Schule ist Schwerstarbeit

aus: Neue Zürcher Zeitung / NZZexecutive, 30. Januar 2010,

Von Ruth Schweikert

Ein Pensum von wöchentlich 55 bis 65 Stunden, verteilt auf sieben Wochentage, und trotzdem ist es nie genug: Die eifrigsten Arbeiterinnen und Arbeiter im Lande sind weder Konzernchefs noch Managerinnen, weder Bergbauern noch Politiker oder Kleinunternehmerinnen, ja nicht einmal die Lehrkräfte können mit ihnen mithalten.

Noch halb im Schlaf

Die Rede ist von den Schülerinnen und Schülern ab der 5. oder 6. Klasse der Primarstufe mindestens bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit, ganz egal ob sie das Gymnasium besuchen oder die Sekundarschule. Nachdem man sie um halb sieben aus dem Tiefschlaf gerissen hat, verlassen die Kinder das Haus, bevor sie (und ihre Eltern) richtig wach sind, und wenn sie nachmittags um fünf Uhr erschöpft und hungrig zurückkehren, geht der Stress erst richtig los: Hausaufgaben, Prüfungen unterschreiben lassen, die nächsten Prüfungen vorbereiten, dazwischen Klavierstunde und Fussballtraining, gestützt durch flankierende Massnahmen wie Vorbereitungskurse fürs Gymnasium, Psychomotorik oder Nachhilfestunden. Selten jedenfalls hat ein Zwölfjähriger sein Tagespensum vor 22 Uhr erledigt, und dann ist nicht nur er k. o., sondern auch seine Eltern, die die letzten fünf Stunden versucht haben (und es am Wochenende abermals versuchen werden), ihren Kindern den Stoff einzutrichtern, den sie in der Schule hätten lernen sollen, aber aus unerfindlichen Gründen nicht gelernt haben. Denn blöd sind sie eigentlich nicht, ihre Kinder, finden die Eltern und machen sich daran, mit dem winzigen Restposten an Zeit wenigstens die schlimmsten Löcher zu stopfen, die ein paar schlechte Noten ins Selbstwertkostüm ihrer Kinder gerissen haben, auf dass diese am nächsten Morgen aufs Neue bereit sind, die Zumutungen des Schülerlebens zu ertragen, weil die Schule zur Sicherheit schon mal die knallharten Bedingungen der Arbeitswelt übernimmt, damit hinterher keiner sagen kann, er habe es nicht gewusst.

Auch die Arbeitswelt dankt, hat die Schule ihr doch schon die Selektion abgenommen. Dazu schreibt Peter Bichsel in seinem Essay «Rassismus und Faulheit»: «Der Massstab jedenfalls ist die Schule, nicht der Schüler. Deshalb kann der Schüler an der Schule scheitern, die Schule am Schüler nicht.»

Schlafen anstatt shoppen

Das ist schon den Primarschülern klar, und erst recht den Sekundarschülerinnen, die an ihrem freien Nachmittag freiwillig ins Literaturhaus kommen, um eigene Texte zu schreiben. Nebst anderen Themen schlagen wir ihnen vor, darüber zu schreiben, wie sie den Mittwochnachmittag normalerweise verbringen – wir erwarten Shopping, fernsehen, gamen, chatten usw. Da verdrehen alle nur die Augen und sagen wie aus einem Mund: «Sie, darüber können wir nicht schreiben.» – «Und warum nicht?» – «Weil wir schlafen. Wir kommen nach Hause, legen uns ins Bett und schlafen.»

~ von Panther Ray - Februar 14, 2010.

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