Der bildende Eigensinn der Kunst

aus: Neue Zürcher Zeitung, 31. März 2010

Warum der Schulalltag die Herausforderung durch Offenheit und Irritation braucht


Was kann der kulturelle und künstlerische Kontext für Bildung leisten? Der Autor ist überzeugt, das dieser Bereich gerade durch seine Offenheit, seine Vorliebe für ungelöste Fragen befreiend und beflügelnd sein kann.

Von Jürgen Oelkers

Bildung hat mit Auffassung und Wahrnehmung zu tun – und darauf bezogen mit Geschmack und Urteilskraft, die nur langwierig aufgebaut werden können, Umwege gehen müssen und sich nicht mit einem Instant-Produkt besorgen lassen. In diesem Sinne verlangt Bildung viele vergebliche Anstrengungen und stellt erst allmählich Qualitätsbewusstsein zur Verfügung. Der Grund dafür ist, dass der Zugang nicht sofort und nicht unmittelbar möglich ist, vielmehr voraussetzungsreich gelernt werden muss, während triviale Lernmedien unmittelbar Zuwachs verschaffen, weil besondere Hürden gar nicht gegeben sind.

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Spiel mit Gewohntem

Der Bezug der Bildung zur Kunst sind die Markierung von Unterschieden sowie die Herausforderung durch Irritation, die mit dem Gewohnten spielt und das Verstehen auf verblüffende Weise und sowohl leicht als auch anstrengend herausfordert. Kunst ist nur da bildsam, wo sie nicht unmittelbar verständlich ist, und das scheint heute eine Provokation und gerade nicht ein Bildungsprinzip zu sein. Auf der anderen Seite: Kann man Bildung und Kunst nichtpopulär verbinden, ohne sich gleich den Vorwurf des Elitären einzuhandeln?

Der Prozess der Bildung setzt Perplexität voraus, Fragestellungen, denen man nicht ausweichen, aber die man auch nicht unmittelbar beantworten kann und die auf weiterführende Bereiche des Verstehens und Wahrnehmens verweisen, in die einzudringen, Anstrengung verlangt, ohne dass die Belohnung gewiss wäre. Es scheint zunehmend schwieriger zu werden, den Sinn von Bildung zu vermitteln, wenn einzig kurzzeitiger Nutzen gefragt ist. Aber nicht Verwendbarkeit ist das Problem, sondern die Abflachung der Anforderungen zugunsten schneller Qualifizierung, die auf Qualität nicht achtet.

Ich äussere das nicht elegisch, weil eine tiefsitzende Kultivierung wie die Beherrschung von Sprachen die weit bessere Qualifizierung ist als jeder Kurs, der «Schlüsselqualifikationen» befördern soll. Nicht «Teamfähigkeit», sondern gebildetes Französisch nützt auf dem internationalen Arbeitsmarkt der Zukunft, und nicht «Business-Englisch», angeeignet kompensatorisch zur Schule, ist hilfreich, sondern die Erfahrung der kulturellen Differenzen und so der englischen Bildung.

Nützlich ist, wenn der Nutzen nicht ständig beschworen, sondern mit Bildung provoziert wird, und dies ohne die Hektik von unausgesetzten Nachbesserungen, die nie zu einem souveränen Umgang führen. Kunst kann man nicht hektisch erfahren, sondern nur im herausgehobenen Augenblick, der auf sehr paradoxe Weise wohlvorbereitet sein muss, ohne berechnet werden zu können. Bildung bewirkt nur dann etwas, wenn sie persönliche Niveaus befördert und individuellen Sinn für Standards vermittelt, also herausfordert und gerade nicht nivelliert. Nur in dieser Hinsicht wäre im Übrigen auch ein Kanon funktional: Er beschliesst die Möglichkeiten, ist aber kein Selbstzweck.

