Von allem, was vom Menschen kommt, das Schönste sind die Kinder.

Gustave Doré, Gargantuas Kindheit

Bei dem feuerroten gedoppelten Kamm meines Hofhahns und dem rosenfarbenen Futter der schwarzen Pantöffelchen meiner Liebsten! Bei allen Hörnern aller Hahnreie – die ich über alles liebe – und bei der Tugend ihrer hochheiligen unberührbaren Ehefrauen:

Nicht die vielgerühmten Heldenlieder göttlicher Sänger, nicht die schönste Musik, nicht die stolzesten Schlösser, blühenden Schildereien und Bilder der Heiligen und der Könige, kühn aus Stein gehauen, auch nicht die weißbewimpelten Schiffe auf dem blauen Meer sind das Schönste, was der Mensch hervorbringt: von allem, was vom Menschen kommt, das Schönste sind die Kinder. Und sie sind es so lange, als sie eben Kinder sind. Denn danach werden sie Mann und Weib, werden die gleichen Tölpel wie die Alten, nehmen Vernunft an und, bei Gott, sind kaum mehr wert, was sie gekostet haben. Die Schlimmsten sind noch die Besten. Aber betrachtet einmal die Kleinen, wie sie anmutsvoll spielen mit allem, was ihnen in die Hände kommt, mit einem Werkzeug, das sie sich vom Brett holen, mit einem alten Schuh; betrachtet, wie sie das, was sie satt bekommen, liegenlassen und nach dem schreien, was sie haben wollen, wie sie überall Zuckerwerk und Eingemachtes erschnüffeln, wie sie an einem Backwerk knuspern und immer aufgelegt sind zum Tollen und Lachen, sobald nur ihre Zähne hervorbrechen. Betrachtet sie, und ihr werdet zugeben müssen, daß sie einfach entzückend sind. Sie sind Blüte und Frucht zugleich, Frucht der Liebe und Blüte des Lebens.

Nichts Heiligeres und Köstlicheres als ihre Einfälle und ihre Art, sich auszudrücken, solange sie noch nicht von Altklugheit angesteckt sind und ihr Geist sich nicht in der Sudelküche des Lebens beschmutzt hat. Die höchste geistige Anmut könnt ihr bei ihnen lernen. Kein Erwachsener, das ist so wahr wie die doppelte Verdauung eines Ochsen, wird ihnen das je gleichtun. Die Naivität der Großen ist durch die Vernunft immer mehr oder weniger verdorben, die Naivität der Kinder ist rein und lauter wie die heilige Natur.

Pantagruels Studien

aus: Honoré de Balzac, Tolldreiste Geschichten, Drittes Zehent: „Kindermund“

~ von Panther Ray - November 28, 2008.

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