The Oxford lecture: Michael Jackson über Kindheit und Vaterschaft.

Das bedeutendste Selbstzeugnis von Michael Jackson ist ohne Zweifel die Vorlesung, die er unter dem Titel How to forgive your father am 6. März 2001 vor der Oxford Union an der dortigen Universität gehalten hat. Sie ist nicht weniger als die Erklärung, die Rechtfertigung seines Leben und seiner Kunst. Ich kann mir keine künftige Biographie des größten Stars aller Zeiten vorstellen, die auf die ungekürzte Wiedergabe dieses Textes verzichten würde.

0,1020,1567831,00

Danke. Vielen Dank aus tiefstem Herzen, liebe Freunde, für den herzlichen Empfang! Und vielen Dank an Sie, Mr. President, für Ihre feundliche Einladung. Ich fühle mich hoch geehrt.

Und meinen ganz besonderen Dank möchte ich an Shmuley* richten, der
schon seit 11 Jahren hier in Oxford als Rabbiner seinen Dienst tut.

Du und ich, wir haben so hart gearbeitet, um Heal the Kids zum Leben zu erwecken, und daran, unser Buch über die Qualität des Kindlichen zu schreiben. Bei all unsern Mühen warst du mir ein hilfreicher und liebevoller Freund. Und ich möchte mich auch bei Toba Friedman bedanken, unserer organisatorischen Direktorin bei Heal the Kids, die als Marshall-Stipeniatin heute Abend wieder an die Universität zurückkehrt, und an Marilyn Piels, ein weiteres wichtiges Mitglied des Heal the Kids-Teams.

Ich erfüllt mich mit Demut, dort zu reden, wo schon so bedeutende Menschen wie Mutter Theresa, Albert Einstein, Ronald Reagan, Robert Kennedy und Malcom X gestanden haben.

Ich habe gehört, dass sogar Kermit der Frosch hier war, dem ich immer so gut nachfühlen konnte, dass es nicht leicht ist, grün zu sein. Und sicher ist es ihm auch nicht leichter gefallen als mir, vor Ihnen hier oben zu stehen!

Als ich mich heute hier in Oxford umgesehen habe, wurde mir die Größe und Majestät Ihrer großartigen Institution bewusst, nicht zu reden von den hervorragenden und begnadeten Geistern, die seit Jahrhunderten durch diese Straßen wandeln. Oxfords Gemäuer haben nicht nur den größten Philosophen und wissenschaftlichen Genies beheimatet, sie haben auch einige der meistgepriesenen Kinderbuchautoren hervorgebracht, von J. R. R. Tolkien bis zu C. S. Lewis.

Heute hatte ich Gelegenheit, in den Speisesaal der Christ Church zu humpeln, wo Lewis Carrols Alice im Wunderland in den Farbglas-Fenstern verewigt ist. Und sogar einer meiner amerikanischen Gefährten, der geliebte Dr. Seuss,** hat diese Hallen beehrt und hat dann seine Spuren in den Vorstellungen von Millionen von Kindern überall auf der Welt hinterlassen.

Alice in der Christ Church, Oxford (links oben)

Ich sollte wohl zunächst einmal aufzählen, was mich dazu qualifiziert, heute Abend vor Ihnen zu sprechen.

Liebe Freunde, ich gebe nicht vor, über denselben akademischen Sachverstand zu verfügen, wie die Redner vor mir, ebensowenig wie sie behauptet hätten, moonwalken zu können — und ich kann Ihnen sagen, gerade Einstein war darin ganz schaudehaft!

Aber ich darf beanspruchen, mehr Orte und Kulturen dieser Welt kennen gelernt zu haben, als die meisten anderen Menschen jemals werden. Das Wissen der Menschheit besteht nicht nur aus Bibliotheken voller Pergament und Tinte, es umfaßt auch all die Bände, die in die Herzen der Menschen geschrieben stehen, ziseliert in die menschliche Seele und eingraviert in die menschliche Psyche.

Und Freunde, mir ist meinem ziemlich kurzen Leben schon so viel begegnet, dass ich immer noch nicht recht glauben kann, dass ich erst 42 Jahre alt bin! Ich sage so oft zu Shmuley, dass ich nach Seelen-Jahren sicher mindestens 80 bin — und heute Abend laufe ich sogar so …

Und so hören Sie bitte meine Botschaft, denn was ich Ihnen heute Abend sagen möchte, kann der Menschheit Genesung bringen und unserem ganzen Planeten.

