Ringen als Schulfach

ringen12

I. Ringen  als Schulfach

aus: Der Ringer

…………………………Zs. des Deutschen Ringer-Bundes, März-Ausgabe 1997

.

Es besteht die Möglichkeit, an einer allgemeinbildenden Schule in Berlin das Ringen als reguläres Unterrichtsfach einzuführen. Die Poelchau-Oberschule (Gesamtschule) in der Jungfernheide (Charlottenburg-Nord) plant für das Schuljahr 1997/98 die Einrichtung von zwei 7. Klassen als Grundstock für einen „sportbetonten Zug“; als eine der dort zu unterrichtenden Sportarten ist das Ringen vorgesehen.

Es handelt sich dabei um ein neues,1219765523sommerfest-2382008-113 von der Poelchau-Schule selbst entwickeltes Modell, das nicht mit herkömm- lichen „Sportschulen“ zu verwechseln ist. Während dort die Schulen selber Spitzensportler ausbilden wollen, heißt die Grundidee hier vielmehr „Begabtenförderung“: Es gibt eben Kinder, die ein besonderes sportliches Talent haben. Normalerweise können sie ihre Begabung nicht entfalten, ohne ihre schulischen Leistungen zu beeinträchtigen. In der Regel geht das Training auf Kosten der Schule oder die Schule auf Kosten des Trainings: Es ist ganz einfach eine Zeitfrage!

„Sportbetonter Zug“ bedeutet nun, daß der Unterricht so ausgestaltet wird, daß besonders begabte Kinder die Möglichkeit erhalten, die Ausbildung ihres sportliches Talents mit ihrer schulischen Entwicklung zu vereinbaren – indem bestimmte Sportarten selber als Schulfach anerkannt werden.  Die Besonderheit des Poelchau-Modells ist die: Da z. Zt. in Berlin alle schulischen Neuerungen „kostenneutral“ sein müssen (d. h. kein zusätzliches Personal erfordern dürfen), will diese Schule die Sportvereine direkt an der Durchführung beteiligen.

Genau gesagt: Das tägliche (zweistündige) Training am Vormittag wird im wesentlichen von den Vereinstrainern durchgefhrt – die dazu von ihren Vereinen freigestellt und ggf. bezahlt werden müßten. Da es sich um ein Unterrichtsfach handelt, das sich auf dem Schulzeugnis niederschlägt (und in den Notendurchschnitt eingeht), wird es zwar von den Sportlehrern benotet; aber die Kriterien der Benotung werden gemeinsam mit den Trainern erarbeitet. Das heißt, daß die Vereine nicht nur für die praktische Ausgestaltung des Unterrichts selber Verantwortung tragen, sondern auch für den Grad der Würdigung, die die sportliche Leistung in der Schule erfährt – und das ist sportpolitisch von großer Bedeutung.

Es ist nämlich die Anerkennung des Sports als ein allgemeines Bildungselement; und die Anerkennung der Vereine als dessen eigentlicher Träger. In der Praxis wird es wohl darauf hinauslaufen, daß vormittags in der Schule vor allem Grundlagentraining betrieben wird, das ja am meisten Zeit kostet und am ehesten unter den Ansprüchen der Schule leidet; während die technische Feinarbeit – und die Ausbildung von Spitzensportlern – weiter nachmittags in der Vereinen stattfinden dürfte. Da ja das Grundlagentraining in allen Sportarten gemeinsame Züge aufweist – Kraft, Ausdauer, Körperbeherrschung -, ergeben sich bisher ungeahnte Möglichkeiten praktischer Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen. Hier gilt dasselbe wie bei der Kooperation mit dem Lehrkörper: Man wird vieles neu entwickeln müssen – und können.

Es ist im übrigen bemerkenswert, schroeder-henndaß gerade eine Gesamtschule die Förderung von Begabungen auf ihre Fahne schreibt. Bislang wurde der Gesamtschul- gedanke noch stets mit der „Kompensation von Defiziten“ gerechtfertigt. Überhaupt war es dreißig Jahre lang in der Pädagogik üblich, eher auf die Schwächen der Kinder abzusehen, als auf ihre Stärken.

