Kampf als Spiel

Aus einem Briefwechsel mit Hartmut v. Hentig

ringen2

30. 1.1997

Nun zum Sport. Das ist auch für mich ein neues Thema. Vor einem Jahr bin ich zufällig zu Siegfried Nordwest geraten und habe seither eigentlich nur zugesehen. Gewiß hab ich mir auch immer so meine Gedanken gemacht… Erst aus gegebenem Anlaß beginne ich jetzt zu ordnen, und es muß nicht alles gleich beim erstenmal stimmen.

Ob z.B. Sport immer Wettkampf ist? Es gibt ganz einsame Sportarten, z. B. beim Alpinismus. Aber auch da ist wohl ‚der Andere’, dessen Marke man einholt und überholt, in Gedanken immer mit dabei. Doch das haben Sie mit Ihrem „kleinen täglichen Sport“ wohl nicht gemeint. Was alles will man unter Sport verstehen? Das ist keine semantische Frage. Sport als Wettkampf gibt es seit vielen tausend Jahren; eine Art Kulturkonstante, wenn man Johan Huizinga folgen will.

Körperliche Ertüchtigung „ganz und gar für mich“, alias fitness, gibt es aber, wenn ich nicht irre, eigentlich erst in der Industriegesellschaft; genau gesprochen, nach der Industriegesellschaft. Soll man das alles unter denselben Begriff fassen? Aber Sie haben recht, ich meine mit Sport eine öffentliche Angelegenheit, und an der Stelle, die Sie beanstanden, wollte ich darauf aufmerksam machen, daß der Sammelname Sport nur in der Schule etwas Bestimmtes bedeutet, nämlich ein „Fach“: weil es dafür einen Lehrer gibt und eine Zensur. Nur so ist er auch Pensum. Aber im gesellschaftlichen Leben gibt es immer nur diese oder jene sportliche Disziplin; und deren Träger ist immer dieser oder jener Verein – kein öffentliches Institut.

griechische Ringer (Pankration)

Daß dem im Poelchau-Modell Rechnung getragen wird – und sei es aus Geldmangel -, schien mir der springende Punkt zu sein. Ich denke, ich werde wohl etwas länger beim Jugendsport bleiben, als ich anfangs vorhatte. Ich war ein Vierteljahrhundert lang Sozialpädagoge und habe mich nie darum geschert. Nun merke ich, daß ich was versäumt habe. Da liegt jede Menge Energie verborgen, mit der man der ganzen Pädagogik Feuer unterm … machen kann, und das gefällt mir. Eine erste Probe habe ich Ihnen beigelegt. Ihnen als Altphilologen empfehle ich außerdem: Michael Poliakoff, „Kampfsport im Altertum“, vor ein paar Jahren bei Artemis-Winkler erschienen. Der Mann ist Althistoriker und war in seiner Jugend selber Ringer. […]

1.3.1997

Vielen Dank für Ihre Texte. […] Der Mr. Poliakoff, den ich Ihnen empfohlen habe, bestreitet ausdrücklich, daß die griechischen Athleten nur für einen Lorbeerzweig und eine Handvoll Äpfel gekämpft hätten. In Olympia und Delphi habe es zwar tatsächlich nicht so hohe Preisgelder gegeben, wie bei den weniger berühmten Wettspielen, denn dorthin mußte man die Sportler nicht erst locken. Dagegen seien die Sieger in ihren Heimatstädten (mit Ausnahme von Sparta; die hielten sowieso nichts davon) mit gewaltigen Summen für ihren Erfolg bezahlt worden – und dafür hätten sie trainiert! Er berichtet von einem Ringer, der von einem Zehntel seiner Belohnung der Stadt eine neue Übungshalle habe bauen lassen. Stellen Sie sich vor, wie hoch die ganze Summe gewesen sein muß!