Durch Gottes Gunst hatt ich das Glück, dass viele meiner künstlerischen und professionellen Bestrebungen schon in meinen frühen Lebensjahren in Erfüllung gegangen sind. Aber das sind Leistungen, und Leistungen allein machen nicht den aus, der ich bin. Dem strahlenden Fünfjährigen, der vor begeisterter Mengen Rockin‘ Robin und Ben sang, war der Junge, der hinter dem Lächeln steckte, nicht anzumerken.

michael-jackson-presse-1

Und heute trete ich weniger als eine Pop-Ikone vor Sie hin – was auch immer das heißt – , denn als die Ikone einer Generation; einer Generation, die nicht mehr weiß, was es bedeutet, Kind zu sein. Wir alle sind das Produkt unserer Kindheit. Aber ich bin das Produkt eines Mangels an Kindheit, des Fehlens jenes kostbaren und wundervollen Alters, in dem man übermütig verspielt und sorglos in der Welt herumtobt, sich in der Bewunderung von Eltern und Verwandten sonnt, und in der die größte Mühsal vielleicht die ist, für das Diktat am Montag Morgen zu üben.

Wer von Ihnen die Jackson Five gekannt hat, weiß, dass ich seit dem zarten Alter von fünf Jahren vor Leuten auftrete und seither immer weiter tue – ich habe niemals mit Singen und Tanzen aufgehört. Doch wenn auch das Auftreten und Musikmachen bis heute zu meinen größten Freuden gehört, habe ich mir als Kind nichts sehnlicher gewünscht, als ein normaler kleiner Junge zu sein.

Ich wollte Baumhäuser bauen, Wasserballon-Schlachten machen und mit meinen Freunden Fangen spielen.

Aber das Schicksal wollte es anders, und mir blieb nichts übrig, als von dem Lachen und den Spielen zu träumen, die überall um mich herum waren. In meinem Berufsleben gab es keine Pausen.

Nur sonntags, da ging ich pioneering – so nennen die Zeugen Jehovahs ihre Missionarsarbeit. Und da konnte ich dann den Zauber der Kindheit bein andern Leute erleben. Weil ich damals schon berühmt war, musste ich mich verkleiden. Ich stopfte mir Kissen unter die Kleider, trug Perücke, Bart und Brille, und wir trieben uns den Tag über in den Vororten im südlichen Kalifornien herum, gingen von Tür zu Tür oder machten die Runde durch Einkaufszentren, um den Wachturm zu verteilen.

Ach, ich liebte es, in die normalen Haushalte zu gehen, die zerschlissenen Läufer auf dem Boden zu sehen, die Lehnstühle, in denen Kinder Monopoly spielten, Großmütter Babies hüteten, und all diese wunderbaren, ganz gewöhnlichen, aber für mich richtig romantischen Szenen des Alltagslebens. Die meisten werden sagen, das wäre nichts Besonderes. Aber für mich waren sie magnetisch. Ich dachte immer, dass ich der einzige bin, der sich fühlt, als hätte er keine Kindheit gehabt. Ich dachte, es gäbe nur eine handvoll Leute, mit denen ich diese Gefühle teilen kann.

Als ich kürzlich Shirley Temple Black traf, den großen Kinderstar der 30er und 40er Jahre, sprachen wir zunächst gar nicht miteinander. Wir haben einfach miteinander geweint, weil sie einen Schmerz mit mir teilen konnte, den sonst nur enge Freunde von mir wie Elizabeth Taylor und McCauley Culkin kennen.

Liz Taylor

Ich erzähle Ihnen das nicht, um Ihr Mitgefühl zu finden, sondern um auf meinen ersten wichtigen Punkt zu kommen: Es sind nicht nur Hollywood-Kinderstars, die unter einer fehlenden Kindheit leiden. Vielmehr ist das heutzutage ein universelles Unglück, eine weltweite Katastrophe. Die Kindheit ist zum großen Kollateralschaden des modernen Lebens geworden.

Überall um uns herum erschaffen wir schockweise Kinder, die nicht die Freude hatten, denen es nicht zugebilligt wurde und denen nicht die Freiheit gelassen wurde, zu erfahren, wie es ist, Kind zu sein. Heute werden Kinder stets gedrängt, nur immer schneller heranzuwachsen, so als ob dieses Lebensalter eine Last wäre, die man so schnell wie möglich hinter sich lassen sollte. Und in dem Punkt bin ich sicher einer der Welt größten Experten.