Im Sport war es immer umgekehrt. Der Gedanke, daß sich die Entfaltung aller persönlichen Begabungen auch auf die schulischen Leistungen nur förderlich auswirken kann, steht gerade einer Gesamtschule gut zu Gesicht. Eine solche pädagogische Umorientierung ist die eigentliche Basis für ein Zusammenwirken von Schule und Sport.

Und damit gewinnt das Modell der Poelchau-Schule auch eine allgemeine bildungspolitische Bedeutung.  Doch davon, daß hier der Ringsport eine längst fällige öffentliche Aufwertung erfährt, müssen wir an dieser Stelle nicht lang reden. Die Aufmerksamkeit des Deutschen Ringerbundes sollte diesem Versuch gewiß sein.

______________________________________________________________________________________________________________________________________________________

cb0087631II. betr.: Ringen an der Poelchau-Schule


.

.

.

Beitrag auf einer Pressekonferenz von Landessportbund und Poelchau-Schule

8. 1. 1997

Ringen ist eine der ältesten Sportarten, die es gibt. Schon die alten Ägypter haben gerungen, auch Sumerer und Babylonier. Und natürlich die alten Griechen. Es war eine der ersten olympischen Disziplinen und galt als ein ausgesprochen aristokratischer Sport. Auch in der olympischen Bewegung der Neuzeit war es, als besonders „klassischer“ Sport, von Anfang an dabei. Ein Jahrzehnt früher, vor genau hundertzehn Jahren, war schon unser Verein Siegfried Nordwest 1887 e.V. in Berlin-Moabit entstanden.

Die Arbeiterkulturbewgung verehrte alles Klassische, und bald galt das Ringen als der typische Arbeitersport. Mit dem Niedergang der Arbeiterkulturbewegung verlor das Ringen den Charakter eines Volkssports, und fast kann man sagen, es fristet seither ein Schattendasein. Es hat auch nicht, wie andere Sportarten, von der Popularisierung durch das Fernsehen profitieren können. Denn leider ist Ringen nicht „telegen“. Wir erinnern uns an die Bilder von der Olympiade in Atlanta: An der Weltspitze herrschen Technizität und Muskelkraft vor – so daß vom Kampf nicht mehr viel zu sehen ist, weil „nix passiert“. Beim Jugendringen ist es genau andersrum: Da kann man nix erkennen, weil alles so furchtbar schnell geht…

Poelchau-Schule

Dabei wäre es wünschenswert, daß in einer so großen Stadt wie Berlin nicht ein paar hundert, sondern ein paar tausend Jungen diesen Sport ausübten. Denn er ist eine ideale Kunst für Leute, die in einem Alter sind, wo sie mit ihren Kräften nicht knausern müssen, weil sie davon noch mehr haben, als unbedingt nötig wäre.  Daher begrüßt der SV Siegfried Nordwest 1887 e.V. die Initiative der Poelchau-Schule. Wir erkennen darin eine Möglichkeit, unserm Sport wieder zu dem Rang zu verhelfen, den er eigentlich verdient.

Freilich möchten wir ihn nicht kurzatmig als einen sozialpädagogischen Trick verstanden wissen, um „Aggressionen abzubauen“ – schidlowski-garbeund dem Deutschlehrer die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Sport ist kein Disziplinierungs- mittel. Sport ist überhaupt kein Mittel. Er ist selber Zweck. Er ist ein Kulturgut für die ganze Gesellschaft; auch für die, die nur zuschauen. Und er ist ein persönliches Bildungselement für den, der ihn betreibt.

