeit

Bei der «Kultur» der hellenischen Päderastie handelte es sich zu ihrer Zeit keineswegs um eine Selbstverständlichkeit, die erst später, unter dem Einfluss des lustfeindlichen Christentums, dämonisiert wurde; tatsächlich waren sich die Griechen der Ausserordentlichkeit ihrer Verhaltensweise durchaus bewusst – anders wäre nicht zu erklären, warum sie sich in ihren Schriften immer wieder intensiv mit ihr auseinandersetzten. Die Päderastie war alles andere als «normal», vielmehr eine bewusst eingeführte Praxis, die im heroischen, dem archaischen Zeitalter der Griechen noch unbekannt gewesen zu sein scheint. In «Ilias» und «Odyssee» etwa spielte sie, allen Spekulationen über das Verhältnis von Achilles und Patroklos zum Trotz, keine Rolle.

Gemäß der historischen Forschung wurde die Päderastie unter den griechischen Poleis im siebten und sechsten Jahrhundert verbreitet; erfunden wurde sie, nach einem zuverlässigen und nüchternen Zeugen, nämlich Aristoteles, als bevölkerungspolitische Massnahme auf Kreta. In seiner «Politik» schreibt er: «Der kretische Gesetzgeber hielt Enthaltsamkeit für wohltätig und widmete sehr viel Einfallsreichtum darauf, sie zu sichern, ebenso wie darauf, die Geburtenrate durch die Trennung von Männern und Frauen niedrig zu halten und sexuelle Beziehungen zwischen Männern zu institutionalisieren.»

Diese Institutionalisierung konnte in den zahllosen Stadtstaaten unterschiedlichste Formen annehmen – in manchen Gesellschaften wurden Knaben wie Bräute regelrecht entführt und in Absprache mit ihrer Familie förmlich verheiratet. Häufig lebten Liebhaber («Erastai») und Lieblinge («Eromenoi») abgeschieden zu zweit zusammen; in Theben und Elis gar sollen derartige Liebespaare den Kern der neuartigen, schwerbewaffneten Hoplitenheere gestellt haben. In Sparta waren schliesslich nicht die Väter, sondern die älteren Liebhaber für Verhalten und Moral der Jünglinge zuständig; es war aber auch Sparta, wo Cliquen segregierter Jungmänner brutale, mörderische Überfälle auf die helotische Sklavenbevölkerung verübten.

Für die in der älteren deutschen Reformpädagogik bemühte Ideologie des pädagogischen Eros aber wurde das Athen der klassischen Zeit, zumal Platons «Gastmahl», prägend. Die damals herrschenden Praktiken sind durch einen breiten Fundus an Lyrik, Vasenbildern und Graffiti gesichert. Im antiken Athen gehörte es sich, dass pubertierende Knaben – frühestens im Alter von zwölf – einen älteren Bewunderer oder Liebhaber hatten, dessen sexuelle Aktivitäten sie über sich ergehen zu lassen hatten – um sich später, als Jünglinge im Alter von frühestens siebzehn Jahren, ihrerseits einen Liebling zu erküren. Im Alter von etwa dreissig heirateten diese meist der attischen Oberschicht angehörigen Männer, um Kinder zu zeugen, ohne dass Frauen – mit Ausnahme von Prostituierten – jenseits des Hauses eine wesentliche Rolle spielten. Häufig warben Männer konkurrierend um denselben Knaben; waren diese doch in dieser Gesellschaft ein Statussymbol. In einem zeitgenössischen Gedicht heisst es: «Glücklich der Mann, der liebreizende Knaben und stampfende Rosse / Jagdhunde auch und dazu Freunde im Ausland besitzt.» Die konkurrierende Nachfrage nach den «Lieblingen» führte – das zeigen vor allem Vasenbilder – zu einer erheblichen Bereitschaft, die begehrten Knaben mit Geschenken zu umwerben, was zu einer breiten Zone prostitutiven Verhaltens führte. Die Quellen lassen übrigens keinen Zweifel daran, dass es bei alledem in erster Linie um Sexualität ging. War die Forschung zunächst der Auffassung, dass sich die Älteren dabei vor allem des sogenannten Schenkelverkehrs befleissigten, ergab ein zweiter Blick sowohl auf Vasenbilder als auch vor allem auf die Graffiti von Thera, dass die vorzüglich geübte Praxis die der analen Penetration war – die auch an Frauen vollzogen wurde. Sie wurde von penetrierten Knaben durchaus als schmerzhaft empfunden.

