Der wahre Schein

oder

Wie das Wissen über seinen Schatten springt

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..gekürzt aus: PÄD Forum, Heft 6/2003

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Wenn sich wer unterfängt, auf eigne Gefahr das pädagogische Problem in seiner Gänze darzustellen[1] – neurobiologisch, anthropologisch, sozialhistorisch, wissenschaftskritisch, ideengeschichtlich -, ist das nicht bescheiden. Seit einer halben Ewigkeit gabs das nicht mehr.

Weniger wäre heute aber nicht genug. Ein Zyklus kommt zum Ende. Vor zweihundert Jahren, als die Arbeitsgesellschaft sich zur großen Industrie vollendete, erwuchs ein Stand erwerbsmäßiger Pädagogen, entstand eine pädagogische Wissenschaft, wurde die Schule zur normierenden gesellschaftlichen Instanz; begann, kurz gesagt, die technokratische Verfaßtheit des Heranwachsens: Leviathan bei den Kleinen. Die Arbeitsgesellschaft schwindet, doch Institutionen sind zäh – weil materielle Vorteile daran hängen. In unserm Fall: die Verkümmerung der Pädagogik zur ‚Methode’, die auch der erlernen kann, der nicht dazu berufen ist – und trotzdem sein Auskommen findet. Indes, nur als Vollendung der Philosophie läßt Pädagogik sich rechtfertigen. Und rechtfertigen muß sie sich, sofern sie nämlich etwas Besonderes sein will und öffentliche Geltung beansprucht.

Das Wertesystem des Industriezeitalters verfällt. Ein Neuaufbau ist fällig. „Alle, auch die bekanntesten Erscheinungen erhalten inner- halb der Renaissancen einen neuen Fraglichkeitscharakter“[2]. Die erste Etappe einer jeden Renaissance ist Ratlosigkeit: Die hatten wir schon.[3] Die zweite ist der Rückblick auf die Ursprünge.

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Was ist Wahrheit?

Die Sonne ist neu an jedem Tag. Heraklit, fr. 6

Ist oder ist nicht. Parmenides, fr. 8

Ursprung und Angelpunkt des abendländischen Denkens war die Frage nach dem Wahren. In der Sinnenwelt ist alles Trug. Sie scheint mal so, mal so, je nach Standort. Alles, was wird, wird vergehen. Wahr ist, was währt, das ewige Sein; doch es liegt unterm Werden verhüllt. Nur dem Denken ist es kenntlich, „denn dasselbe ist Denken und Sein“, sagt Parmenides.[4] Die Frage nach dem wahren Sein ist die Frage, wonach sich mein Leben in der Mannigfaltigkeit trügerischer Erscheinungen richten soll. Man erkennt es beim Vergleich mit Heraklit, gegen den Parmenides angetreten war: Nicht zweimal könne man in einen Fluß steigen;[5] der Fluß sei ein anderer geworden und der Mensch auch. Hinter dem Werden ist Nichts, wahr ist der Schein: Das möchte man einen heroischen Nihilismus nennen; ein aristokratisches Leben auf eigne Faust, das sich nicht jeder leisten kann. Die Vermutung, daß der Sinn der Welt zwar verborgen, aber jedenfalls in ihr liegt, macht dagegen auch kleinen Leuten Mut. Nicht anders konnte die Arbeitsgesellschaft siegen, nicht anders konnte Europa die Welt erobern.

Die Erkenntnis, daß nach dem Sinn gefragt werden muß, war die Geburtsstunde des Abendlands. Der ebenbürtige Zeitgenosse von Heraklit und Parmenides war Aischylos – der als erster die Schuld der Menschen zum Thema gemacht hat; nämlich daß sie ihre Wege selber wählen. Es wurde zum Thema der westlichen Kultur. Man mag auch meinen, es sei die Conditio humana selbst. Nur wurde sie nicht überall ihrer bewußt.