PEOPLE-JACKSON/

Diese Generation erlebt die Auflösung des Eltern-Kinder-Pakts. Psychologen veröffentlichen ganze Regale von Büchern über die verheerenden Folgen, wenn Kindern jene bedingungslose Liebe vorenthalten wird, die für die gesunde Entwicklung ihres Geistes und ihrtes so nötig ist. Und weil sie vernachlässigt wurden, müssen sich heute zu viele Kinder selber großziehen. Und entfernen sich so immer weiter von ihren Eltern, Großeltern und den anderen Angehörigen; so wie sich überall um uns herum die festen Bande lösen, die einst die Generationen bei einander hielten.

Dieser Bruch hat eine neue Generation gezeugt – nennen wir sie die Generation 0 -, die jetzt die Fackel der Generation X übernimmt. Die 0 steht für eine Generation, die äußerlich alles hat, Reichtum, Erfolg, ausgefallene Kleidung und tolle Autos, aber eine gähnende Leere in ihren Herzen. Dieser Hohlraum in unsere Brust, diese Leere in unserem Innern, diese Lücke in unserer Mitte ist der Ort, wo einst das Herz einst geschlagen hat und wo die Liebe saß.

Und es sind nicht nur die Kinder, die leiden. Den Eltern geht es ja ebenso. Je mehr wir in Kinderkörpern kleine Erwachsene modellieren, umso weiter entfernen wir uns von unseren eigenen kindlichen Tugenden. Und es gibt in der Kindheit so vieles, das verdiente, in der Erwachsenheit bewahrt zu bleiben!

Arlecchino08

Die Liebe, meine Damen und Herren, ist das kostbarste Erbe der menschlichen Familie, das reichste Vermächtnis, eine goldene Hinterlassenschaft. Und es ist ein Schatz, der von einer Generation an dei andere weitergereicht wird. Frühere Zeiten Ältere mögen all die Reichtümer, die wir genießen, nicht gekannt haben. In ihren Häusern gab es keinen elektrischen Strom, und sie zwängten ihre große Kinderschar in kleine Häuser ohne Zentralheizung. Und doch gab es ihren Häusern gab es keine Dunkelheit, und es war dort nicht kalt. Sie waren hell erleuchtet vom Schein der Liebe und mollig beheizt von der Wärme menschlichern Herzen. Eltern, die von Gier nach Reichtum und Status unbeirrt waren, gaben ihren Kindern den Vorrang in ihrem Leben.

Wie Sie alle wissen, haben sich unsere beiden Länder getrennt wegen jener "gewissen unveräußerlichen Rechte", wie Thomas Jefferson sie nannte. Und während Amerikaner und Briten sich noch immer darüber streiten mögen, kam doch niemals zur Sprache, dass auch Kinder bestimmte unveräußerliche Rechte haben. Und die allmähloiche Auflösung dieser Rechte hat dahin geführt, dass heute Kindern massenhaft die Freuden und der Schutz der Kindheit verwehrt bleiben.

Ich möchte heute vorschlagen, dass wir in jedem Haus eine Lister der universellen Kinderrechte aufhängen:

1) Das Recht geliebt zu werden, ohne es sich erwerben zu müssen.

2) Das Recht beschützt zu werden, ohne es verdient zu haben.

3) Das Recht, sich wertvoll zu fühlen, auch wenn man mit nichts auf die Welt gekommen ist.

4) Das Recht, gehört werden, ohne interessant sein zu müssen.

5) Das Recht, eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen zu bekommen, ohne mit den Abendnachrichten konkurrieren zu müssen, oder mit dem Nachtleben.

6) Das Recht einer Erziehung und Unterricht, ohne sich in der Schule vor Schüssen ducken zu müssen.

7) Das Recht, bewundert zu werden — auch wenn man ein Gesicht hat, das nur eine Mutter lieben kann.

445821-medium

Liebe Freunde, die Grundlage allen menschlichen Wissens, der Beginn allen menschlichen Bewusstseins muss sein, dass jeder, jeder einzelne von uns Gegenstand der Liebe ist. Noch ehe man weiß, ob man rotes oder braunes Haar hat, bevor man weiß, ob einer schwarz ist oder weiß, bevor man weiß, was sein Glaube ist, schon vor all dem muss man wissen, dass man geliebt wird.