Zudem finden sich in Platons Dialog «Phaidros» Hinweise darauf, dass die Annäherungen Älterer von Knaben als widerwärtig empfunden wurden: «Aber das Gezwungene, sagt man, ist gewiss allen lästig, in allen Dingen, und dieses (. . .) findet sich ganz besonders in dem Umgange des Liebhabers mit dem Liebling. Denn den so viel Jüngeren will der Ältere weder Tag noch Nacht gern verlassen, so wird er vom inneren Ungestüm und Stachel getrieben, welches ihm zwar immer Vergnügen gewährt, indem er den Geliebten sieht, hört und mit allen Sinnen geniesst, so dass er ihm mit Lust unaufhörlich anklebend dienet: welchen Trost aber oder welche Lust gewährt es dem Geliebten, um zu verhindern, dass er nicht, wenn er jenen so lange Zeit um sich hat, den äussersten Widerwillen fasse, indem er eine alternde nicht mehr blühende Gestalt vor Augen hat . . .»

Eine bestimmte Rolle in dieser Form des Geschlechtsverkehrs galt als ebenso schimpflich wie lächerlich: die des passiven Partners, der für diese Gunstbezeugung gar noch entlohnt wurde. Das bestätigt Platon im «Gastmahl», und das wird darüber hinaus in der berühmten «Anti-Timarchos»-Rede des Politikers Aischines (390–314 v. Chr.) deutlich, der einen politischen Gegner schmäht, in seiner Jugend Prostituierter gewesen zu sein.

In diesem Kontext zitiert Aischines den Gesetzgeber Solon mit einer Art Gesetz zum Schutze der Jugend, das sogar nach attischen Massstäben alles, was in der Odenwaldschule geschehen ist, verboten hätte – es geht um die Aufenthaltsberechtigung von Männern in Schulen: «Niemand, der älter als die Knaben ist, soll in den Klassenraum gelassen werden, es sei denn, dass er der Sohn eines Lehrers, ein Bruder oder der Gatte einer Schwester ist. Wenn jemand das Klassenzimmer in Verletzung dieses Verbots betritt, wird er mit dem Tode bestraft. Die Aufsichthabenden der Sportplätze (der Gymnasien) dürfen unter keinen Umständen irgendjemanden, der bereits das Mannesalter erreicht hat, (. . .) zulassen. Ein Aufseher des Sportplatzes, der das erlaubt und also dabei versagt, eine solche Person vom Gymnasium fernzuhalten, wird jener Strafen für schuldig befunden, die der Verführung eines frei geborenen Knaben gelten.» Dafür, dass dieses Gesetz tatsächlich exekutiert wurde, liegen jedoch keinerlei Hinweise vor.

Die Rede des Alkibiades

Nun hat die reformpädagogische Ideologie stets behauptet, dass der pädagogische Eros bei aller Leidenschaft nie auf Sexualität gezielt habe, und sich dabei vor allem auf Platons «Gastmahl» bezogen. Dabei wird gerne übersehen, dass die Haltung Platons in diesem Dialog keineswegs eindeutig ist, sondern der Philosoph in sieben Reden verschiedener Personen sieben verschiedene Ansichten zum Wesen des Eros vorführt. Die Befürworter des pädagogischen Eros beziehen sich dabei stets auf nur eine Rede, die des Pausanias, der einerseits das körperliche Begehren akzeptiert, aber andererseits darauf beharrt, dass die Liebe zur Seele des Geliebten wichtiger und dauerhafter sein muss als das leibliche Begehren. Doch ist auch diese «Theorie» nur im Kontext der anderen sechs im «Gastmahl» vorgebrachten Auffassungen zu bewerten; und Platon wäre nicht Platon, wenn er seinen Dialog nicht mit einem überraschenden Schluss beendet hätte.