Das Wahre, das Ansich-Seiende, das Absolute; Wert, Bedeutung, Geltung, Sinn – das alles sind verschiedene Worte für ein Problem. Nämlich dies, daß der Mensch sich nicht mit dem Leben begnügen kann, sondern immer sein Leben führen muß. Führen wo hin, wo lang? Er muß sich orientieren. Das, woran er sich orientiert hat, um dessentwillen er gelebt hat, nennt er, rückblickend, ‚das Wahre’, ‚das Absolute’, den ‚Sinn’. Das Erkennen ist zirkulär. Warum? Es kommt a posteriori. Denn gesetzt wird der Sinn immer in actu, hier und jetzt, an jedem Wegkreuz neu. Dem (nachträglichen) Erkennen erscheint es darum als a priori. ‚Das Wahre’, ‚das Absolute’, der ‚Sinn’ ist – reell wie ideell – eben keine Sache, sondern ein Problem. Es ist aber keins, worauf die Menschen ebensogut verzichten könnten. Sie waren tätig, bevor sie erkennend wurden. Aber sie müssen erkennend sein, um selbsttätig zu werden.

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Der savoyische Vikar

Die bestimmende Ursache liegt in ihm selbst. J. J. Rousseau

„Kein materielles Wesen ist durch sich selbst tätig; ich aber bin es. Man kann es mir bestreiten: ich fühle es, und dieses Gefühl, das zu mir spricht, ist stärker als die Vernunft, die es bestreitet.“[6] Schlichte Worte, aber sie begründeten die Kopernikanische Wende der Vernunft: Das Herzstück von Jean-Jacques Rousseaus Émile bildet das Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars. Dort hat Immanuel Kant sein ‚transzendentales Ich’ gefunden.[7]

Wenn es die Geistesgeschichte des Abendlands ausmacht, daß dort nach dem Sinn gefragt werden muß, konnte es nicht fehlen, daß schließlich die Freiheit zu ihrem Standardproblem wurde. Wer fragt, muß endlich antworten. Und sich verantworten: Warum so und nicht anders? „Welches ist also die Ursache, die seinen Willen bestimmt? Es ist seine Urteilskraft. Die bestimmende Ursache liegt in ihm selbst.“[8] Eins ist mit Sicherheit wahr: So wahr ich urteile, urteile ich. Das ist keine Hypothese, kein Postulat, kein Problem; sondern wenn überhaupt etwas gewiß ist, ist es das. Doch aus welchen Gründen ich urteile, ist ein ganz andre Frage.

Das paradoxale Thema der Transzendentalphilosophie ist dies: Immer, wenn ich ein Urteil fälle, das weiter reicht als bis zu meinem Vorteil („Erhaltungswert“) und wahr sein will, habe ich durchaus nicht den Eindruck, nach freier Willkür zu verfahren, sondern – ‚ich kann nicht anders’. Die Gründe sind zwingend, ein Gefühl des Genötigtseins tritt ein. Wo ist da Freiheit? (Denn wenn die Gründe nicht zwingend sind und mein Urteil unsicher bleibt – dann komme ich mir erst recht nicht frei vor.)

Die Transzendentale Freiheit (gegen die Joh. Fr. Herbart so heftig zu Felde zog) hat mit dem Belieben der empirischen Person, so oder anders zu antworten, noch gar nichts zu tun. Sondern damit, daß ich überhaupt antworten muß, weil ich überhaupt fragen muß. Und das Transzendentale Ich ist nicht das, was mich als Individuum von den andern unterscheidet, sondern diejenige Qualität, die mich überhaupt zum Subjekt macht – und die ich mit den andern teile.

Als transzendentales Ich bezeichnet Kant jene Instanz, die die mannigfaltigen sinnlichen Eindrücke aufeinander bezieht und zur ‚Erfahrung’ zusammenfaßt. Vom transzendentalen Ich wissen wir nur, weil dieser Akt des Zusammenfassens tatsächlich geschieht; weil und indem wir wirklich Erfahrungen machen: weil und insofern wir urteilen. Eine ‚Substanz’ des Ich – die ja nur die „Seele“ der Theologen sein könnte – schließt Kant dagegen aus der Wissenschaft ganz aus: weil sie jenseits möglicher Erfahrung liegt.

