Die kontrollierte Kindheit

aus: Neue Zürcher Zeitung, 15. 3. 2010

Warum ein zu behütetes Aufwachsen negative Konsequenzen für das Leben hat

Von Allan Guggenbühl

Die höheren Kletterstangen wurden abmontiert, der Teich zur Pfütze reduziert, und ein hoher Gitterzaun hält Hunde fern. Eine Schar Mütter und Väter stehen oder sitzen herum, die Blicke stets auf ihren Kleinen. Ein Knabe, mit einem Helm auf dem Kopf, wagt sich an eine Schaukel. Sofort springt jemand herbei, es könnte ja etwas passieren.

Die Kindheit ist eine Lebensphase, in der der junge Mensch seine Grundfähigkeiten entwickeln, soziale Kompetenzen erwerben und sich selber kennenlernen muss. Das Aufwachsen ist eine Entdeckungsreise zu sich selber und dem Umfeld, in das man hineingeboren wurde. Neben den Bezugspersonen entscheiden die Herausforderungen, Anregungen und Probleme, mit denen man konfrontiert wird, ob diese Menschwerdung gelingt. Damit dieser Prozess nicht gestört wird, wollen wir unseren Kindern eine jugendgerechte Umgebung bieten, unnötige Gefahren sollen eliminiert, traumatische Erlebnisse verhindert werden. Es liegt in der Verantwortung der Eltern, Lehrpersonen und auch Politiker, Kinder vor schlechten Einflüssen und Gefahren zu schützen. Aus psychologischer Sicht stellt sich jedoch die Frage der Grenze zwischen Hilfe und Einengung.

Unheilige Allianzen

Ein Care-Team wurde aufgeboten, der Lehrer suspendiert. Einige Schüler einer Sekundarschulklasse hatten auf dem Laptop des Lehrers eine Nacktfoto entdeckt. Peinlich war, dass es sich um ihren Lehrer handelte. Das «Trauma» der Schüler wurde durch Aussenpersonen professionell aufgearbeitet.

Natürlich müssen wir Jugendlichen beistehen. Keine Mutter setzt ihr Kind alleine dem Strassenverkehr aus. Ist es aber sinnvoll, Kinder auf Spielplätzen streng zu observieren oder jede körperliche Auseinandersetzung zu verbieten? Ist es richtig, bei Vorfällen routinemässig Care-Teams aufzubieten? Meistens dienen tragische, doch seltene Unfälle oder hypostasierte Zusammenhänge als Begründung für ein neues Verbot oder eine neue Massnahme. Wenn im Jura ein Knabe sein Sackmesser als Waffe gegen einen Kollegen einsetzt, dann wird schweizweit ein generelles Verbot von Sackmessern gefordert. Die Tendenz von Fachpersonen und Präventionsspezialisten, sich über dramatische Einzelfälle zu legitimieren, führt zu einer unheiligen Allianz zwischen Experten, Praktikern und Politikern. Aus Angst, unverantwortlich zu handeln, neigen wir zur Überreaktion. Wir führen Massnahmen ein, die vorab der Bewältigung eigener Befürchtungen dienen, entwicklungspsychologisch aber unnötig oder gar problematisch sind.

Killerspiele sollen generell verboten werden, obwohl sie für die überwiegende Zahl der Jugendlichen lediglich eine neue Form des Schachspiels sind und ihre moralischen Sensibilitäten auch stärken können. Betrachtet man das Aggressionspotenzial, dann müsste man auch Slapstick am Fernsehen, den Strassenverkehr und Pannen am Computer verbieten. In einem realitätsfernen Raum werden Argumente konstruiert, die keinen Zusammenhang mit der Lebenswelt der Jugendlichen haben. Fachpersonen wittern zudem eine Chance, ihren Einfluss auszuweiten.

Interessant sind die Auswirkungen. Im Gegensatz zur naiven Auffassung, dass diese Anordnungen befolgt werden, drohen Trotzreaktionen. Das Thema wird doppelt interessant und suspendiert die Jugendlichen von der Eigenverantwortung. So führte die sinnvolle Pflicht, Velohelme zu tragen, auch dazu, dass Kinder frecher fahren.