Am Ende wird das Gastmahl durch die Ankunft einer berauschten Gruppe von Zechern gestört, deren Anführer, der attische Feldherr Alkibiades, krakeelend behauptet, ein Liebling des Sokrates gewesen zu sein. In seiner Stellungnahme zu einem Artikel in der «Süddeutschen Zeitung» hat der Erziehungswissenschafter Hartmut von Hentig beklagt, dass als Tatsachenbehauptung in die Öffentlichkeit gezerrt worden sei, was er rein hypothetisch vermutet habe: dass Gerold Becker, der eingangs erwähnte ehemalige Direktor der Odenwaldschule (und Lebensgefährte Hentigs), womöglich von einem Schüler verführt worden sei. Ein Blick ins «Gastmahl» zeigt, dass Hentigs Vermutung einem literarischen Vorbild folgt: Nichts anderes nämlich tut Alkibiades, als zu berichten, wie er erfolglos versucht habe, Sokrates sexuell zu verführen, wie er an dessen Gleichmut das Wesen der Standhaftigkeit erfahren habe. Indes: Weder ist Gerold Becker ein Sokrates noch der erwähnte Schüler ein Alkibiades.

Alkibiades, er wurde Mitte des fünften Jahrhunderts geboren und starb einige Jahre vor dem Prozess gegen Sokrates, war ein seit frühester Jugend erotisch aktiver, höchst begabter Politiker, der innenpolitisch zwischen Demokraten und Aristokraten schwankte und später als Stratege Athen in ein katastrophal gescheitertes militärisches Abenteuer führte. Wahrscheinlich zu Unrecht eines religiösen Frevels beschuldigt, floh er nach Sparta und schlug sich auf die Seite dieser Rivalen seiner Heimat Athen, wofür er dort in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde. Nach erotischen Eskapaden in Sparta wechselte er erst auf die Seite der Perser, um sich am Ende wieder den attischen Demokraten anzuschliessen. Nach einem Sieg gegen Sparta kehrte er umjubelt nach Athen zurück, wo er 407 v. Chr. seines Postens als Oberkommandierender der Streitkräfte eines strategischen Fehlers wegen aber wieder enthoben wurde. Auch von den Spartanern verfolgt, begab er sich in die Obhut eines persischen Satrapen in Thrazien, wo er einem von Athen und Sparta gemeinsam geplanten Auftragsmord zum Opfer fiel.

Mit heutigen, zugegebenermassen nicht unproblematischen Kategorien würde man Alkibiades als bindungsunfähige Person bezeichnen. In seinem im Vollrausch vorgebrachten Lobpreis des Sokrates beklagt er, dass es ihm Jahre zuvor nicht gelungen sei, den charismatischen und doch so standhaften Sokrates zu verführen. Indes: «Ich wenigstens (. . .) wollte es mit Schwüren bekräftigen, was mir selbst dieses Mannes Reden angetan haben und jetzt noch antun. Denn weit heftiger als den vom Korybantentum Ergriffenen pocht mir, wenn ich ihn höre, das Herz, und Tränen werden mir ausgepresst von seinen Reden.» In einem Vergleich bekennt Alkibiades schliesslich, dass seine Seele beim Hören der Reden anderer bedeutender Männer weder in Unruhe geriet noch «in Unwillen, dass ich mich in einem knechtischen Zustand befinde».

Posttraumatisches Belastungssyndrom

War die Seele griechischer Jugendlicher wirklich so unterschieden von der heutiger Jugendlicher? Warum teilt Alkibiades mit, dass des Sokrates Reden ihn gegen seinen Willen in einen «knechtischen Zustand», also in einen Zustand, der doch allemal als schimpflich galt, versetzte? Alkibiades bezeugt zwar des Sokrates Standhaftigkeit gegen seinen Verführungsversuch, vergleicht ihn aber zugleich mit Silenen und dem Satyr Marsyas, mythologischen Wesen, die als Inbegriff unzüchtiger, ungezügelter Lustausübung galten. Spricht aus diesem Widerspruch und dem Geständnis eines klopfenden Herzens – aus dem Tränenausbruch des Alkibiades noch Jahre nach seiner Beziehung zu Sokrates – nicht genau das, was man heute als «posttraumatisches Belastungssyndrom» bezeichnet?

