«Bildkompetenzen» – Schlüsselqualifikationen unserer Zeit

aus: Neue Zürcher Zeitung, 31. 3. 2010

Was das Schulfach Bild und Kunst auch zu leisten vermag

Von Edith Glaser-Henzer

Bereits in früher Kindheit werden im spielerischen Umgang mit Dingen, bei dem alle Sinne mitbeteiligt sind, äussere Handlungen so verinnerlicht, dass sie im Gedächtnis auch als Vorstellung haftenbleiben. Damit wird eine Grundlage für produktive Phantasie und bildhaftes, anschauliches Denken gelegt, die es erlaubt, Handlungen und Situationen in innerer Schau zu planen und vorauszusehen. Anknüpfend an solche frühkindlichen Formen, bilden sich Heranwachsende im lustvollen Zusammenspiel von Wahrnehmen, bildnerischem Gestalten und Denken Vorstellungen von Phänomenen – und entwickeln so eine Beziehung zu ihrer erlebten Umwelt.

Mentale Bilder als Material

In der Schule wird die Ausbildung dieses produktiven Vorstellungsvermögens unterstützt, indem die Lernenden dazu angeregt werden, mentale Bilder zu präzisieren, zu erweitern und in neuer Weise miteinander zu kombinieren. Beim kreativen Gestalten kann dann aus einer reichhaltigen Vorratskammer an Vorstellungen geschöpft werden. Auch beim Lesen wird auf diese zurückgegriffen, wenn es gilt, aufgrund von Gedanken, Bildern und Erinnerungen die Bedeutung zu erfassen. Sich ein Bild von der Welt zu machen oder etwas in der Vorstellung vorwegzunehmen, sind menschliche Grundfähigkeiten. Ihre Entwicklung ist Voraussetzung für spätere kreative, kulturelle, wissenschaftliche und technische Leistungen.

Der amerikanische Kognitionspsychologe Howard Gardner stellt in seinem Konzept der multiplen Intelligenzen räumliche Intelligenz als eine von mindestens sieben Formen vor. Wahrnehmung, Vorstellungsvermögen und Erzeugen von Bildern sieht er als Fähigkeiten der räumlichen Intelligenz. Zur Förderung dieser Fähigkeiten wurden für Schulen Lernumgebungen entwickelt (www.kunstunterricht-projekt.ch). Sie liefern aufeinander abgestimmte Aufgaben, die komplex und anregend sind, so dass Schwache wie auch sehr Begabte in heterogenen Schulklassen wirksam gefördert werden können.

Die Macht der Bilder

Bilder haben in unserer Zivilisation eine zentrale kommunikative Funktion. Analog zur englischen Wortsprache ist die Bildsprache zu einer Lingua franca unserer Zeit geworden, die weltweite Kommunikation ermöglicht. Bilder verschiedenster Arten sind omnipräsent, in unserem Berufs- und Konsumalltag, in den Medien, in den Schulen, in Wissenschaft und Kunst. Die Macht der Bilder ist nicht zu unterschätzen, denn bewusst und unbewusst wirken sie auf uns ein, verführen uns oder bewirken, dass wir Gewohntes neu sehen, etwas intuitiv erkennen, etwas verstehen. Unablässig sortieren und filtern wir Bilder; wir entscheiden uns, sie genauer zu betrachten oder sie abzuwehren. Bilder wurden und werden als Machtinstrument eingesetzt. Mit den heutigen Möglichkeiten, Bilder global zu kommunizieren, hat sich ihre Wirkungskraft enorm gesteigert. Wer über Bilder verfügt, kann verantwortungsvoll informieren oder desinformieren, Emotionen schüren und lenken.

Unser Verständnis von der Welt wird geprägt durch verschiedene Arten von Bildern: durch mentale Bilder, die wir in Form von Vorstellungen, Erinnerungen und Projektionen in uns tragen und die unsere Sicht der Dinge mitbestimmen; durch Bilder in den Medien, die unterschiedliche Botschaften transportieren; durch Bilder, die Wissen, das in unserer Gesellschaft vorhanden ist, repräsentieren, sowie durch Bilder aus der Kunst, die uns dazu anregen, einen anderen Blick auf die Welt zu werfen und dabei neue Einsichten zu gewinnen.

Eine der wichtigsten Lernaufgaben ist darum das Lesen und Schreiben der Symbolsysteme einer Kultur, d. h. der Wortsprache, der Bilder, der Musik, der Mathematik. Kinder und Jugendliche, die in unserem Kulturkreis aufwachsen, sind früh vertraut im Umgang mit Bildern. Dennoch verfügen sie oft nur über ein ungenügendes Instrumentarium, mit dem sie die Überfülle an visuellen Reizen verarbeiten können. Sie werden konfrontiert mit Zeichen und Symbolen, mit Bildern, auch bewegten, mit manipulierenden und spielbaren Bildwelten. Das Beobachten und das verstehende Sehen können entwickelt, das bildhafte Denken, das Lesen und Herstellen von Bildern erlernt und geübt werden. Im Wechsel von eigener Praxis und Reflexion wird Bildkompetenz («visual literacy») entwickelt.