Vor etwa zwölf Jahren, als ich gerade meine Bad-Tour begann, kam ein kleiner Junge mit seinen Eltern zu mir zu Besuch nach Kalifornien. Er war an an Krebs erkrankt, und er sagte mir, wie sehr er meine Musik und mich liebte. Sein Eltern erzählten mir, dass er nicht mehr viel Zeit hatte und jeden Tag sterben könnte. Da sagte ich zu ihm: „Schau, ich werde in deiner Heimatstadt Kansas meine Tour zu eröffnen – in drei Monaten. Ich will, dass du zu der Show kommst! Ich werden dir diese Jacke von mir schenken, die ich in einem meiner Videos getragen habe.“ Seine Augen leuchteten und er fragte: „Was, du schenkst sie mir?!“ Ich sagte: „Ja, aber du musst mir versprechen, dass du sie während der Show tragen wirst.“ Ich wollte, dass er durchhält. Ich sagte: „Wenn du zu meiner Show kommst, will ich dich in dieser Jacke und mit diesem Handschuh sehen“, und ich gab ihm einen meiner mit Bergkristallen besetzten Handschuhe – die gebe ich sonst niemals weg.

Und er war wie im Himmel. Aber vielleicht war er dem Himmel wirklich schon zu nahe, denn als ich in seine Stadt kam, war er schon gestorben, und sie hatten ihn in der Jacke und dem Handschuh begraben. Er war erst zehn Jahre alt gewesen.

Gott weiß und ich weiß, dass er sein Bestes gab, um durchzuhalten. Aber wenigstens wusste er, als er starb, dass er geliebt war und zwar nicht nur von seinen Eltern, sondern selbst ich, fast ein Fremder – ich liebte ihn. Und mit all dieser Liebe wusste er, dass er nicht alleine in diese Welt gekommen war, und er hat sie gweiß auch nicht allein verlassen.

Wenn man diese Welt betritt in dem Wissen, geliebt zu sein, und sie in diesem Wissen auch wieder verläßt, dann kann man auch mit allem fertigwerden, was dazwischen liegt. Ein Professor mag Sie demütigen, aber Sie werden sich nicht gedemütigt fühlen, Ihr Chef mag Sie fertigmachen, aber es wird ihm nicht gelingen, ein Konzernherr mag Sie überwältigen, und doch werden Sie triumphieren. Wie könnte einer von denen Sie wirklich unterkriegen? Wo Sie doch wissen, dass Sie jemand sind, der es wert ist, geliebt zu werden. Der Rest ist nur Verpackung.

Doch wenn man dieses Wissen, geliebt zu werden, nicht hat, ist man verdammt, in der Welt nach etwas zu suchen, um sich selbst damit aus- und aufzufüllen. Doch es ist egal, wieviel Geld man macht oder wie berühmt man wird, man wird sich stets leer fühlen. Das, wonach man eigentlich sucht, ist diese unbedingte Liebe, ist: akzeptiert werden ohne Voraussetzung. Eben das, was einem bei seiner Geburt vorenthalten wurde.

Lassen Sie mich ein Bild für Sie zeichnen. Es ist ein typischer Tag in Amerika: sechs junge Menschen unter 20 werden Selbstmord begehen, 12 Kinder werden durch Schusswaffen sterben – und bitte denken Sie: das ist ein Tag, kein Jahr!

Dreihundertundneunundneuzig Kinder werden wegen Drogenmissbrauchs verhaftet werden, 1.352 Babys werden von minderjährigen Müttern geboren werden.

Das geschieht in einem der reichsten und weitest entwickelten Ländern in der Geschichte der Welt! Ja, in meinem Land gibt es eine Welle der Gewalt, die in keiner anderen Industrienation ihresgleichen hat. Das ist die Art und Weise, wie junge Menschen in Amerika ihre seelischen Verletzungen und ihre Wut ausdrücken.

Aber glauben Sie nicht, dass es das nicht auch in England gibt. Studien in diesem Land zeigen, dass sich in jeder Stunde drei Teenager im Vereinigten Königreich selbst Schaden zufügen, oft schneiden sie sich oder verbrennen sich oder nehmen Überdosen von Drogen. Das ist der Weg, den sie sich ausgesucht haben, um mit dem Schmerz der Vernachlässigung und der emotionalen Qual zurechtzukommen. In Großbritannien werden 20 % aller Familien nur ein einziges Mal im Jahr gemeinsam zu Abend essen – einmal im Jahr!

Und was ist mit der schönen Tradition, Kindern Gute-Nacht-Geschichten vorzulesen? Untersuchungen aus den 80ern zeigen, dass Kinder, denen vorgelesen wird, eine viel größere Belesenheit hatten und ein ihre Mitschüler deutlich übertrafen.