Micha Brumlik, Professor für Erziehungswissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Publizist, ist Autor zahlreicher Bücher; zuletzt erschien 2009 «Judentum. Eine kurze Geschichte».

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Kommentar.

Instruktiv ist M. Brumliks Beitrag ja. Aber der Ertrag ist ist überraschend schmal: Weil Alkibiades den Sokrates nicht verführen konnte, entwickelte er ein ‚posttraumatisches Belastungssyndrom‘. Aha. „War die Seele griechischer Jugendlicher wirklich so unterschieden von der heutiger Jugendlicher?“

Die Redaktion der NZZ fand das auch ein bisschen zu wenig. Sie stellte Brumliks Artikel eine Einleitung voran: „Wer aber könnte behaupten, die damals geübten Praktiken hätten die Heranwachsenden nicht traumatisiert?“ Das klingt schon deutlicher, wenn auch in Frageform. Es wird offenbar aus der postindustriellen Gegenwart auf die griechische Antike rück-geschlossen. Angenommen, das sei in Ordnung: Wie ist es denn mit der Traumatisierung in postindustriellen Zeiten? Sofern sie geschieht, geschieht sie in der Regel nachträglich, im Erwachsenenalter, und mehr das eigene Verhalten betreffend als das Erlebte selbst. Also als Ergebnis gelungener Akkulturation und nicht als „uibiquitäre“ Naturkonstante der Menschenseele. So ist das heute.

Und wenn man daraus nun auf die Antike zurückschließt: ‚Wer aber könnte behaupten…‘?

Es ist für die Redaktion eines deutschsprachigen Weltblatts ebenso schädlich wie für den Professor der Erziehungswissenschaften, wenn sie mein Blog nicht verfolgen:

„Mythos Trauma“

J. E.

~ von Panther Ray - April 11, 2010.

3 Antworten to “Über die sogenannte Knabenliebe in der Antike und über ihre Verklärung.”

  1. […] War Sokrates ein Päderast? Eine solche Frage ist wie ein roher Griff, der jeden delikaten Stoff unkenntlich macht. Jedenfalls war Sokrates’ Eros der „Missbrauch“ nicht, für den er den Schierlingsbecher trinken musste. In den Augen der Politik verführte er junge Menschen zu gottlosen Fragen – und eröffnete damit einen zweitausendjährigen Diskurs der Aufklärung, der mit allem, was am Eros peinlicher Erdenrest bleibt, nicht aufgeräumt hat, und es, wenn er klug war, auch gar nicht versuchte. Das hat seine Gründe, die nicht im Missbrauch eines Einzelnen liegen, sondern im zwangsläufig Normwidrigen, das mit Sexualität verbunden ist. Erotik ist immer Grenzüberschreitung – es ist nur die Frage, ob sie uns willkommen ist oder nicht. […]

  2. In der Geschichte gibt es unzählige Beispiele dafür, dass sich Kulturen weiterentwickelten und einsahen, dass traditionelles gebrochen werden musste.
    Verhaltensmuster aus der Antike als Entschuldigungen der Gegenwart zu verwenden, ist töricht.
    Spätestens bei sowas:
    > in manchen Gesellschaften wurden Knaben wie Bräute regelrecht
    > entführt und in Absprache mit ihrer Familie förmlich
    > verheiratet.
    muss sich der Menschenverstand einschalten.

    • Welcher Menschenverstand jeweils als der gesunde gilt, ist vielleicht nicht unabhängig davon, in welcher Kultur das stattfindet. Vielmehr kann man die Kulturen jeweils gerade daran unterscheiden. Die meinten damals sicher, ihr Menschenverstand sei der gesunde.

      Richtig ist allerdings, dass – entgegen einem verbreiteten aufgeklärten Vorurteil – nicht alle Kulturen gleich viel wert sind; Phönizier und Inkas haben Kinder geopfert. Was jeweils als gut und richtig gelten soll, kann sich weder an diesem oder jenem historische Vorbild entscheiden, noch an einem vorgeblich überzeitlichen gesunden Menschenverstand.

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