Kinder, hört Michael Jackson!

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aus: Die Welt, 7. 7. 2009

von Uwe Wittstock, Kulturkorrespondent 07.07.2009 – 16.12 Uhr

Warum nicht alles stimmt, was in der Zeitung steht und die Musik Michael Jacksons nichts im Mülleimer verloren hat.

Eben räume ich den Frühstückstisch ab, will die Brötchentüte wegschmeißen, da finde ich meine Michael Jackson-CDs im Abfall. Die Plastikhüllen im Verpackungsmüll, die Booklets im Papiermüll, die CDs im Restmüll. Saubere Arbeit. „Seit ihr wahnsinnig?“, schreie ich vorsichtshalber gleich alle drei Söhne an. „Was hat euch Michael Jackson getan? Der ist tot. Der kann sich nicht wehren.“ „Michael Jackson war echt krank“, sagt Lennart, „da darf man nicht bei zuschauen. Steht in der Zeitung.“ Lennart ist zwölf, liest aber schon Zeitung, was ich fördere. Wäre doch schön, wenn sich in der Online-Zukunft noch ein paar Leute daran erinnerten, dass es mal so etwas wie Papier gab.

„Hier“, Lennart fischt eine der Zeitungen für Deutschland aus meinem Stapel und liest vor: „Die unseligen, krankhaften Selbstmodellierungen Jacksons waren nie Akte der Befreiung, sondern der Selbstzerstörung – warum sollte man dabei zuschauen wollen?“ Triumphierend blickt Lennart auf: „Von Johannes Brahms persönlich. Der Mann versteht was von Musik.“ Nicolas und Marten nicken stumm.

Kunst ist oft Selbstzerstörung. „Mein Gott“, sage ich und klaube die CDs aus der Tonne, „der Kerl heißt nur Brahms, der ist nicht Brahms. Hat der sich je Pavarotti angekuckt? Was Pavarotti machte, war auch Selbstzerstörung. Aber alle wollten ihn hören. Kunst ist oft Selbstzerstörung. Will Herr Brahms die Bilder van Goghs aus den Museen schmeißen? Sich Ohren abzuschneiden ist ja wohl auch unselige Selbstmodellierung.“ „Aber es steht doch in der Zeitung“, sagt Lennart und macht seine runden Kinderaugen. Ich presse die Lippen zu, denn dahinter, gleich vorn auf der Zunge, liegt der saublöde Satz: Glaub nicht alles, was in der Zeitung steht.

„Ich bin halt anderer Meinung als dieser Herr Brahms“, sage ich. „Gibt viele Leute wie ihn, die nur gesunde Kunst mögen. Joseph Goebbels zum Beispiel.“ „Wer ist denn jetzt Goebbels?“, fragt Lennart. „Von dem stand nix in der Zeitung.“ Allmählich wächst mir das Thema über den Kopf. „Wart nur“ sage ich, „Goebbels kriegst Du noch im Geschichtsunterricht.“ Nicolas und Marten nicken stumm. Ich sammle die Booklets aus der Tonne, komplett ruiniert, voller Fettflecke. „Wisst ihr was“, sage ich zu den Dreien, „tut nicht das, was in der Zeitung steht, tut das, was euch euer Vater sagt. Und hört dabei Michael Jackson. Große Musik.“

Die Drei schauen mich lange an, dann schnappen Sie sich ihre Rucksäcke und machen sich auf den Weg zur Schule. An der Tür dreht sich Lennart noch mal um, holt sich eine Zeitung, klemmt sie sich untern Arm und geht.

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Dem ist nur noch hinzu zu fügen: Hören reicht nicht, Kinder: Sehen müsst Ihr ihn auch!

~ von Panther Ray - Juli 10, 2009.

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