Und dennoch wird gerade mal 33 % der britischen Kinder im Alter von zwei bis acht Jahren regelmäßig eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen. Das wird Ihnen nicht viel sagen – bis Sie hören, dass noch 75 % ihrer Eltern Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen bekommen haben, als sie in diesem Alter waren!

gutenachtgeschichtenzeit

Da müssen wir uns nicht lange fragen, wo all dieser Schmerz, der Zorn und die Gewalt herkommen. Es erklärt sich von selbst, dass Kinder sich gegen diese Vernachlässigung aufbäumen, dass sie sich gegen diese Gleichgültigkeit auflehnen und dass sie laut aufschreien, um endlich beachtet zu werden. Die verschiedenen Kinderschutzorganisationen in den Staaten sagen, dass im Jahr durchschnittlich Millionen von Kindern Opfer von Vernachlässigung werden.

Ja, Vernachlässigung. In reichen, privilegierten Heimen, die bis unters Dach mit irgendwelchem technischen Krimskrams angefüllt sind; Heimen, in denen die Eltern zwar nach Hause kommen, aber niemals richtig da sind, weil ihre Gedanken noch immer in ihren Büros hängen. Und ihre Kinder? Nun, die behelfen sich mit jedem Krümel Emotion, den sie kriegen. Aber viel kriegen sie bei endlosem Fernsehen, Computerspiel und Videos eben nicht.

Diese harten, kalten Zahlen, die, wie ich finde, einem regelrecht das Herz zerreißen und das Gemüt erschüttern, sollten Ihnen zeigen, warum ich so viel meiner Zeit und Mittel darauf verwendet habe, unsere neue Initiative Heal the Kids zu einem großen Erfolg zu machen. Unser Ziel ist einfach: die Eltern-Kind-Bande wieder neu zu knüpfen, ihre Versprechen zu erneuern und den Weg zu ebnen für all die wunderbaren Kinder, die dazu bestimmt sind, eines Tages die Leitung dieser Erde zu übernehmen.

Aber weil dies meine erste öffentliche Rede ist und Sie mich so warm und herzlich willkommen geheißen haben, denke ich, dass ich Ihnen noch mehr erzählen möchte. Wir haben unsere eigene Geschichte und so können Statistiken persönlich und lebendig werden.

Man sagt, dass Elternschaft so ähnlich ist wie Tanzen. Man macht einen Schritt, das Kind macht einen anderen.

alvarez-pedro-tango-bei-nacht-1030276

Ich habe herausgefunden, dass es nur die halbe Wahrheit ist, die Eltern dazu zu bringen, sich wieder ganz selbst ihren Kindern zu widmen. Die andere Hälfte ist, die Kinder wieder dazu zu bringen, ihre Eltern zu akzeptieren.

Ich erinnere mich, dass wir, als ich noch sehr jung war, diesen verrückten Hund Back Girl hatten, der eine Mischung aus Wolf und Retriever war. Sie war nicht nur ein miserabler Wachhund, sondern auch so ein verschrecktes und nervöses Ding, dass es ein Wunder war, wenn sie nicht schon in Ohnmacht gefallen ist, wenn nur ein Truck vorüber gerumpelt oder ein Gewitter über Indiana niedergegangen ist. Meine Schwester Janet und ich gaben dem Hund so viel Liebe, aber wir konnten das Vertrauen, das ihm von seinem vorigen Besitzer geraubt wurde, nie wiedergewinnen. Wir wussten, dass er sie geschlagen hatte. Wir wussten nicht, womit. Aber was es auch war, es war genug, um aus diesem Hund jeden Lebensgeist auszutreiben.

Heute sind viele Kinder wie verletzte Welpen, die sich sogar das Bedürfnis nach Liebe abgewöhnt haben. Da können sie sich dann auch nicht um ihre Eltern sorgen. Sich selbst überlassen, schätzen sie ihre Unabhängigkeit über alles. Sie sind vorangekommen und lassen ihre Eltern zurück.

Dann gibt es die weit schlimmeren Fälle jener Kindern, die ihren Eltern feindselig und voller Vorwürfe gegenüberstehen und jeden Versöhnungsversuch harsch zurückweisen. Heute Abend möchte ich, dass keiner von uns diesen Fehler macht. Und deswegen appelliere ich an alle Kinder der Welt – beginnend mit uns, die wir heute hier sind -, unseren Eltern zu vergeben, wenn wir uns vernachlässigt fühlten. Vergebt ihnen und lehrt sie, wieder lieben zu können.

