Und wieder ADHS: „Neuro-Feedback“.

28. Februar 2010, NZZ am Sonntag

Hirntraining für Hyperaktive

Konzentrationsübungen statt Ritalin

Neurofeedback nennt sich diese neue Therapieform, die hyperaktiven Kindern helfen soll und immer mehr Zulauf erhält. Noch ist aber unklar, wie die Methode wirkt.

Von Simone Schmid

Auf dem Bildschirm ist eine Maus zu sehen, die etwas ratlos vor einer Hochsprunglatte steht. Plötzlich erscheint das rot geschriebene Wort «Jump». Der Bub, der vor dem Computer sitzt, soll die Maus zum Springen bringen. Doch er hat weder einen Joystick in den Händen, noch bedient er eine Tastatur. Dafür ist sein Kopf mit Elektroden versehen, die laufend Hirnströme messen. Das Kind weiss: Ist das Wort «Jump» rot geschrieben, soll es sich konzentrieren, ist das Wort blau geschrieben, soll es sich entspannen. Der Bub versucht also, sich zu konzentrieren. Und tatsächlich: Das Elektroenzephalogramm (EEG), die Darstellung der elektrischen Hirnströme, zeigt eine Erhöhung der Aufmerksamkeit an. Als Feedback an den Buben, dass er die Aufgabe gelöst hat, springt die Maus über die Latte.

Neurofeedback nennt man diese Gehirntrainingsmethode, die in der Schweiz immer häufiger als Therapie bei Kindern mit einer Hyperaktivitätsstörung (ADHS) angewendet wird (siehe Box S. 60). «In den letzten fünf Jahren gab es einen regelrechten Boom», sagt Verena Oberholzer, Präsidentin der Neurofeedback-Organisation Schweiz. Interesse an der Methode hätten vor allem Eltern, die ihren Kindern kein Ritalin geben oder das Medikament absetzen wollten. Tatsächlich hat die Schweiz mittlerweile eine der weltweit höchsten Neurofeedbacktherapeuten-Dichte. Auch Schulpsychologen setzen das Hirntraining selber ein oder verordnen es. «Es gibt viele Mitarbeiter, die schon positive Erfahrungen damit gemacht haben», sagt etwa Jürg Forster, Leiter des schulpsychologischen Dienstes Zürich. Die Methode sei vielversprechend, müsse aber noch besser erforscht werden.

Dass auch offizielle Stellen sich öffentlich zu Neurofeedback bekennen, ist neu. Bis vor einigen Jahren galt die Methode in der Wissenschaft mehr oder weniger als Scharlatanerie und wurde nicht von unabhängigen Forschern untersucht. Die Studien, die es gab, wiesen Mängel auf wie fehlende Kontrollgruppen oder zu kleine Stichproben. Dies hat sich geändert. Mittlerweile gibt es seriöse Untersuchungen, die zeigen, dass ein Hirntraining einen positiven Effekt haben kann. Hyperaktiven Kindern kann es helfen, sich besser zu konzentrieren.

Grundlage der Neurofeedback-Therapie bei einer Hyperaktivitätsstörung ist die Annahme, dass ADHS-Kinder eine etwas andere Hirnaktivität aufweisen als gesunde Kinder. Im EEG sind diese Unterschiede sichtbar: Bei einigen hyperaktiven Kindern werden zum Beispiel zu wenig sogenannte Beta- und zu viel Theta-Hirnwellen gemessen. Ein hoher Anteil an Beta-Wellen entspricht einem konzentrierten Zustand, während viel Theta-Wellen bei Schläfrigkeit produziert werden. In einer oft verwendeten Neurofeedback-Übung müssen die Kinder versuchen, diese Hirnwellen in einen «normalen» Bereich zu steuern. Wenn sie es schaffen, dann läuft auf dem Bildschirm ein Film. Sobald die Konzentration nachlässt, wird der Film gestoppt. «Das Kind lernt durch die Rückmeldung, seine Hirnaktivität gezielt zu regulieren und zwischen unterschiedlichen Aktivierungszuständen zu unterscheiden», erklärt die Neuropsychologin Renate Drechsler vom Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich. Dort läuft zurzeit ein Forschungsprojekt, in welchem die Wirkung von Neurofeedback bei ADHS genauer untersucht wird. Denn auch wenn gezeigt werden konnte, dass es positive Effekte gibt, ist noch immer unklar, wie es zu den Verbesserungen im Alltag kommt.