Multimediale Welten

Bilder werden auf allen Schulstufen auch zum Lehren und Lernen genutzt. Ein kompetenter Umgang mit bildhafter Information ist grundlegend in vielen Berufsfeldern. Dass Bilder dazu geeignet sind, Wissen zu transportieren und zu generieren, wird heute kaum mehr bezweifelt. In den letzten zwanzig Jahren hat das Bild in verschiedenen Wissenschaftsgebieten, in der Verbindung von Kunst und Wissenschaft und im Alltagsleben enorm an Bedeutung gewonnen. Neue Technologien und Kommunikationsarten haben unsere Erfahrung und unser Bewusstsein verändert. Bilder sind nicht mehr – wie im Mittelalter – gedacht für Ungebildete, des Lesens Unkundige, sondern sind Instrumente im Erkenntnisprozess und vermögen eine Funktion zu übernehmen, die andere Methoden und Medien nicht ersetzen können.

Die multimedialen Bildwelten der Kunst sind Zeitdokumente, die sichtbar machen, was denkende und empfindende Menschen in unterschiedlichen Ausdrucksmodalitäten erschaffen. Die Mehrdeutigkeit eines Kunstwerkes fordert uns heraus, genau hinzuschauen, Deutungen zu erwägen und Interpretationen am Werk festzumachen. Die Lehrperson versucht eine Atmosphäre zu schaffen, in der Kinder und Jugendliche, ohne vorschnell nach gewohnten Erklärungen zu suchen, sich aufmerksam auf ein Kunstwerk einlassen und Beobachtungen mit eigenen Erfahrungen und Empfindungen verbinden. Neuartige, auch ungewohnte, fremde Sehweisen eröffnen neue Perspektiven.

Kunstwerke und künstlerische Verfahren aus allen Kulturen und Zeiten bieten besondere Möglichkeiten, sich handelnd und reflexiv mit Phänomenen, mit Menschen und mit sich selbst auseinanderzusetzen. In langer Tradition sind in der Kunst unterschiedliche bildhafte Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen worden. Kunst bleibt aber nie beim gesicherten Wissen und Können, bei der Konvention stehen, sondern drängt nach Innovation. In diesen Eigenheiten der Kunst, die auch für das entsprechende Schulfach ihre Gültigkeit haben, sind Unschärfen und Unsicherheiten eingeschlossen. Es gibt deshalb keine einfachen Rezepte, wie im Fach Bild und Kunst gelernt und gelehrt werden soll. Vielmehr müssen Lehrpersonen die Prinzipien des Faches nachvollziehen und verstehen können. Fachliche und pädagogische Kompetenz ist selbstverständliche Voraussetzung, um – ohne in beliebigen Aktionismus zu verfallen – ein reichhaltiges Übungsfeld für flexibles und produktiv-kreatives Denken und Handeln anzubieten.

Ästhetische Erfahrung

Motivation, eigenes Handeln und Reflexion sind für das Lernen im Unterricht Bild und Kunst grundlegend. Deshalb arrangiert die Lehrperson Situationen, in denen ästhetische Erfahrungs- und Lernprozesse ausgelöst und begleitet werden können. Der Begriff Ästhetik wird dabei nicht eingeschränkt auf das sogenannt Schöne. Ästhetische Erfahrung wird verstanden als eine besonders intensive und verdichtete Erfahrung, die sowohl im Wahrnehmen von Phänomenen als auch im eigenen Gestalten, im Malen, Zeichnen, Drucken, Fotografieren, Filmen, im Performativen und so weiter gemacht werden kann. An diesem Prozess ist nicht nur der Intellekt, auch nicht nur die Sinne beteiligt, sondern der Mensch mit allen seinen Fähigkeiten. Ästhetische Erfahrung pendelt zwischen subjektiven Interpretationen und Bewertungen einerseits und sachbezogenen, auf Erkenntnis ausgerichteten Feststellungen andererseits. In einer Zeichnung zum Beispiel können Erlebnisse und Wahrnehmungen individuell verarbeitet und persönliche Gefühle und Sichtweisen dargestellt werden. Auch das Phantastische oder das Mögliche findet in Bildern seine Form.

In einer sachorientierten Auseinandersetzung mit einem Phänomen können mit einer Zeichnung Merkmale und Zusammenhänge geklärt und diese auch für andere sichtbar und verständlich gemacht werden. Diese unterschiedlichen Aspekte ästhetischer Erfahrung ermöglichen den Lernenden auf jeder Schulstufe, sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen, individuelle Erfahrungen zu machen und sich Wissen über die Welt anzueignen. Zu den Merkmalen ästhetischer Bildung gehört zudem die Fähigkeit, über Wahrnehmungs- und bildnerische Prozesse zu reflektieren, sich ein Urteil zu bilden und dieses auch begründen zu können. Unterricht in Bild und Kunst soll ein Feld sein, in dem Kinder und Jugendliche mit spezifischen Denk- und Handlungsmöglichkeiten vertraut werden, um sich in einer immer komplexer werdenden Welt orientieren und aktiv einbringen zu können.

Edith Glaser-Henzer ist Zeichenlehrerin mit Erfahrung auf allen Stufen und Dozentin für Fachdidaktik bildnerische Gestaltung und Kunst an der PH der Fachhochschule Nordwestschweiz; dort ist sie Initiantin und Co-Leiterin des Forschungsprojektes «Raviko».

~ von Panther Ray - April 1, 2010.

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