Im Sinne von Harold Bloom gesagt: Nicht die blosse Lektüre von Shakespeare ist entscheidend, sondern das Erlebnis der literarischen Qualität und so die Erfahrung der Differenz. «Macbeth» ist keine Textsorte, sondern eine Herausforderung für jede neue Generation von Lesern oder Zuschauern, die ihr literarisches Verstehen nur an solchen Beispielen wirklich bilden können. Das Niveau ist abhängig von der Bewältigung der Herausforderungen; fehlen diese oder sind sie zu flach, beruhigt sich das Lernen mit dem Status quo. Literatur und Kunst müssen das Sehen oder das Hören verändern, nicht bestätigen – was nie gelingt, wenn das Objekt beruhigend wirkt.

Was «besser» ist und was «schlechter», die Differenz in der Qualitätserfahrung, lässt sich nicht erleichtern oder didaktisch abkürzen. Die Akzeptanz von Niveaus und der Sinn für Standards lassen sich nur mit langfristigen und mühsamen Anstrengungen erreichen. Ohne Niveausicherung aber lässt sich kulturelle Überlieferung zwischen den Generationen nicht besorgen. Was also in der Regel euphemistisch «Qualitätssicherung» genannt wird, kann nicht mit «Schlüsselqualifikationen», sondern nur mit Garanten für inhaltliche Niveaus erreicht werden. In diesem Sinne ist es ziemlich makaber, zum Beispiel «Medienkompetenz» gegen literarische oder mathematische Bildung auszuspielen, wenn Mediennutzung irgendeinen nennenswerten Lernaufwand gar nicht verlangt. Ähnlich ist es makaber, Kunst nicht mehr original zu erleben, sondern in beliebigen Surrogaten, die von Aufmerksamkeit und Lernen nicht mehr verlangen als eine SMS-Botschaft.

Notwendiges Signum

Letztlich ist Bildung die selbstverständliche Anwendung von möglichst hohen Standards des Verstehens und der Wahrnehmung, die wie innere Kontrollen operieren. Man erkennt sofort die Fehler, sieht die Schiefheiten, achtet genau auf die erschlichenen Passungen. Wer Subtilitäten missachtet, bekommt das zu spüren, ebenso, wer es an Distanz zu sich selbst fehlen lässt. Angemasste Bildung lässt sich von Ignoranz unterscheiden, und es gibt präzise Wahrnehmungen über das, was den Gebildeten vom intellektuellen Parvenu unterscheidet.

Die erschlichene Anspielung oder die gewollte Kompetenz wirken unmittelbar peinlich, und diese Kontrollerfahrung bestimmt Lernen und Kommunikation. Wer Zitate ausschlachtet, ohne originell zu sein, bewirkt nicht nur Peinlichkeit, sondern ist peinlich, weil die Grundregel der Bildung, persönlicher Zugang und unaufdringliche Kompetenz, verletzt wurde. Und es spricht für Bildungskulturen, dass unmittelbar auffällt, wer lediglich ein Zitatelexikon zu benutzen versteht.

Mein Punkt ist, dass dies nicht einfach die Arroganz einer Kaste darstellt, sondern als notwendiges Signum der Bildung, zugleich als ihr unaufhörlicher Test verstanden werden muss. Ob die Präsentation von Bildung echt ist oder nicht, steht nicht ein für alle Mal fest, sondern wird ständiger Beobachtung ausgesetzt. In diesem Sinne ist Bildung nicht Verdienst, sondern Leistung, darin notwendig eingeschlossen die Möglichkeit der Blamage.

Diese Unerbittlichkeit der Bildung muss mit deren Leichtigkeit in ein Verhältnis gesetzt werden. Wer Bildung demonstriert, macht sich lächerlich, aber unaufdringlich ist Bildung auch nicht. Weil es auch im Grenzwert nie Gleichheit von Bildung geben kann, sind die Grunderfahrung Differenz und persönlicher Abstand, die zum Weiterlernen auffordern. Nicht nur gibt es keine Gleichheit, es gibt auch keinen optimalen Zustand «Bildung», keinen Punkt, an dem man alles wüsste und mit dem Lernen aufhören könnte.