Auch die Befunde der aktuellen Hirnforschung erlauben eine solche Hypothese nicht: Eine Kommandozentrale im Gehirn, die die Synthesis der Einzeleindrücke besorgt (Homunculus), läßt sich nicht ausmachen. ‚Ich’ ist vielmehr ein Funktionszusammenhang, der sich immer wieder neu herstellen muß. Wir müßten uns „das Ich als einen räumlich verteilten, sich selbst organisierenden Zustand denken“, sagt der Neurophysiologe Wolf Singer.[9]

Das transzendentale Ich als erkenntnislogisches Konstrukt und das Ich als Idee, als Bild, das mir als meine Bestimmung vorschwebt, sind von der empirischen Person gleich weit entfernt. Sie bezeichnen beide etwas, das an der Ichheit notwendig, und nicht das, was daran zufällig ist. Mit der empirischen Person haben sie dies gemein: Sie teilen ihr einen Sinn mit; teils, wo sie herkommt, teils, wo sie hinsoll.

Die poietische Fiktion

Die Einbildungskraft geht fort bis ins Unendliche, bis zur schlechthin unbestimmbaren Idee der höchsten Einheit. J. G. Fichte

Nur weil der Mensch ein Leben führt, dessen Sinn weit über seine bloße Erhaltung hinaus reicht (wenn er es will), hat er das Problem der Freiheit. Ob er es will, ist damit noch nicht entschieden. Wenn einer sagt: Die Befriedigung meiner Bedürfnisse ist mir genug – wie kann ich ihm widersprechen? Es gibt noch viele, die sich mehr gar nicht leisten können.

Aber eine Kultur, wo verknappter Luxus schon wie Not erscheint, lebt im Überfluß. Dieses ist eine Sinnbehauptung: Es sollte eine Welt des Reichtums entstehen, damit Menschen in die Lage kommen, ihre Freiheit bestimmen zu können. Nur darum gibt es die Frage nach der Wahrheit. Aber die ist ein Paradox.

Was ich tun soll, ist eine Frage von Bedeutungen. Ist Sache eines Urteils. Und dafür brauche ich Gründe, die gelten. Deren Geltung muß ihrerseits begründet sein, und so fort. Machen wir’s kurz: Wenn überhaupt etwas gelten soll, muß es irgendwo einen Grund geben, der schlechterdings gilt und in letzter Instanz, ohne alle Bedingung – die Bedingungen von Ort und Zeit zumal. In der Welt, die ‚der Fall ist’, wird man ihn nicht antreffen. Er ist „nicht von dieser Welt“, ich muß ihn mir hinzu denken.

Daß der menschliche Geist „notwendig etwas Absolutes außer sich setzen muß und dennoch von der andern Seite anerkennen muß, daß dasselbe für ihn da sei, ist derjenige Zirkel, den er ins Unendliche erweitern, aus welchem er aber nicht heraustreten kann. Es ist nur da, inwiefern man es nicht hat, und entflieht, sobald man es auffassen will.“[10] Es „kann nur eine Idee sein; ein bloßer Gedanke in uns, von welchem gar nicht vorgegeben wird, daß ihm in der wirklichen Welt außer uns etwas entspreche. Ideen können unmittelbar nicht gedacht werden. Sie sind Aufgaben eines Denkens, und nur, inwiefern wenigstens die Aufgabe begriffen werden kann, kommen sie in unserm Bewußtsein vor.“[11] Eine Aufgabe nannten die Griechen ein Problem. Aber dieses Problem ist so gestellt, daß es schlechterdings nicht lösbar ist: Die Freiheit soll sich ihren Bestimmungsgrund außer sich suchen! Es ist ein Paradox.

