Kiddie Kulture literarisch.

harry potter

Im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung von heute erschien unter dem Titel Flucht in die Verzauberung ein Essay über den Einbruch der Jugend- und Kinderliteratur in die Lesegewohnheit der erwachsenen Generation.

aus: NZZ 18. 9. 09
Zeitzeichen: Flucht in die Verzauberung 
Warum lesen immer mehr Erwachsene Bücher für Jugendliche?

Auf den Bestsellerlisten finden sich immer mehr Jugendbücher. Erwachsene haben Fantasy-Reihen und das Jugendsachbuch für sich entdeckt und verhelfen dem Buchmarkt damit zu Wachstum.

Was geschieht, wenn Erwachsene sich in die sieben Bände von «Harry Potter» vertiefen? Man betritt eine verführerische Welt, in der hinter jedem Baum ein Fabelwesen wartet, in der es Rätsel zu lösen gibt und wo niemand derjenige ist, der er scheint – und die erst noch von mutigen, cleveren und edelmütigen jungen Menschen vor dem eiskalten, buchstäblich seelenlosen Lord Voldemort gerettet wird. Ein wenig «guilty pleasure» allerdings ist bei einer solchen Lektüre dabei, umso mehr, wenn man sich insgeheim den ganzen Tag darauf freut und dem Ende des siebten Bandes mit Bedauern entgegensieht: Erliegt man also dem süssen Sog des Trivialen?

«Vergnügen ist kein unfehlbarer guide, aber der am wenigsten fehlbare», schreibt W. H. Auden in seinem Essay «Reading». Worin besteht das Lesevergnügen – und ist es bei Erwachsenen ein anderes als bei Kindern? Wenn das Kinderbuch die richtige Form für etwas sei, das ein Autor zu sagen habe, werde es von Lesern jeden Alters gelesen, so C. S. Lewis, der Autor von «Die Chroniken von Narnia». Kinderbücher hätten für Autoren Vorteile: Zum einen könne man vieles weglassen, was einen nicht interessiere, und zum andern stecke man die ganze Kraft des Buchs «in das, was getan und gesagt wird» – und genau deshalb sind Kinderbuchklassiker auch für Erwachsene ein Genuss. Ob man von einem Text mitgerissen wird, hängt in erster Linie davon ab, ob sich der Autor beim Schreiben hat mitreissen lassen – diese Energie jedoch ist gefährdet, wenn ein Autor ausdrücklich für eine Zielgruppe oder Altersklasse schreibt.
e.t. & mj 

Auch Erwachsene brauchen Märchen 

Ohnehin sind die Altersklassen ein Service für die Erwachsenen, die möglichst wenig Zeit verlieren wollen, wenn sie Bücher für ihre Kinder kaufen. Dabei gibt es keinen Grund, warum Jugendliche nicht Kafka oder Dostojewski lesen sollen. Kinder selbst erweisen sich oft als findige Leser von Büchern, die nicht für sie geschrieben wurden. Mit dem, was über ihren Kopf hinweg zielt, verfahren sie ähnlich wie die Erwachsenen bei den endlosen Quidditch-Spielen bei «Harry Potter»: Sie überlesen, was sie nichts angeht. Kinder gelten als Plot-fixiert, doch auch dies trifft nicht immer zu.

Manche Kinder haben an raffinierten Formulierungen ihre Freude: «Eines Tages, als der Frieder den Weg aus dem Zuchthaus allein gefunden hatte» – der 9-jährige Bub, der dieses Understatement in Johann Peter Hebels Kalendergeschichten geniesst, liest in seinem Pokémon-Heftchen ebenso begeistert Sätze wie diesen: «Währenddessen schleudert Lanturn Bamelin mit Hydropumpe in die Luft und blockt Aquawelle mit Donnerblitz.» Warum soll das eine besser sein als das andere? Er wolle sich beim Lesen nicht immer anstrengen, meint er achselzuckend. «Das Lesen eines Kindes wird vom Vergnügen geleitet, aber sein Vergnügen ist undifferenziert. Es kann beispielsweise nicht zwischen ästhetischem Vergnügen und dem Vergnügen des Lernens oder des Tagträumens unterscheiden», so Auden.

Auch Erwachsene brauchen offenbar Märchen – nur ist dies kein neues Phänomen. Wir kehren zu den ältesten Lesegewohnheiten zurück, denn Märchen richteten sich ursprünglich ebenso wenig an Kinder wie die Ritterromane mit ihren Drachen und Zauberschlössern. In seinem Essay «On Fairy Stories» (1947) warnte J. R. R. Tolkien («Der Herr der Ringe») davor, Märchen – «the land full of wonder but not of information» – ausschliesslich in die Kinderstube zu verbannen: Kinder würden Märchen keineswegs besser verstehen als Erwachsene.

herr der Ringe

Wenn Erwachsene sich in ein Land des Staunens und der Wunder versetzen lassen, ist der Eskapismus-Vorwurf so naheliegend wie unvermeidlich. Und in der Tat: In der Regel erwartet die Fantasy vom Leser nichts. Auch wenn sie anspruchsvoll daher kommt, reizt sie vor allem das Belohnungssystem im Gehirn des Lesers. Die literarischen Anspielungen etwa – Cornelia Funkes «Tintenwelt» ist damit noch üppiger ausgestattet als «Harry Potter» – sind Köder fürs gehobene Publikum, das sich mit Genugtuung seiner Bildung versichern kann.

