An Kindes Statt…

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Wenn ein Kind Vater und Mutter verloren hat, leuchtet es jedermann ein, dass man ihm sein Andenken an die Eltern erhalten und pflegen muss – egal, was für krumme Hunde die zu Lebzeiten gewesen sein mögen: ist doch dieses Andenken das Eigenste, was das Kind hat und das ihm verblieben ist.

Aber komisch. Erst müssen die Eltern gestorben sein. Denn solange sie leben, ist derlei Taktgefühl gar nicht selbstverständlich. Sind die lebenden Eltern Versager, so glaubt man dem Kind einen Gefallen zu tun, wenn man sie vergessen macht; wenn man ihm sagt: Denk nicht mehr daran, hier hast du neue Eltern, die sind viel besser für dich!

Das kann nicht gut gehen.

Sicher kann man mit Freundlichkeit und Güte ein Kind dazu bringen, einige Jahre lang gute Miene zu diesem Spiel zu machen. Aber früher oder später wird es sich dafür rächen, dass man es um einen Teil seiner Lebensgeschichte, ja um den Kern seiner personalen Identität betrügen wollte – so als dürfte man ihm selbst das Intimste noch fort nehmen, weil es ja „noch ein Kind“ ist. (Und im Interesse des Kindes muss man sogar wünschen, dass es sich eher früher dafür zu rächen beginnt, als später.)

Es ist bestimmt kein Zufall, dass in unseren Kinderheimen der Anteil adopierter Kinder so unvergleichlich viel höher liegt als in der Gesamtbevölkerung!

Denn nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Ersatz-Eltern ist das Mutter-und-Vater-Spielen eine Zumutung, der sie nicht gewachsen sein können.

Wie jedermann weiß, sind Kinder nicht zu allen Zeiten reizend. Sie geben auch immer wieder mal Anlas, sich von Herzen über sie zu ärgern; sie sind nämlich auch nicht besser als die Erwachsenen. Wo wäre die Mutter, wo der Vater, dem es bei solchen Gelegenheiten nicht schon einmal heiß durch den Kopf geschossen ist: „Wieso musste gerade ich so ein missratenes Kind bekommen?“ Oder gar: „Wie gut haben es doch Leute, die ohne Kinder sind!“

Teufel, gotisch

Natürlich schämen sie sich schon Sekunden später so liebloser und undankbarer Einfälle: „Was einem doch im Zorn für irres Zeug in den Kopf kommt!“ Und vielleicht ist ihnen in der Wut sogar ein ungedachtes Wort entfahren. Aber dann sagen sie sich, wenn sie durch Ratgeberlektüre nicht zu verwirrt sind: Besser, die Seele macht sich mal Luft, als dass die Kinder dauernd in einer Hochdruckkabine schwitzen. Und mit Recht vertrauen die Eltern darauf, dass ihre Kinder, wenn auch gekränkt, doch im Grunde wissen, dass es „nicht so gemeint“ war.

Wie anders die ‚künstlichen‘ Eltern! Gedanken solcher Art dürfen sie vor sich selber gar nicht erst zulassen. Denn ist der Satz „wieso musste grade ich…?“ erst einmal gedacht, dann folgt die Assoziation zurückgeben-umtauschen-abschaffen so sicher wie das Amen in der Kirche. Und wenn sie gleich darauf vor Scham rot glühen und ihnen der Schweiß auf die Stirne tritt, dann… macht das die Sache noch schlimmer. Sie können sich nicht so leicht beruhigen: Ach, das musste mal raus, und: mein Kind wir es schon nicht so schwer nehmen, es weiß ja, dass wir es lieben…

Das ‚angenommene‘ Kind kann ganz und gar nicht sicher sein, dass es – irgendwie – geliebt wird. Es wird nie genau erfahren, aus welchem Grund seine Ersatzeltern es eigentlich „haben wollten“. Es ist von Anfang an auf der Hut: Was wollen die eigentlich von mir? Wie weit tragen ihre Versicherungen? Und natürlich wird es immer wieder die Tragfähigkeit der Eisdecke ausprobieren.


Da kommt ein Spirale in Bewegung, selbst wo man es kaum wahr nimmt. Je energischer das Ersatzkind die Ersatzeltern auf die Probe stellt, umso stärker strapaziert es ihre Nerven. Umso öfter meldet sich der Verdacht, dass es ein Fehler war, dass man „ausgerechnet dieses Kind…“!

Und ist die Idee einmal da, sitzt sie wie ein Stachel im Fleisch. Man muss sie mit großem Aufwand niederkämpfen, indem man sich einredet, dass man sie… nie gehabt hat.

Der Gestus ‚Ab heute bin ich deine Mutter‘ ist eine Lebenslüge, die dem Kind untergejubelt wird. Sie führt eine gründliche und wesentliche Unaufrichtigkeit in den Alltag der Ersatzfamilie ein. Nichts ist mehr selbstverständlich, alles unterliegt dem Zweifel: Ist das auch wahr? Auf was kann ich mich noch verlassen? Man belauert sich selbst und alle andern. Und das ist das Gegenteil von familiärer Geborgenheit, mit der die Ersatzelternschaft eigentlich begründet worden war.

Jede pädagogische Stätte, die darauf gegründet ist, dass den Kindern andere Eltern gegeben, und dass ihnen zugemutet wird, einen Teil ihres Lebens schlicht und einfach als ungeschehen zu betrachten, ist eine Zeitbombe auf dem Lebensweg. Das gute Gewissen der Erwachsenen von heute wird da erkauft mit einer Hypothek auf dem Lebensweg der Kinder – morgen.


~ von Panther Ray - Januar 11, 2009.

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