Das ist nicht bloß eine Idee. Das ist eine ästhetische Idee.[12] Es ist, recht besehen, die ästhetische Idee schlechthin, die in alle tatsächlich vorkommenden Bestimmungen nach Ort und Zeit vorgängig hineingreift, die all die Qualitäten vereint, die ich an den Dingen „wertnehme“, bevor ich sie wahrnehme, und von der ich erst durch eine besondere Anstrengung des reflektierenden Verstandes wieder abstrahieren kann.

Es „ist“ nichts so. Aber so muß ich es mir vorstellen, wenn ich mir überhaupt Etwas vorstellen will. Das Wissen kann seinen eignen Grund nicht erkennen. Es muß ihn sich ein-bilden. Der höchste Akt der Vernunft sei ein ästhetischer, hieß es im Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus [13]. Ob er wirklich stattgefunden hat, ist nicht entscheidend. Es scheint uns so, als ob er stattgefunden hätte. Er ist so wahr wie ein Mythos sein kann. Will sagen, er muß sich bewähren.

Bewähren in Sonderheit in meinem täglichen Tun und Lassen – als Sittlichkeit. „Die Ethik ist transzendental“, schrieb Ludwig Wittgenstein, um gleich hinzu zu fügen: „Ethik und Ästhetik sind eins.“[14] Und es sei klar, daß sie sich als solche „nicht aussprechen“ lassen…

Geht alles?

Anything goes.

Die Frage nach dem „Grund“ – wie altertümlich! Die Dunkelmänner der Postmoderne wissen es längst: das Wahre ist nur ein Mythos, der falsche Schein, dem das Abendland verfallen war und all seine Perversionen schuldet – von der Inquisition über Auschwitz bis zum Gulag. Darüber ist der Zeitgeist längst hinweg, seine Schamanen psalmodieren das Ende der Ideologien, der Geschichte sogar, und als der Weltweisheit letzter Schrei erweist sich Cole Porters Hit aus den Dreißigern: „Anything goes!“

Wahr ist alles, was funktioniert – und solange, wie es funktioniert: Das war ein brauchbares regulatives Prinzip einer exakten Naturwissenschaft, die Forschung um ihrer technischen Verwertung willen trieb. Als Zweck der Wissenschaft definierte der Pragmatismus ausdrücklich: Vorhersagen machen. Das mochte einem Chemiker des 19. Jahrhunderts genügen – einem Astrophysiker und Kosmologen unserer Tage nicht! Es gibt keine Grundlagenforschung ohne die Frage nach Wahrheit.[15]

Was in der Naturwissenschaft bloß überholt ist, wird in den Geisteswissenschaften, wo’s um die Sinnfragen geht, zur Mummenschanz. Wahrheit = ein patchwork, Flickenteppich, Narrengewand: Hauptsache bunt! Unter der Firma des ‚Konstruktivismus’ darf jeder sein Glück versuchen, warum auch nicht, Wahrheiten kommen und gehen, nehmt’s doch nicht so ernst! Statt der Philosophie haben wir Bindestrich-Philosophien. Und statt Pädagogik nur Bindestrich-Pädagogiken. Ganz wichtig zwar, aber daß es ihren Zöglingen nicht gelingt, sie ernst zu nehmen – wen wird es wundern?

Alles fließt? Der Zeitgeist bestimmt. Er kommt aus den Hochglanz-Postillen, und da soll man ihn ruhig lassen. Ernster klingt der (scheinbar) entgegengesetzte Einwand: ‚Ein Erster Grund, den sich jeder selber setzt?! Das hieße der Beliebigkeit Tür und Tor öffnen!’ Wie bitte? Wenn sich einer ‚seinen’ Grund als ein Absolutes setzt – wird es dadurch zu einem Relativen? Muß ich Eines, um es als mein Absolutes setzen zu dürfen, zugleich als das Absolute der Andern erkennen können? Weil Eines, um mir absolut gelten zu können, von Andern als absolut anerkannt worden sein muß? Ich dürfte also immer nur das Absolute der Andern anerkennen!