Der Eltern-Effekt

In einer Studie, die 2007 erschien, hat Renate Drechsler nämlich noch einen anderen Effekt festgestellt: Jene Kinder, die von ihren Eltern am meisten unterstützt wurden, erzielten die besten Resultate. «Es kann sein, dass die Aufmerksamkeit und gezielte Unterstützung, die ein Kind während einer solchen Studie erfährt, ebenfalls zu einem positiven Resultat beiträgt», sagt Drechsler. Nicht zu unterschätzen ist auch, dass Eltern und Kinder durch das Training überhaupt erst eine Begrifflichkeit erhalten. Die Kinder lernen, wie sich dieser Zustand anfühlt, der von ihnen verlangt wird, und die Eltern haben nun Worte, um ihn zu benennen. Nach der Übung mit der Maus am Bildschirm zum Beispiel können Eltern im Alltag das Kind daran erinnern, sich in den «roten Zustand» zu versetzen, wenn sie zum Beispiel Hausaufgaben machen sollten. Damit dieser Transfer in den Alltag besser gelingt, arbeiten die Therapeuten mit Kärtchen, auf denen die Übungen abgebildet sind. So kann auch ohne Feedback des Computers versucht werden, einen bestimmten Zustand abzurufen. Oft wird die Wirkung von Neurofeedback anhand von Lehrer- und Elternbeurteilungen gemessen. Den Effekt im Hirn auch nachzuweisen, ist technisch nicht einfach. In einer Studie, die 2005 erschien, berichtete aber der Medizininformatiker Hartmut Heinrich, dass sich bei 13 Teilnehmern nach 25 Neurofeedback-Sitzungen die sogenannten langsamen kortikalen Potenziale signifikant verändert haben (siehe Grafik S. 59). Diese Potenziale gelten als Mass für die Erregbarkeit, und eine signifikante Veränderung dieser elektrischen Signale könnte die neurophysiologische Wirkung eines klinisch erfolgreichen Trainings erklären.

Falsche Hoffnungen

Trotz diesen Resultaten ist Neurofeedback aber kein Allheilmittel. Das Training wirkt nicht bei allen Kindern – warum, ist nicht bekannt. Zudem ist die Methode teuer und zeitaufwendig: Nötig sind rund 20 Sitzungen, die insgesamt zwischen 2000 und 4000 Franken kosten. Krankenkassen bezahlen nur dafür, wenn ein Neurologe oder Psychiater das Training durchführt. Und die grösste Hoffnung, dass mit dem Hirntraining eine medikamentöse Behandlung ersetzt werden kann, wird von den Forschern gedämpft. Hartmut Heinrich zum Beispiel schreibt, dass das Hirntraining nur für «einige Kinder» als einzige Behandlung ausreiche. Ziel sei ein sogenanntes multimodales Behandlungskonzept, bei dem Elemente wie Elternberatung, Verhaltenstherapie und Medikamente kombiniert werden. «Der grösste Vorteil von Neurofeedback wäre, wenn man langfristig lernen könnte, sich bewusst in einen bestimmten Zustand zu versetzen», sagt der Schulpsychologe Jürg Forster. Dass der Trainingseffekt anhält, legen zwar einige Studien nahe, doch der langfristige Nutzen wurde noch zu wenig untersucht.

~ von Panther Ray - März 3, 2010.

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