Er meint, die Mode der Wettkämpfe sei im 8. Jahrhundert v. Chr. ausgebrochen, als in der „Demokratie“ die Phalanx- und Hoplitentaktikringen7 das Rittertum kriegstechnisch überflüssig gemacht hätten. Auffällig sei gerade bei den Kampfsportarten und vor allem beim Ringen der hohe Anteil adeliger Namen bei den Olympiasiegern. Es handelte sich  dann allerdings um eine „Kompensation“, wie Sie schreiben, und zwar um eine  aristokratische. Daß in der Schule – also dort, wo „Sport“ ein Fach ist – der Sinn des Ganzen Kompensation für das geisttötende Stillesitzen ist, das ist ganz bestimmt richtig. Ich würde sogar blind darauf wetten (nähere Kenntnis hab ich nicht), daß zumindest in Deutschland (und Frankreich) der Schulsport unter dieser Prämisse überhaupt erst eingeführt worden ist. (Aber nicht im Lande der Gentlemen – darauf wett’ ich auch!)

Das ist eben der sogenannte „Ausgleichssport“, wie er für die Industrie-, d. h. in Wahrheit: die Angestelltengesellschaft charakteristisch ist. Die Schule konnte sich eben nur nicht verkneifen (unbedingter Reflex), der Sache eine Zensur und einen Plan aufzusetzen. Das macht’s nicht rühmlicher.

Mich interessiert am Sport (d. h. am Ringen) nicht speziell die Dimension „Körperkultur“ bzw. Leibesübung. Die ist unstrittig. Und natürlich ist es besser, wenn aus „kompensatorischen“ Erwägungen der Sportunterricht ausgedehnt, als wenn aus wrestlingfiskalischen Gründen ausgerechnet die Turnstunde gestrichen wird. Aber das ist eher Sozialhygiene und elementare Menschenfreundlichkeit als „Pädagogik“ in (irgend-) einem engeren Sinn.  Mich interessiert das, was strittig ist. Das sind nicht die Gründe, aus denen ich ans Ringen geraten bin. (Die waren optisch-ästhetischer Natur. Beim Jugendringen, wohlbemerkt; beim Männerringen sind Grazie, Witz und Eleganz eher selten.) Sondern die Gründe, warum ich dabei geblieben bin.

Nämlich Ringen ist, o Schreck und Graus, Gewalt!

In einer Schrift des Landessportbundes wird am Sport gerühmt, dort könne man „Niederlagen trainieren“. Ach herrje! Mein’ Lebtag hab ich keinen Sport getrieben. Aber Niederlagen trainieren? Ich tu ja kaum was andres! Der springende Punkt ist vielmehr: Im Sport kann man siegen lernen; siegen wollen lernen; siegenwollen dürfen lernen. Wenn’s sein muß, mit Gewalt. Aber natürlich ist das Ganze symbolisiert. Darum ist es ästhetisch, darum ist es Spiel. Es geht nicht um die faktische, sondern um die symbolische Unterwerfung des Andern (der’s schließlich nicht anders gewollt hat), und nicht um faktische, sondern um symbolische Herrschaft – für einen Moment, an einem lieu consacré. Ein „Spiel um Leben und Tod“, aber nur als ob; eine ernste Sache, und trotzdem nicht ganz ernstgemeint, man könnte es ebensogut bleiben lassen – doch das mindert nicht, sondern steigert den Erlebnisgehalt!

Natürlich nicht in jeder Sportart so sehr wie in der andern; und in keiner so wie beim Ringen. Was mich dabei jedesmal am meisten beeindruckt, ist, wie sich die Kindersiegerehrung Sieg und Niederlage zu Herzen nehmen – und nicht zu Wie-wir-mit-einander-umgehen. Symbolisch heißt aber nicht kompensatorisch. Gewiß, die Zivilisation würde nicht lange halten, wenn aus dem Spiel um Leben und Tod jedesmal Ernst würde. Trotzdem ist es nicht bloß Ersatz für das, was dem ehemaligen Jäger in uns verlorengegangen ist. Es ist das wirkliche, für einen Moment, an einem Ort wirkliche Versuchen einer Möglichkeit; und nach dem Versuch weiß ich jedesmal wirklich mehr als vorher. Um mit Ihren Worten zu reden: Das symbolische Spiel um Leben und Tod bildet. Es muß nicht auch noch nützen. Um den Platz des Spiels im Leben geht es mir, und da hat mir manches in Ihren Texten aus der Seele gesprochen. Ich versuche im Ernst, solche Gedanken im Sport anzupflanzen. Anbei finden Sie ein paar Zeilen, die ich meinen Trainern ins Stammbuch geschrieben habe.

lutte[folgt demnächst]

~ von Panther Ray - Dezember 25, 2008.

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