Für das Ästhetische behauptet das keiner. Vom Sittlichen denken das Alle. Warum? Weil sie meinen, der Zusammenhalt des Gemeinwesens hinge davon ab. Sie verwechseln es mit dem Recht. Das freiheitlich-demokratische Gemeinwesen beruht – nicht in der Wirklichkeit, aber wir sehen es so an, als ob: Das macht seinen Sinn aus! – auf dem freien Vertrag autonomer Subjekte. Ein Absolutes, worüber sich zwei verständigen konnten, wird ipso facto ein Relatives: So ‚rum wird ein Schuh draus. Das Absolute ist weder konsensfähig noch konsensbedürftig.

Die Sittlichkeit sagt, was ich mir selber schulde, das Recht sagt, was ich andern schulde. Dieses ist meine Pflicht, jenes sind die Ansprüche der andern gegen mich. Über jene müssen – und können – wir uns verständigen, über diese nicht. Mein erster, letzter, absoluter Grund muß sich, als rechtes Handeln, in meinem Leben bewähren. Ich muß mich dann „in der Welt“ bewähren – per Verhandlung und Vertrag, wenn’s sein soll. Das ergäbe einen Nachtwächterstaat ohne Pathos und Würde? Sein Pathos und seine Würde ist, daß er die Freiheit einer jeden Person, sich zu ihrer eignen Pflicht zu bestimmen, zu seinem Rechtsgrund macht. Ist das wem zu wenig, soll er’s sagen.

Ach, Leviathans Kinderfänger, die Pädagogen! „Die Menschen brauchen Orientierung!“ Nein, gerade das brauchen sie nicht. Es muß sich ein jeder selber orientieren. „Die Aufforderung zur freien Selbsttätigkeit ist das, was man Erziehung nennt.“[16] Sie aber meinen in Wahrheit: Die Menschen sollen sich von ihnen orientieren lassen – ausgerechnet! Gottlob meinen sie’s nicht ernst. Ein Absolutes käme ihnen, Zeitgeist behüte, gar nicht in den Sinn. Werte – ein „verbindlicher Werteunterricht“ tut’s auch.

Daß sie das Absolute zu Häppchen farcieren, macht die Sache zwar nicht besser, denn irgendwas, irgendwer (?) müßte deren Geltung doch verbürgen können. Ein „bißchen Wahrheit“ gibt’s so wenig wie ein bißchen… Unschuld. Doch ich hab eine Ahnung: Anything goes! Wahr ist, was funktioniert. Um den Ruf unserer Schulen ist es nicht gut bestellt. Daß sie junge Menschen bilden, glaubt kaum einer. Nun ein neuer Schibboleth, ein weiteres Gadget, noch ein Bindestrich: Werte-Pädagogik! Man kann einen Ausbildungsgang dafür einrichten, mit C4-Professur. Wenn’s funktioniert…

Man muß wetten

Gott wird, wo alle Kreaturen Gott aussprechen. Meister Eckhart

Denen, die an der Existenz Gottes zweifeln, hat der Mathematiker Blaise Pascal eine Wette vorgeschlagen: Sie sollten nur immer so leben, als ob es Gott gibt.[17] Denn dabei müßten sie in jedem Fall gewinnen. Wenn es ihn gibt, sowieso. Und wenn nicht, dann wären sie immerhin anständig durchs Leben gekommen – und hätten auch gewonnen! Wenn alle so tun, als ob es Gott gäbe, dann ist es so gut, als ob es Gott gibt. „Gott wird, wo alle Kreaturen Gott aussprechen“, predigte Meister Eckhart.[18] Das Göttliche werde „konstruiert durch das Rechttun. Jene lebendige und wirkende moralische Ordnung ist selbst Gott. Wir bedürfen keines anderen Gottes und können keinen anderen fassen“, erläuterte Fichte.[19] „Ich glaube nicht, daß Gott da war, sondern daß er erst kommt. Aber nur, wenn man ihm den Weg kürzer macht als bisher“, ergänzte ein Dichter des 20. Jahrhunderts.[20]

Mal angenommen, ein besonderes Fach namens Pädagogik solle es wirklich geben. Was wäre dann der Zweck, durch den es sich rechtfertigt? ‚Den Weg kürzer machen’ ohne Zweifel. Wie? Indem sie Kinder verlockt, auf den Sinn zu wetten.