Es wird Ihnen kaum neu sein, dass ich keine idyllische Kindheit hatte. Der Druck und die Spannung, die auf meinem Verhältnis zu meinem eigenen Vater lasteten, sind viel beschrieben worden. Mein Vater ist ein strenger Mann, der mich und meine Brüder stets hart angepackt hat — schon vom frühsten Alter an —, um aus uns die besten Künstler zu machen, die wir werden konnten. Es fiel ihm schwer, Gefühle zu zeigen. Er hat mir nie gesagt, dass er mich liebt. Und er hat mich auch nie gelobt. Wenn ich eine sehr gute Show geliefert hatte, sagte er, dass es eine gute Show war, und wenn die Show okay war, sagte er: eine lausige Show, oder… nichts.

Mehr als alles andere schien ihn zu interessieren zu sein, uns zu einem Geschäftserfolg zu machen. Und darin war er mehr als ein Experte. Mein Vater war ein Manager-Genie, und meine Brüder und ich schulden unseren professionellen Erfolg nicht in geringem Maße dem steinigen Weg, auf den er uns schickte. Er trainierte mich zu einem Showman, und unter seiner Führung konnte ich keinen Schritt falsch machen.

Doch was ich wirklich wollte, war ein Dad. Ich wollte einen Vater, der mir seine Liebe zeigte. Und mein Vater konnte das nie. Er sagte mir nie ins Gesicht, dass er mich liebt, während er mir in die Augen sah, er hat nie mit mir gespielt. Nie nahm er mich huckepack, er warf nie Kissen oder einen Wasserballon nach mir.

Aber ich erinnere mich – ich war gerade etwa vier Jahre alt, da war diese kleine Kirmes bei uns, und er hob mich hoch und setzte mich auf ein Pony. Es war nur eine ganz kleine Geste, wahrscheinlich hat er es fünf Minuten danach schon wieder vergessen. Aber wegen dieses Moments habe ich diesen besonderen Platz für ihn im Herzen. So sind Kinder, die kleinen Dinge bedeuten ihnen so viel, und für mich bedeutete dieser Moment alles. Ich habe das nur ein einziges Mal erlebt, aber da fühlte ich mich wohl – bei ihm und auf der Welt.

Und nun bin ich selber Vater, und einmal habe ich mir überlegt, was wohl meine eigenen Kinder, Prince und Paris, eines Tages über mich denken werden. Natürlich sollen sie sich daran erinnern, dass ich sie immer bei mir haben wollte, wo auch immer ich hinging, und dass sie für mich immer an erster Stelle standen. Aber es gibt auch Herausforderungen in ihrem Leben. Sie werden dauernd von Paparazzi verfolgt und können nie mit mir mal in den Park oder ins Kino gehen. Was, wenn sie mir vorwerfen, wenn sie älter sind, dass ihre Jugend so sehr im Schatten meiner eigenen Lebensentscheidungen stand? Warum hatten wir keine normale Kindheit wie die andern, mögen sie fragen.

Blanket l., MJ r.

Und in diesem Moment bete ich, dass auch meine Kinder mich im Zweifelsfall freisprechen. Dass sie sich sagen werden: „Unser Daddy hat unter den einzigartigen Umständen, in denen er lebte, das Beste gegeben, was er konnte. Vielleicht war er nicht perfekt, aber er war ein warmherziger und anständiger Mann, der versucht hat, uns alle Liebe der Welt zu geben.“

Ich hoffe, sie werden sich immer die positiven Dinge voranstellen, auf die Opfer, die ich ihnen bereitwillig gebracht habe, und nicht kritisieren, dass sie vieles entbehren mussten, oder die Fehler, die ich gemacht habe und sicherlich noch machen werde, während ich sie großziehe. Denn wir waren alle jemandes Kind und wissen, dass bei den besten Absichten und Anstrengungen immer Fehler vorkommen. So sind wir Menschen.

Und wenn ich daran denke, wie viel mir daran liegt, dass meine Kinder nicht unfreundlich über mich urteilen und mir meine Unvollkommenheiten nachsehen, muss ich an meinen eigenen Vater denken. Und obwohl so sehr ich es früher leugnete, muss ich jetzt doch zugeben, dass er mich wohl geliebt haben muss. Er liebte mich, und ich weiß das. Kleine Dinge zeigen es mir. Als ich Kind war, war ich ein wirkliches Schleckermaul – das waren wir alle. Am liebsten mochte ich glasierte Donuts, und das wusste mein Vater. Also alle paar Wochen stand, wenn ich morgens runter in die Küche kam, lag auf dem Küchenschrank eine Tüte mit glasierten Donuts – kein Zettel, keine Erklärung, nur die Donuts. Es war, als wäre der Weihnachtsmann dagewesen. Manchmal dachte ich daran, bis spät in die Nacht aufzubleiben, um ihn dabei zu ertappen, wie er sie dort hinlegte. Aber wie beim Weihnachtsmann wollte ich nicht den Zauber zerstören — aus Angst, dass er es nie wieder tut. Mein Vater musste sie heimlich nachts dort hinlegen, damit ihn niemand dabei sah. Er hatte Angst vor menschlichen Gefühlen, er verstand sie nicht oder wusste nicht, was er damit machen sollte. Aber er wusste, was Donuts sind.

