Worauf’s beim Ringen ankommt

Diskussionsbeitrag für den Ringerverein  Siegfried Nordwest 1887 e.V. im Mai 1996

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Seit einem halben Jahr beobachte ich nun aufmerksam das Ringen und mach mir so meine Gedanken. Ich finde, es ist an der Zeit, daß ich mal aufschreibe, was mir aus meiner Warte dazu bislang eingefallen ist. Der wundeste Punkt am „Standort Deutschland“ ist, daß es hier zu viele Leute gibt, die auf Nummer sicher gehn. Und die letzte Ursache für sogenannte Jugendkriminalität, Gewaltbereitschaft“, „aggressives Verhalten“ (und wie die Modewörter sonst heißen) ist, daß Kinder und Jugendliche keine natürlichen Gefahren mehr erleben können – und sich künstliche verschaffen müssen, weil sie noch nicht auf Nummer sicher gehen wollen; Gott sei Dank!

Beim Ringen kann einer erfahren, daß 1) Leben auch Gefahr bedeutet; daß das gerade 2) den Reiz der Sache ausmacht, und daß man 3) mit Anstand über die Runden kommen kann (und daß es im Zweifelsfall nicht darauf ankommt, ob einer heult, sondern wie er heult). Das ist ein ganzer Komplex von sittlichen und ästhetischen Themen…

Das Ringen kann also nicht nur im Lebenslauf des Einzelnen, sondern – wenn es eine gewisse Breitenwirkung fände – auch im Leben der ganzen Gesellschaft eine „bildende“ Rolle spielen; wenigstens eine ganz, ganz kleine. Trotzdem ist Ringen keine Sozialpädagogik.  Sozialpädagogik ist zuerst einmal eine Erwerbsarbeit für Sozialpädagogen (und ob sie überdies noch etwas mehr ist, ist durchaus strittig).  Aber Sport ist Spiel – egal wie groß oder klein der ist, der ihn treibt. Und doch ist es ein Unterschied, ob einer als Kind ringt, oder als Erwachsener. Der Erwachsene hat seinen Lebensstil schon mehr oder weniger fertig. Wenn er diesen oder jenen Sport (weiter) betreibt, dann bestätigt und befestigt er damit diejenigen persönlichen Eigenarten, auf die er sich ohnehin schon festgelegt hat. Ein Kind befindet sich aber in einem persönlichen Wachstumsprozeß, im umfassendsten Sinn des Wortes. Da wirkt der Sport noch menschenbildend (oder, wie Erwerbserzieher sagen, „pädagogisch“).

Daß im Sport des Erwachsenen das Athletische im Vordergrund steht – nämlich der Erfolg, das Resultat des Kampfs -, versteht sich von selbst: 2008-fritzSonst bräuchte man gar nicht erst anzufangen. Dadurch nähert sich sein „Spiel“ an Arbeit an. Aber wenn Kinder kämpfen wollen, wäre diese Gewichtung ganz verkehrt. Hier geht es zuerst um den Kampf selbst: die Gefahr, das Wagnis, den ‚Kick’ und die Haltung. So soll es sein – und zwar nicht erst aus „pädagogischen“, sondern schon aus ganz sportlich-pragmatischen Gründen. Denn wem es vor allem darum geht, einen guten Kampf zu bieten, der hat auch das Zeug zum Sieger. Wer aber von vornherein gebannt auf das Ergebnis starrt, der wird zu sehr die Niederlage fürchten – und hat gute Chancen, zu verlieren.

Ein Erwachsener treibt einen Kampfsport,grab0880 weil er etwas leisten, weil er sich und andern etwas beweisen will. Das kommt bei Kindern zwar auch schon vor, ist aber nicht gut. Normalerweise treiben Kinder einen Kampfsport, weil sie was erleben wollen. Aber wenn sie nicht schon völlig verzogen sind, werden sie recht bald merken, daß sie auf die Dauer nur so lange was erleben, wie sie auch was leisten. Vielleicht kann man es so ausdrücken: Während Ringen bei den Erwachsenen immer ein ausgesprochener Leistungssport bleiben wird, hat es für Kinder auch ein bißchen den Charakter von Breitensport.

[…folgen einige praktische Vorschläge zur Veränderung des Trainings]

~ von Panther Ray - Dezember 29, 2008.

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