Fatal hat sich das Alkoholverbot bei Jugendlichen unter sechzehn ausgewirkt. Heimliche Saufgelage wurden populär: Eine Flasche Wodka, eine sturmfreie Bude, und man lässt sich zusammen mit Kollegen volllaufen, bevor man in den Ausgang geht. Der amerikanische Psychiater Richard Louv ist der Überzeugung, dass diese Abschottung und Hyperbetreuung zu einer Generation unselbständiger Menschen führen wird, denen Erfahrungen mit der Natur («nature deficit disorder») fehlen, die keine Selbstinitiative zeigen werden. Sie wachsen mit dem Gefühl auf, dass für Probleme, Trauer oder Streitigkeiten Aussen-Instanzen zuständig sind.

«Zwei Stunden fesselten mich meine Kollegen an einen Baum im Wald und drohten mich zu martern!», erinnert sich ein älterer Mann. Dank einer guten Ausrede und seiner Geschicklichkeit im Umgang mit Seilen ist er freigekommen. Er hat viel gelernt. Heute hätte dieser Vorfall massive elterliche Interventionen und Therapien zur Folge.

Schwierige soziale Situationen, Risiken, Gefahren und Konflikte gehören auch zur Kindheit und Jugend. Meistens wachsen Kinder an den Problemen, die sie bewältigen müssen. Den Grossteil der sozialen Kompetenzen und des Wissens eignen sie sich ohne Beihilfe und nicht unter Aufsicht der Erwachsenen an. Die selbständige Bewältigung von Krisen setzt oft neue Kräfte frei und stärkt die Widerstandskraft. Jugendliche brauchen dazu Freiräume und Zeit, die nicht mit Aufgaben, Angeboten und Lernprogrammen vollgestopft sind.

Kein Kontrollwahn

Oft sind Momente der Langeweile der Ausgangspunkt neuer Antworten und Ideen. Kinder und Jugendliche wollen sich nicht nur nach den Vorgaben der Erwachsenen richten, sondern ihr Umfeld auch selber erforschen. Sie wollen Wälder durchstreifen, streiten und Grenzerfahrungen machen. Um Risiken abschätzen zu können und schlechte Einflüsse zu erkennen, brauchen sie jedoch Bezugspersonen, mit denen sie in einem permanenten Dialog über die Schattenseiten des Lebens stehen.

Nicht jeder Streit auf dem Pausenplatz muss geschlichtet, nicht jedes tragische Ereignis von einem Care-Team bearbeitet werden. Entscheidend ist, dass man sich an eine Person wenden kann, der man vertraut. Vielfach handelt es sich auch um Gleichaltrige. Damit diese Lernprozesse möglich sind, müssen Erwachsene loslassen können, als Bezugspersonen zur Verfügung stehen, doch nicht über alle Taten der Jugendlichen informiert sein. Hyperbetreuung und Kontrollwahn können zur Folge haben, dass den Kindern und Jugendlichen wichtige Erfahrungen vorenthalten werden und sie infantilisiert werden.

«Um Jugendliche vor den Gefahren des übermässigen Alkoholkonsums zu schützen, müsste man ihnen in den Beizen gratis ein Glas Wein anbieten», schlägt der Vater einer kinderreichen Familie vor. In den Tempeln der Trinksucht entwickle man Abwehrkräfte und werde durch das Verhalten der anderen Gäste mit den fatalen Folgen übermässigen Wein- oder Bierkonsums konfrontiert und abgeschreckt. Obwohl nicht ganz ernst gemeint, enthält der Vorschlag eine tiefere Wahrheit: Dank der Auseinandersetzung mit der wirklichen Welt werden die Jugendlichen gestärkt und können eher mit den Tücken des Lebens fertig werden. Diese Erfahrungen können nicht in abgeschotteten Räumen gemacht werden.

~ von Panther Ray - März 24, 2010.

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