Und wenn ich die Schleusen öffne, dann kommen mir auch noch andere Erinnerungen, kleine Gesten, die mir, wenn auch noch so unvollkommen, doch zeigten, dass er tat, was er konnte. Also will ich mich heute Abend nicht daran erinnern, was mein Vater nicht getan hat, sondern eher an das, was er getan hat und welchen Herausforderungen er sich stellen musste.

Ich will aufhören, ihn zu verurteilen. Ich habe begonnen, daran zu denken, dass mein Vater in den amerikanischen Südstaaten aufgewachsen ist, in einer sehr armen Familie. Er wuchs heran während der Großen Depression, und sein eigener Vater, der auch kämpfen musste, um seine Kinder zu ernähren, zeigte seiner Familie kaum Liebe und erzog meinen Vater und seine Geschwister mit eiserner Faust. Wer kann sich noch vorstellen, wie es war, als armer Schwarzer im Süden heranzuwachsen, aller Würde beraubt, von aller Hoffnung abgeschnitten und darum kämpfend, in einer Welt zu einem Mann zu werden, in der mein Vater als ein Zweitklassiger galt.

Ich war der erste schwarze Künstler, der auf MTV gespielt wurde, und ich erinnere mich, was für eine große Sache das damals noch war. Und das waren schon die achtziger Jahre!

Mein Vater zog dann nach Indiana und hatte selbst eine große Familie. Er arbeitete viele Stunden täglich im Stahlwerk, eine Arbeit, die die Lungen kaputt macht und den Geist bedrückt – und alles, um seine Familie über die Runden zu bringen. Ist etwas Befremdliches daran, dass es ihm schwerfiel, seine Gefühle zu preiszugeben? Ist es ein Wunder, dass er sein Herz verhärtet und sich hinter einem emotionalen Wall verschanzt hat? Und vor allem, ist es ein Wunder, dass er seine Söhne so hart angetrieben hat, als Künstler erfolgreich zu werden, damit ihnen ein Leben in Würdelosigkeit und Armut erspart blieb, wie er es gekannt hatte?

U. S. Steel Corp., Gary, Indiana

Ich habe zu verstehen begonnen, dass sogar meines Vaters Härte eine Art Liebe war, eine nicht perfekte Liebe, sicherlich, aber doch Liebe. Er hat mich so hart angepackt, weil er mich liebte. Weil er nicht wollte, dass je ein Mensch auf seine Nachfahren herabsah. Und jetzt, mit der Zeit, fühle ich mich eher gesegnet als verbittert. An die Stelle von Zorn ist Ablass getreten. Und an die Stelle von Vergeltung habe ich Versöhnung gesetzt. Und meine ursprüngliche Wut hat schließlich der Vergebung Platz gemacht.

Vor fast zehn Jahren habe ich die Wohltätigkeitsorganisation Heal the World gegründet. Dieser Name war etwas, das ich einfach in mir gefühlt habe. Ich habe nicht geahnt, was mir Shmuley später erzählt hat, dass diese Worte aus den Prophezeiungen des Alten Testamentes stammen. Glaube ich denn wirklich, dass wir eine Welt heilen können, die von Krieg und Völkermord geschüttelt wird, noch heute? Und denke ich wirklich, dass wir unsere Kinder heilen können, dieselben Kinder, die voller Hass und mit der Waffe in der Hand in ihre Schulen eindringen können und ihre Klassenkameraden niederschießen, wie in Columbine? Oder dieselben Kinder, die ein wehrloses Kleinkind erschlagen können wie in dem tragischen Fall von Jamie Bulger?

Sicher glaube ich das, sonst wäre ich heute nicht hier. Aber das alles beginnt mit der Vergebung, denn um die Welt zu heilen, müssen wir zuerst uns selber heilen. Und um unsere Kinder zu heilen, müssen wir zuerst das Kind heilen, das in einem Jedem von uns steckt, in jedem einzelnen. Als Erwachsener und als Vater stelle ich fest, dass ich weder ganzer Mensch sein kann, noch ein Vater, der zu bedingungsloser Liebe fähg ist, ehe ich nicht die Gespenster meiner eigenen Kindheit zur Ruhe gebracht habe.