Kein Gebiet der Kunst ist abschliessend erfassbar, im Gegenteil: Gerade Kunst steigert die Irritationen mit dem Verstehen, das nicht wie eine definitive Problemlösung verstanden werden kann, sondern immer nur wie eine kreative Problemproduktion. Ästhetische Erfahrungen sind in dem Sinne bildungsabhängig, als sie Einsicht in symbolische Welten abverlangen, die Ignoranz ebenso wenig vertragen wie Dilettantismus. Dabei gibt es zwischen Literatur, Musik und Kunst immer Querbezüge des Verstehens, die enge Spezialisierung wie eine Behinderung der Qualität erscheinen lassen. Aber die Arbeit der Bildung führt an kein beruhigendes Ende; ebenso wenig wie Kunst kumulative Problemlösung ist, kann Bildung summative Kompetenz sein. In beiden Fällen wäre der Stachel unterschätzt, der sich aus dem ergibt, was Lernen antreibt, nämlich die ungelösten und die beunruhigenden Fragen.

Der Wert des Nichtlehrbaren

Es ist ein beliebter pädagogischer Irrtum, anzunehmen, nur lehrbares Wissen sei gutes Wissen, während Bildung sich offenbar nicht einzig an Lehrbarkeit, sondern an Niveaus zu orientieren hat. Oft ist gerade das Nichtlehrbare das eigentlich Bildende, weil dem Lernenden die Herausforderung nicht abgenommen wird. Für Bildung muss eigentümlich sein, dass sie sich selbständig macht und die didaktische Fessel überwindet. Sie mag hilfreich sein, aber nicht auf Dauer.

Innen und Aussen der Bildung haben vielfältige und freie Beziehungen. Das ist der Grund, warum Bildung Öffentlichkeit braucht, einen kulturellen Raum, historische Substanz, Wettbewerb, Konkurrenz zu anderen, nicht wohlmeinende Verinnerlichung. Jeder Kanon ist einfach nur Bildungsorganisation, notwendig, um überwunden zu werden. Wenn etwas bleiben soll, dann die treibende Erinnerung an die eigenen Ansprüche. Aber das intellektuelle Leben ist kein geordneter Bildungsgang, was angesichts der pädagogischen Allmachtsphantasien auch als Trost verstanden werden kann.

Mit dem Thema ist Leidenschaft auch dann noch verbunden, wenn alle Wissensbestände digitalisiert worden sind: Das Leichte der Bildung ist nur möglich, wenn es Zutrauen zum eigenen Lesen, Schreiben, Artikulieren oder Darstellen gibt. Zugleich müssen früheres Misslingen vor Augen stehen sowie das Überwinden der seinerzeitigen Schwierigkeit. Standards bilden sich wirklich nur mit Niederlagen, welche die Grenze der seinerzeitigen Aspiration bestimmt haben. Es gibt in diesem Sinne auch keinen stetigen Zuwachs von Bildung, sondern immer nur den Konflikt zwischen Anspruch und Können, der für Beunruhigung sorgt und dafür, sich selbst ständig testen zu müssen.

Keine reine Verinnerlichung

Man würde die Macht der Bildung unterschätzen, täte man sie als ein reines Phänomen der «Verinnerlichung» ab, als abrufbares Phänomen, das sich auf das Bewusstsein nicht auswirkt. Nicht zufällig hat Freud keine Theorie der Bildung geschrieben, sondern eine der Verdrängung, während der Witz bei Phänomenen der Bildung ist, dass sie aus der Biografie heraus Geschmack und Urteil weniger festlegen als beständig herausfordern. Aus diesem Grunde muss es Blamagen geben, die Herausforderung durch Ungenügen und kontrollierende Instanzen, nicht der Triebwelt, sondern der Standardbefolgung.

Die heutige Kunst lernt nicht mehr über Provokationen, auch nicht über Blamagen, sondern durch unablässige Mischung; diese bringe aber immer noch Objekte hervor, die unmittelbarem Verstehen verschlossen sind, ohne auf kanonische Formen zu verweisen. Das macht Bildung freier und zugleich anforderungsreicher, kein Lexikon der Moderne hilft, wenn das Objekt irritiert. Das heisst: Die Hilfsmittel der Bildung beugen sich dem Eigensinn der Kunst.


Jürgen Oelkers ist Professor für allgemeine Pädagogik am Institut für Erziehungswissenschaften, Uni Zürich.

~ von Panther Ray - März 31, 2010.

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