Aus gegebenem Anlass: Über ADHS

hyperaktiv

Entwarnung für den Zappelphilipp!

ADHS, AufmerksamkeitsDefizitHyperaktivitätsSyndrom, – eine Diagnose, die Eltern in Schrecken versetzt und Kindern vielen Unbill eingetragen hat. Doch jetzt kommt aus Amerika beruhigende Kunde…

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Immer gab es Kinder, die an ihrer Umwelt lebhafter Anteil nahmen als andere. Doch je gründlicher diese ihre Umwelt durchorganisiert ist, um so mehr stören sie. Mit andern Worten, Zappelphilipp hat es immer gegeben, aber er fällt in neuerer Zeit mehr auf. Man kann auch sagen, er ist jetzt öfter „auffällig“. Dann sieht es so aus, als läge die Ursache ganz bei ihm und nicht auch bei den immer engeren Maschen der Netze, die uns umfangen halten. Es gibt Berufsgruppen, die haben einen Vorteil von solch einer Sichtweise.
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Auch Eltern haben an Unruhestiftern stets Anstoß genommen, denn daheim war es immer eng. Ruhigstellen! Früher durch Anbinden, neuerdings durch Pillen. Ritalin heißt die beliebteste Kinderdroge, in deutschen Familien fast so verbreitet wie Fruchtzwerge. Es ist auch nicht zu übersehen, dass manche dieser Kinder auch ohne einengende Umgebung ewig aufgekratzt sein würden, keine Ruhe geben und nichts behalten könnten, was ihnen gesagt wird; in einem Maß, dass man sich fragen muss, ob sie wohl „noch normal“ sind!
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Aber wer zieht wo die Grenze?
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Als dann die psychiatrische Wissenschaft daran ging, das ‚Syndrom‘ in seinen einzelnen Merkmalen exakt zu beschreiben, keimte Hoffnung, nun würde den freihändigen Etikettierungen, dem Wildwuchs der „Therapien“ und der zügellosen Medikation ein Ende gesetzt. Die Diagnosen würden fortan sicherer, Chemie bekäme nur noch der, der sie wirklich braucht! Die Marke ADHS sollte Ruhe ins pädagogische Feld bringen.
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Aber das hat natürlich nicht geklappt. Es gibt, wie gesagt, Berufsgruppen, die davon keinen Vorteil hätten. Und es gibt tatsächlich auch Eltern, die lediglich ihre Ruhe haben wollen. Und so half es nichts, dass die „Merkmale“ nun exakter definiert waren. Wenn man sie auf den ersten Blick nicht sieht, muss man eben lange genug gucken – dann findet man schon, was man sucht. Es ist nämlich so, dass auch das wahnsinnigste Verhalten immer nur eine Extremvariante einer normalen menschlichen Verhaltensmöglichkeit ist. Sie ist eben nur „zu stark“. Aber „zu“ ist nunmal relativ, da hilft auch die präziseste Diagnosetechnik nichts. Es kommt auf die jeweiligen Bedingungen an, die in der theoretischen Formel nicht erfassbar sind.


L'enfant sauvage - Jean-Pierre Cargol .
Die Marke ADHS hat das pädagogische Feld nicht beruhigt, ganz im Gegenteil. Konnte man früher bei gutem Willen die Zappelei als bloße Kinderunart ansehen, die sich schon noch auswachsen würde, so war sie nun mit wissenschaftlicher Autorität zu einem Fall für die Psychiatrie bestimmt. Da konnte guter Wille auch nicht mehr helfen.
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Und auch die Unsicherheit hat nicht ab-, sondern zugenommen. Denn wenn es sich schon um eine krankhafte „Störung“ handelt – ist sie dann psychisch bedingt, oder ist es ein Hirnschaden? Ist sie psychisch verursacht, dann müssen Eltern sich fragen: Was haben wir falsch gemacht? Einem Hirnschaden erspart das schlechte Gewissen, aber nicht die bange Frage: Ist er überhaupt therapierbar?
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Das alles ist schlimm genug für die betroffenen Eltern und erst recht für die noch betroffeneren Kinder. Aber es ist noch schlimmer für die Allgemeinheit. Denn es verstärkt die ohnehin unterschwellig schon viel zu weit verbreitete Auffassung, Kindsein sei selber eine Art Schadensfall, der „behandelt“ und weggemacht gehört. Denn es gibt, wie gesagt, Berufsgruppen, die einen Vorteil davon haben!
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Und nun kommt aus Amerika Entwarnung. Die
New York Times* berichtet über eine Studie, die dieser Tage das US National Institute of Mental Health gemeinsam mit der McGill University in Montreal vorgelegt hat und deren Ergebnis eindeutig ist: Bei der Merkmalsgruppe, die als ADHS beschrieben wird und bei 3 bis 5 % der Kinder im schulpflichtigen Alter vorgefunden wird, handelt es sich nicht um eine (krankhafte) „Störung“, sondern lediglich um eine (zeitliche) Entwicklungsverzögerung.

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In dieser Studie wurde die Gehirne von 226 Kinder von 6 bis 16 Jahren, denen ADHS diagnostiziert worden war, mit ‚bildgebenden‘ Verfahren untersucht, und mit den Befunden eine gleichgroßen, gleichaltrigen, ’normalen‘ Kontrollgruppe verglichen. Entgegen einem lange verbreiteten Irrtum kommt das Gehirn nicht fix und fertig zur Welt. Es bildet während der Kindheit immer neue Zellen namentlich im Neocortex, der gewundenen grauen Hirnrinde, in der unsere bewussten Vermögen angesiedelt sind. Der Neocortex wird dicker. Ab einem bestimmten Zeitpunkt beginnt es aber, einen Teil des Neocortex wieder abzubauen: Er verdünnt sich, um während der Pubertät seine endgültige Dicke zu erreichen.
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Während bei der ’normalen‘ Kontrollgruppe die Hirnrinde im Alter von siebeneinhalb Jahren ihre größte Dicke erreicht hatte und nun mit dem Abbau überflüssig gewordener Zellen begann, lag der Scheitelpunkt bei den ADHS-Kindern erheblich später, nämlich bei zehneinhalb Jahren. Und, wer hätte das gedacht, am auffälligsten war der Unterschied in jenen Stirnregionen, die für die Aufmerksamkeit und für die Kontrolle der Motorik zuständig sind!
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Jedoch abgesehen von der zeitlichen Verzögerung verlief der Entwicklungsprozess des Gehirns in beiden Gruppen funktional und morphologisch vollkommen gleich. Also ist ADHS keine Störung, keine Krankheit, keine Anomalie, sondern lediglich eine Normvariante, die sich ganz von allein auswächst.

L'enfant sauvage - Jean Pierr2 Cargol bis

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Wahr ist freilich auch, dass 80% der ADHS-Patienten mit aufmerksamkeitsstimulierenden Medikamenten behandelt worden war. Das mag geholfen haben, einen schulischen Rückstand zu vermeiden. Es war für den Verlauf der Hirnentwicklung aber ohne jeden Belang! Von ruhigstellenden Mitteln ist in der Studie nicht die Rede. Aber man wird wohl sagen dürfen: Sie mögen den Kindern und ihren Mitmenschen das Zusammenleben erleichtern, wovon beide Seiten etwas haben. Aber ein „Heilmittel“ sind sie nicht!
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Und dies hat die Studie – die anscheinend in Deutschland noch nicht zur Kenntnis genommen wurden (?!) – ein für alle Mal gezeigt: Da gibt es nichts zu heilen, weil nichts Krankes da ist.


anc00151007 .
* Ausgabe vom 13. 11. 2007 [obiger Text ist, wie Sie sehen, lieber Leser, schon etwas älter.]

~ von Panther Ray - April 15, 2009.

4 Antworten to “Aus gegebenem Anlass: Über ADHS”

  1. „Ritalin heißt die beliebteste Kinderdroge, in deutschen Familien fast so verbreitet wie Fruchtzwerge.“

    Gaanz schlechte Polemik. Falschaussagen, Ideologien, Halbwahrheiten.
    Der Artikel ist keinen Pfifferling wert😉

  2. Ergänzung:

    Ob ADHS tatsächlich als „Krankheit“ betrachtet werden kann ist tatsächlich Gegenstand von Diskussionen, auch unter Betroffenen. Allerdings aus völlig anderen Gründen.

  3. KeinenPfifferling wert, was? Na, dann würde ich ihn an deiner Stelle aber nicht mit meinem Kommentar aufwerten – es sei denn, ich hielte den seinerseits für… keinen Pfifferling wert. (Ich jedenfalls tue das.)

  4. Bei dem Thema geht es unter Laien eigentlich immer um Weltbilder, eine Studie „entkräftet“ dies, eine andere „verdichtet“ das, etc etc. Letztendlich geht es dabei immer um „moralisch“ und „unmoralisch“.

    Zugegeben, große Bedenken habe ich, wenn Ritalin an kleine Kinder, die gerade mal eingeschult wurden, gegeben wird; ab so 10-11, falls sich bei sachgerechter Handhabung dadurch merkliche Erfolge einstellen, warum nicht? Besser ist natürlich ohne, deswegen werden auch Verhaltenstherapien verschrieben.

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