Und das ist es, um was ich Sie alle heute bitte. Erfüllen Sie das fünfte der zehn Gebote. Ehrt Eure Eltern, indem Sie sie nicht verurteilt. Gewährt ihnen im Zweifelsfall Feispruch.

Deswegen möchte ich auch meinem Vater verzeihen und aufhören, ihn zu verurteilen. Ich will meinem Vater vergeben, weil ich einen Vater haben will – und ich habe nur diesen. Ich will die Last meines vergangen Lebens von meinen Schultern schütteln, ich will frei sein, in ein neues Verhältnis zu meinem Vater zu treten, für den Rest meines Lebens, unbeirrt von den Dämonen der Vergangenheit.

In einer Welt, die mit Hass angefüllt ist, müssen wir uns trauen, weiter zu hoffen. In einer Welt voller Wut müssen wir uns trauen, weiter zu trösten. In einer Welt voller Verzweiflung müssen wir uns trauen, weiter zu träumen. Und in einer Welt voller Misstrauen müssen wir uns weiterhin trauen zu glauben. An all diejenigen von Ihnen, die sich von Ihren Eltern im Stich gelassen fühlen – ich bitte Sie, lasst Eure Enttäuschung fallen. An all diejenigen von Ihnen, die sich von Vater oder Mutter hintergangen fühlen – ich bitte Sie, sich nicht länger selbst zu hintergehen. Und an all diejenigen von Ihnen, die gern ihre Eltern hinter sich lassen würden – ich bitte Sie, ihnen stattdessen die Hand zu reichen. Ich bitte Sie und ich bitte mich selbst, auch unseren Eltern das Geschenk der unbedingten Liebe entgegenzubringen, damit sie von uns, ihren Kindern, lernen mögen, wie man wirklich liebt.

So wird in diese trostlose und verlassene Welt die Liebe zurückkehren. Shmuley erzählte mir einst von einer alten biblischen Prophezeiung, wonach eine neue Welt und eine neue Zeit anbricht, wenn „die Herzen der Eltern in den Herzen ihrer Kinder wiedergeboren werden“. Meine Freunde, wir sind diese Welt, wir sind diese Kinder.

0,1020,1037775,00

Mahatma Gandhi sagte: „Die Schwachen können niemals vergeben. Vergebung ist ein Vorrecht der Starken.“ Seien Sie stark – hier und heute. Und darüber hinaus, dass Sie stark sind, nehmen Sie diese, die allergrößte Herausforderung an: den gebrochenen Pakt zu erneuern. Wir alle müssen über die Verkrüppelungen unserer Kindheiten hinwegkommen und, in Jesse Jacksons Worten, einander vergeben, uns versöhnen und vorwärts schreiten.

Dieser Appell wird kaum dazu führen, dass rund um die Welt tausende von Kindern sich in Talkshows mit ihren Eltern aussöhnen, aber er kann immerhin ein Anfang sein, und er wird uns alle um so vieles fröhlicher stimmen. Und so, meine Damen und Herren, schließe ich meine Ausführungen heute Abend in Zutrauen, Freude und Erregung. Von diesem Tag an soll ein neues Lied ertklinge. Lasst dieses neue Lied den Klang des Lachens von Kindern sein. Lasst dieses neue Lied die Klänge vom Spiel der Kinder sein. Lasst dieses neue Lied den Klang von singenden Kindern sein. Und lasst dieses neue Lied den Klang von lauschenden Eltern sein.

Lasst uns zusammen eine Symphonie der Herzen schaffen, staunend über das Wunder unserer Kinder und badend in der Schönheit der Liebe. Lasst uns die Welt heilen und ihren Schmerz zunichte machen. Mögen wir alle gemeinsam eine wunderbare Musik machen. Gott segne Sie, und ich liebe euch.

Oxford university; from inside the Bodleian Library

*) Rabbi Shmuel Bordeach

**) Der amerikanische Kinderbuchautor Thoedor Geisel schrieb unter dem Pseudonym Dr. Seuss. Er hatte in Oxford Literatur studiert.

______________________________________________

Übersetzung: mjfriendship.de [leicht überarbeitet]

Quelle:

http://www.youtube.com/watch?v=lFDkyglJYk4&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=T1ja98RyAl0&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=hCGiynoDDSY&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=rxpeRbojrYQ&feature=related

~ von Panther Ray - Juli 14, 2009.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: