Jean Paul über Joh. Fr. Herbart

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In der »allgemeinen Pädagogik« von Herbart kann die schöne, mit Lichtern und Reizen bestechende Sprache gleichwohl nicht den Wunsch abwenden, daß er das Titel-Vorrecht »allgemeine« nicht möchte so allgemein genutzt haben und durchgeführt, so daß der Leser die zu weiten Formen mit ergänzendem Inhalt füllen muß.

An einem Philosophen findet man freilich, wenn er Erziehlehrer ist, oft genug nur den Polarstern, welcher zwar zu einer langen Reise um die Welt, aber zu keiner kurzen in der Welt gut anweiset; wie denn überhaupt Philosophen den jüdischen Propheten (oder auch den Wetterpropheten) gleichen, welche leichter ein Jahrhundert als ihren nächsten Todes-Tag wahrsagen, so wie – wenn ich mir ein zu starkes Gleichnis erlaube – in der Geschichte sich auch die Vorsehung nicht an Jahren, sondern an Jahrhunderten entschleiert, und an diesen kaum, da das enthüllende Jahrhundert wieder der Schleier des nächsten wird.

griechischer Krater; ca. 600 v. Chr.

Wo aber Herbart die Muskel- und Bogen-Sehne des Charakters stärken und spannen will: da tritt er kräftig in das Besondere und Bestimmte hinein – und mit schönem Rechte, da sein Wort- und sein Gedankengang ihm selber einen zusprechen. Gewiß bleibt für die Erziehung der Charakter das wahre Elementarfeuer; hab’ ihn nur der Erzieher, so wird dasselbe, wenn nicht anzünden, doch wärmen und Kräfte treiben.

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aus: Jean Paul (Friedrich Richter), Levana oder Erziehlehre; Vorrede zur zweiten Auflage 1811

~ von Panther Ray - April 1, 2009.

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