„Wir müssen die Jungs wieder lieben lernen“

madboyv2

Von Michael Hanfeld

08. April 2009 Zwei Jahre alt ist das Lied, mit dem sich Jungs schon immer hätten identifizieren können. Es stammt von den Ärzten und heißt ganz einfach „Junge“. Und schon in der ersten Zeile kommt es auf den Punkt: „Junge, warum hast du nichts gelernt?“ Ja, warum nur? Weil Jungs eben Jungs sind, wie sie es schon immer waren, es aber heute nicht mehr sein können. Wie Aliens werden sie behandelt, ihr Verhalten wird als pathologisch betrachtet, die Freiräume, die ihre Väter noch hatten, um sich auszutoben, gibt es nicht mehr. Und also werden sie als medizini- sche Fälle registriert, wer früher ein Zappelphilipp war, hat heute ein Aufmerksamkeitsdefizit und wird mit Medikamenten ruhiggestellt. Jungen werden ausgegrenzt, zu Versagern gestempelt und versagen tatsächlich, weil Eltern, Lehrer und Gesellschaft mit ihnen nichts anfangen können. Die „Jungenkatastrophe“ ist da, die wissenschaftlichen Befunde über den Erfolg der Mädchen und den Misserfolg der Jungen liegen auf dem Tisch. Und ein paar Schlüsse daraus lägen auf der Hand, man müsste sie nur ziehen.

Der Film „Jungs auf der Kippe“, den das SWR Fernsehen heute Abend zeigt, liefert dafür eine Handreichung. In ihm stellt der Autor Harold Woetzel vier Jungs vor, die als typische Härtefälle erscheinen: Der fünfzehnjährige Michael aus Mannheim bekam schon als Grundschüler das Psychomittel Ritalin verabreicht; Marcel aus Freudenstadt brüstet sich mit seinen vierzehn Jahren damit, locker eine halbe Flasche „Danni“ wegzupicheln, „Danni“ steht für Jack Daniels, und wenn er den intus hat, wird Marcel gefährlich. Der dreizehnjährige Samir lebt allein mit seiner Mutter und ist zerrissen zwischen seiner jugoslawischen Herkunft und seiner neuen Heimat; den vierzehnjährigen Maxi wollen die Lehrer ob seiner Renitenz einfach nur noch loswerden und an die Sonderschule abgeben. Nur ein Lehrer bewahrt ihn noch davor, ein handfester Erzieher, der seine Schüler auch körperlich fordert und zum Marathonlauf animiert. Maxi sei „wie ein Sechser im Lotto“, sagt der Lehrer, nur müsse jemand bereit sein, den Gewinn auch abzuholen.

61aus FAZ.net; Website der Frankfurter Allgemeinen; 9. 4. 2009

~ von Panther Ray - April 9, 2009.

4 Antworten to “„Wir müssen die Jungs wieder lieben lernen“”

  1. Zitat: „Und also werden sie als medizinische Fälle registriert, wer früher ein Zappelphilipp war, hat heute ein Aufmerksamkeitsdefizit und wird mit Medikamenten ruhiggestellt.“

    Erstens hat ADHS (darum solls hier wohl gehen) weniger etwas mit Erziehung, mangelnder Liebe oder sonstwas in der Art zu tun und zweitens wird mit Ritalin (das soll hier wohl gemeint sein) nicht „ruhiggestellt“.
    Das nur mal als Anmerkung, ungeachtet des ansonsten möglicherweise lesenswerten Artikels. Ich frage mich, warum Vorurteile über ADHS (sowie deren Betroffene und Eltern)in solchen Artikeln immer wieder kolportiert werden müssen.
    Man sehe, höre und lerne:
    http://adhsinfo.wordpress.com/2009/04/15/adhs-vortrag-von-russell-a-barkley/

    Grüße,
    Achter

    • Sooo falsch ist das Zitat gar nicht. Denn bei der übergroßen Mehrheit der ‚Behandelten‘ handelt es sich um „unechte“ ADHS-Fälle; nämlich wirklich bloße Zappelphilippe.

      Und Ritalin ist zwar tatsächlich kein Beruhigungsmittel, sondern, als Konzentrationshilfe, eher ein Stimulans. Es macht wohl auch wirklich nicht physisch abhängig. Eine Dauerbehandlung ist aber trotzdem nicht ungefährlich, da sie sehr wohl einen ‚abhängigen‘ Lebensstil begründen kann – mit dem Ergebnis, dass die so ‚Behandelten‘ schließlich auch als Erwachsene keinen Prüfungs- oder sonstwie anspruchsvollen Raum mehr betreten können ohne ihre ‚Dosis’…

      Siehe ansonsten den heutigen Eintrag in diesem Blog!

  2. „Denn bei der übergroßen Mehrheit der ‘Behandelten’ handelt es sich um “unechte” ADHS-Fälle; nämlich wirklich bloße Zappelphilippe.“

    Gewagte Behauptung ohne jede Grundlage.

    „mit dem Ergebnis, dass die so ‘Behandelten’ schließlich auch als Erwachsene keinen Prüfungs- oder sonstwie anspruchsvollen Raum mehr betreten können ohne ihre ‘Dosis’…“

    dito.

  3. Die ‚Grundlage‘ ist meine dreißigjähre Tätigkeit in der sog. psychosozialen Betreuung. Ich habe im Leben einiges gewagt, das stimmt, aber nicht bei diesem Beitrag.

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