Gerade in dieser Hinsicht verdient die Initiative der Poelchau-Schule besondere Beachtung. Denn in ihrer Konzeption wird erstmals der kulturellen Realität des Sports durch die staatliche Pädagogik Rechnung getragen. Natürlich gibt es überall „Sport“ als Schulfach. Ja, eben: „Sport“ gibt es nämlich nurals Schulfach! (Früher hieß das Leibesübungen.) In der Wirklichkeit findet Sport aber als Wettkampf statt, nicht als Pensum. Und immer in einer bestimmten Sportart. Die reale gesellschaftliche Existenz-weise jeder einzelnen Sportart ist jedoch, der Natur der Sache nach, der Verein. Nach dem Modell der Poelchau-Schule werden nun die Vereine, als die eigentlichen Träger des Kulturguts Sport, unmittelbar in die pädagogische Verantwortung einbezogen. Das ist eine Innovation, die nicht nur dem Sport, sondern auch der Institution Schule ganz ungeahnte Perspektiven öffnet. Darum verdient dieses Experiment größte Beachtung, weit über die sport- und schulpolitische Öffentlichkeit hinaus.

__________________________________________________________________________________________________________________________________________

III. Bericht

an die Mitgliederversammlung

des SV Siegfried Nordwest 1887 e. V.

31. 1. 1997

In jedem Verein, in jedem Zweckverband gibt es mindestens zwei Temperamente. Die einen sagen: Möglichst viel und von allem ‘n bißchen. Die andern sagen: Wenn, dann richtig. Ich bin von der Mitglieder- versammlung zum Jugendwart gewählt worden. Meine Aufgabe ist es insbesondere, auf die Ökonomie der Kräfte zu achten. Ich gehöre quasi „von Amts wegen“ zur Partei des Wenn, dann richtig. Daran will ich mich halten, solange ich dieses Amt ausübe.

Mein heutiger Bericht zerfällt in zwei Teile: einen ersten, nicht nur erfreulichen, in dem auch selbstkritische Töne vorkommen, und einen zweiten, mehr optimistischen. Zu unsern Wettkampferfolgen in den letzten 12 Monaten will ich mich kurz fassen. [Hier folgt eine Liste der gewonnenen Medaillen.] Das klingt ganz gut; aber es waren immerhin neun Turniere! Nein, 1996 war nicht so erfolgreich wie 1995. Sowas kann immer mal vorkommen, und es hat sicher auch damit zu tun, daß einige unserer Besten in diesem Jahr in eine höhere Altersgruppe aufgestiegen waren. So war diesmal z.B. mehr als ein 8. Platz bei der Deutschen Meisterschaft nicht drin.

Bedenklicher ist, daß wir einen Rückgang bei den aktiven Sportlern verzeichnen mußten. Im Herbst stellten wir plötzlich fest, daß wir in Moabit keine D- und keine E-Jugend mehr haben. Dort trainieren nur noch fünf Jugendliche! In Lichtenberg sieht es etwas besser aus, dort sind rund dreimal soviele aktiv, aber die Situation ist nicht stabil. Es zeigt sich wiedermal: Nachwuchsarbeit muß man systematisch betreiben, mit Blick über den nächsten Tag hinaus.

ringen4

An dieser Stelle eine grund- sätzliche Bemer- kung: Eine sogenannte „Rand- sportart“ wie das Ringen kann nicht darauf warten, daß die Kinder von alleine kommen. Das ist beim Fußball und bei einigen Mode-Sportarten der Fall. Man mag bedauern, daß das Ringen nicht so populär ist, wie es sein könnte. Aber über Nacht und ganz allein werden wir daran nichts ändern. Vorläufig können die Ringer ihren Nachwuchs nur durch persönlichen Kontakt, durch Mundpropaganda gewinnen. Das heißt dadurch, daß ein Verein im Wohnviertel Wurzeln faßt und dort in der „Volkskultur“ eine Rolle spielt! Wenn im Wohnzimmer, in der Eckkneipe und vor allem auf dem Schulhof gelegentlich mal einer sagt: „Ach, was war eigentlich bei euerm Turnier letztes Wochenende?“