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Durch so viel Formen geschritten

durch Ich und Wir und Du.

Doch alles blieb erlitten

durch die ewige Frage: wozu.

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Das ist eine Kinderfrage.

Es wurde dir spät bewußt:

es gibt nur eines: ertrage

– ob Sinn, ob Sucht, ob Sage –

dein fernbestimmtes: du mußt.

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Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere –

was alles erblühte, verblich.

Es gibt nur zwei Dinge: die Leere

und das gezeichnete Ich.

G. Benn

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Das ist die verzweifelte Alternative. Nicht, daß man sie widerlegen könnte. Ob man aber damit ein Leben anständig führen kann? Sache der Pädagogik wäre, solange dazu noch Zeit ist, dies: die „Kinderfrage“ festzuhalten, auszumalen und immer wieder auszusprechen. Der Sinn des Lebens ist, daß du nach ihm fragst. Das ist Wahrheit. Das Leben selber kommt auch ohne aus. Nur hat es dann keine Würde: Dies Problem so zur Darstellung bringen, daß es lockt – das ist Kunst, das muß man können.


[1] s. Jochen Ebmeier, Von der Pisa-Studie und der Neurobiologie des Lernens in PÄDForum, Heft 1/ Jg. 30, Feb. 2002; Das Kind im Mann, aaO, Heft 5/ Jg. 30, Okt. 2002; Homo ludens victor, aaO, Heft 2/Jg. 31, April 2003; Die Grenzen der pädagogischen Vernunft, aaO, Heft 3/Jg. 31, Juni 2003; Herbarts Einsicht, aaO, Heft 5/31. Jg., Okt. 2003. – Der Redaktion sei Dank, daß sie sich auf das Wagnis eingelassen hat.

[2] Max Scheler, Probleme einer Soziologie des Wissens, in: ders., Die Wissensformen und die Gesellschaft, Bern 3/1980, S. 110

[3] vgl. Chr. Griese, Ad fontes! in: PÄD Forum, Heft 2/31. Jg., April 2003

[4] Fragment 3; nach H. Diels (Hg.), Fragmente der Vorsokratiker, Hamburg 1957, S. 45

[5] Fragment 49a; ebd. S. 26

[6]

J. J. Rousseau, Emil oder Über die Erziehung, Paderborn 1971, S. 292

[7] vgl. Ernst Cassirer, Kant und Rousseau; in: Rousseau, Kant, Goethe, Hamburg 1991 (PhB)

[8] Rousseau, S. 293

[9] Wolf Singer, Vom Bild zur Wahrnehmung, unveröfftl. Ms. (Vortrag auf der Tagung Iconic Turn im April 2003 an der Universität München)

[10] J. G. Fichte, S„mtliche Werke, Berlin 1971; Bd I, S. 281, 283

[11] ebd, Bd. IV, S. 65

[12] Immanuel Kant, Werke (Hg. Weischedel), Frankfurt/M 1968; Bd. VI, S. 249f.

[13]

z. B. in: Fr. Hölderlin, Sämtliche Werke, Ffm. 1961, S. 114ff.

[14] L. Wittgenstein, Werke Bd. I, Frankfurt/M., S. 81

[15] vgl. Stephen Toulmin, Voraussicht und Verstehen; Frankfurt/M. 1968

[16] J. G. Fichte, aaO, Bd. III, S. 39

[17] Pascal, Pensées Nr. 233 (éd. Brunschvicg)

[18] Mr. Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate, München 1963, S. 273 (Pr. 26)

[19] Fichte, aaO Bd. V, S. 185f.

[20] Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Hamburg 1952, S. 1022

~ von Panther Ray - November 12, 2008.

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