Und doch wird man der Fantasy nicht gerecht, wenn man sie wegen ihrer mentalen Wellness-Qualitäten als belanglos abtut – wenn es auch in diesem Genre nicht leicht ist, die Meisterwerke auszumachen. Zum einen leistet die Massenproduktion der Trivialität Vorschub, und zum anderen taugen gerade die ungewöhnlichsten dieser erfundenen Welten nicht zum Kult. In Jonathan Strouds Anti-Harry-Potter-Trilogie «Bartimäus» etwa werden politische Intrigen und weltgeschichtliche Anekdoten miteinander verwoben, und zwar aus der ironisch gefärbten Sicht eines sarkastischen 5000 Jahre alten Dschinns, der vom 12-jährigen Zauberlehrling Nathanael beschworen und versklavt wird.
 

Alte Sehnsüchte 

Auch Tove Janssons «Mumins», geschrieben zwischen 1945 und 1970, sind erstaunlicherweise für viele immer noch ein Geheimtipp. In der surrealen Welt des Mumintals halten uns die Trolle und Tiere einen poetischen Spiegel von tiefsinniger Komik vor. Wir begegnen Wesen wie der katastrophensüchtigen, biederen Filifjonka, die es sich so gern gemütlich machen möchte und die doch jeden Tag den Weltuntergang erlebt, oder dem kleinen, plapperigen Tier, dem der Schnupferich den Namen Ti-ti-uu gegeben hat und für das damit ein neues Leben beginnt: «Jetzt bin ich eine eigene Person, und alles, was passiert, hat eine Bedeutung. Es passiert nämlich nicht nur so ganz allgemein, sondern es passiert mir, Ti-ti-uu.»

C. S. Lewis , Narnia

C. S. Lewis spricht von uralten Sehnsüchten, die in der phantastischen Literatur eine Erfüllung fänden – «eine undeutliche Ahnung von etwas jenseits unserer Reichweite». Tolkien benutzt das Wort «enchantment». Wenn die Verzauberung genug Kraft hat, vermag sie unseren Alltag zu sprengen, zumindest für einige Stunden. Religionsersatz spielt durchaus eine Rolle bei der Fantasy-Lektüre, die bisweilen suchtartige Züge trägt: Es ist kein Zufall, dass sowohl Tolkien als auch Lewis – die Klassiker der modernen Fantasy – religiös geprägt waren.

Ein objektives literarisches Geschmacksurteil gebe es nicht, betont Auden, auch im reiferen Alter lasse sich der Geschmack nicht von den subjektiven Wünschen lösen, die uns zum Lesen verführen. Einer der Wünsche, deren Erfüllung die Fantasy verheisst, besteht in der Sehnsucht nach Transzendenz, ein anderer verbirgt sich im glücklichen Ende, mit dem die Märchen nicht nur Kinderseelen trösten. Das Bedürfnis nach Hoffnung ist nicht trivial, und so sieht Tolkien im Happy End auch keinen Eskapismus. Schliesslich würden nicht die Sorge und das Versagen geleugnet, sondern nur die endgültige Niederlage.

Sieglinde Geisel

JACKSON

Mein Kommentar: Kiddie Kulture!

Nun ist das weltweite Phänomen, dass der Geschmack der Kinder die Standards der Weltkultur moduliert, weißgottnicht auf das gedruckte Buch beschränkt. Der Herr der Ringe und Harry Potter waren im Kino nicht minder erfolgreich als Star Wars, E.T. und Jurassic Park!

Es scheint, als sei die IT-Revolution in den Feuilletonredaktionen bei allem Wortsalat doch noch nicht ganz angekommen.

Ich habe der NZZ daher einen Leserbrief geschrieben.

Der Beitrag ist zwar "interessant", aber aus einem verengten Blickwinkel verfasst.

Die wahre Bedeutung von Harry Potter & Co. für die Weltkultur liegt in ihrem Beitrag zum Ausbau und zur Stabilisierung dessen, was die Amerikaner Kiddie Kulture getauft haben und was mit ‚Kinderkultur‘ nur unzulänglich übersetzt würde. Kinderkulturen gibt es, seit es Kulturen gibt; und sie sind lokal so vereinzelt wie alle Volkskultur. Kiddie Kulture gibt es seit zwei, drei Jahrzehnten, und sie ist global – weil sie sich durch die Neuen Medien ausgebildet hat. Und nur darum ist es ihr gelungen, in die Weltkultur der älteren Generationen einzudringen.

Ihr erstes Megaereignis war Michael Jackson, der ohne Kiddie Kulture nie zum Größten Star Aller Zeiten geworden wäre – und ohne den Kiddie Kulture vielleicht nie den Weg um die Welt gefunden hätte. Ihr neuester Sieg war die Etablierung von Tokio Hotel an der Weltspitze der Popkultur – die im übrigen der erste genuine Beitrag des wiedervereinigten Deutschlands zur Weltkultur sind!

Devilish, heute Tokio Hotel

Was ähnlich Erhebliches kann man über die Fantasy-Literatur nicht sagen. Vielleicht nur noch nicht.

~ von Panther Ray - September 18, 2009.

Eine Antwort to “Kiddie Kulture literarisch.”

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