Das hat es früher in den Arbeitervierteln gegeben, wo Ringen populär war, aber das ist lange her. In Moabit ist davon nichts übrig, und in Lichtenberg fehlt es auch. Wir müßten also neu anfangen. Aber nicht jedes Wohngebiet eignet sich dafür. Und vor allem: Es setzt voraus, daß im Sportverein mehr vorkommt als nur der Sport; nämlich Geselligkeit und Vergnügen. Das gilt für die Erwachsenen und erst recht für die Kinder. Kurzum, wir hätten die Ärmel hochkrempeln und ganz tief pflügen müssen. […]

Nun ist uns eine ungeahnte Chance ohne viel eigenes Zutun gleichsam in den Schoß gefallen. Es ist der Entschluß der Poelchau-Oberschule in Jungfernheide, im kommenden Schuljahr einen „sportbetonten Zug“ einzurichten. Wir haben die Schule davon überzeugen können, dass das Ringen unbedingt in ihrem Angebot vertreten sein muß. […] Nicht jedes Wohngebiet eignet sich dafür: doch kein zweites Wohngebiet in Berlin dürfte sich so gut eignen wie unser neuer Standort Jungfernheide. Wir sind dort fast konkurrenzlos in einem kleinen, übersichtlichen, unsern Kräften angemessenen „Feld“ und besetzen eine strategische Stellung zwischen der Oberschule und vier benachbarten Grundschulen. Wenn wir mit unsern Kräften haushalten und uns nicht verwursteln, dann gehören wir dort in ein, zwei Jahren zum Lokalkolorit und sind aus dem Viertel „einfach nicht mehr wegzudenken“. Dann sagen die Kinder auf der Straße zueinander: „Spielste Fußball oder jehste zum Ringen?“

Dort können – und müssen – wir in die Tiefe wirken. Denn was noch fehlt, das sind die „Wurzeln“ im Alltagsleben der Nachbarschaft. ringen5Unser Verein muß sich im Kiez zu einer moralischen Autorität aufbauen. Wie das? Indem wir zuerst für die Kinder, die bei uns ringen, und dann für ihre Eltern und Lehrer; dann für ihre Freunde und dann für deren Eltern und Lehrer zu einer moralischen Autorität werden – und so fort; denn sowas spricht sich rum.

Das muß auf zwei Feldern gleichzeitig geschehen. Zum einen durch die Qualität des Sports, den wir vertreten. Konkret gesprochen, durch das Niveau des Kinder- und Jugendringens in Berlin. Die Stabilisierung und Entwicklung des sportlichen Standards auf Landesebene liegt im unmittelbaren egoistischen Vereinsinteresse, weil es die Autorität unseres Sports – und damit auch die unsere stärkt. Und zum andern durch die Qualität unseres Zusammenlebens mit den Kindern. Dazu gehören Spaß und Geselligkeit als tragender Grund gegenseitigen persönlichen Vertrauens. Jeder weiß, daß das nicht die unwichtigste Voraussetzung für den sportlichen Erfolg ist. Vielleicht nicht für jede einzelne Leistung in jedem einzelnen Wettkampf; aber doch für einen anhaltenden Leistungswillen, der auch Zeiten des Durchhängens überdauert.

Das eine ist die Bindung an diesen Sport, das andere ist die Bindung an diesen Verein – und das läßt sich nicht voneinander trennen. Wenn wir am Standort Jungfernheide rund um die Poelchau-Schule mit unsern knappen Kräften das hinkriegen, dann dürfen wir uns was darauf einbilden. Denn dann haben wir ein „Modell“ geschaffen, um das uns alle andern beneiden können. Aber wenn wir uns das nicht zutrauen, dann brauchten wir gar nicht erst anzufangen. Wenn ich meinen Bericht also mit einer optimistischen Note schließe, dann heißt das nicht, daß wir uns stolz und zufrieden zurücklehnen können, sondern daß die Arbeit jetzt überhaupt erst richtig losgeht: Wenn, dann richtig.

[ …folgt ein kurzes Nachwort faktischen Inhalts.]

lm-kadetten

~ von Panther Ray - Januar 1, 2009.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: