Vorgänger: Friedrich Daniel Schleiermacher ‚Praxis ist immer schon begründet‘

Ihre Vorgänger hat die zeitgenössische Pädagogik nicht nur im Guten, sondern – wer hätte das gedacht – auch im Schlimmen. Auch derer soll gedacht werden; um die Gegenwart vor ihrem weiter schleichenden Gift zu warnen.

Der Theologe Friedrich Daniel Schleiermacher (1768-1834) hat sich um die deutsche Kulturgeschichte doppelt verdient gemacht. Zum einen verdanken wir ihm die erste vollständige deutsche Übertragung der Plato-Dialoge. Zum andern hat ihn Wilhelm Dilthey zum Gegenstand seines historisch-kritischen Hauptwerks gewählt.[1] Er selbst hat auch viel geschrieben, kaum ein Thema hat er ausgelassen. Alles geläufig formuliert, die Gegenstände werden nach ihrem Umfang voll ermessen. Doch mit der Schärfe ist es was andres, er neigte zum Sowohl-als-auch.

Unter dem Reformkanzler Hardenberg wirkte er in der Unterrichtsabteilung des preußischen Kultusministeriums als Referent für die Vereinheitlichung des Schulsystems (und geriet mit dem Schulskeptiker J. Fr. Herbart aneinander, der das Unterrichtswesen in Ostpreußen neu zu ordnen hatte). Als Professor an der Berliner Universität hielt er zur Vorbereitung seiner Studenten aufs evangelische Pfarramt Vorlesungen über Pädagogik. Die Vorlesungen von 1826 gelten als sein pädagogisches Hauptwerk. Sie wurden 1848 unter dem Titel Grundzüge der Erziehungskunst gedruckt und verdrängten seither im Gedächtnis unserer Zunft Herbarts Allgemeine Pädagogik als Gründungsdokument der wissenschaftlichen Pädagogik. Begründet hat Schleiermacher vielmehr die Sitte, die Begründungsnot des pädagogischen Gewerbes zu verschleiern, indem man es zur Praxis verklärt.Den Ausgangspunkt seiner Darlegung setzt Schleiermacher leichthin „als bekannt voraus“:

„Was man im allgemeinen unter Erziehung versteht, ist als bekannt vorauszusetzen. Fragt man aber, für wen dies in eine Theoriegeerts_jul_schulstunde18801 gebracht und was in derselben gegeben werden solle, so ist die Sache diese. Ursprünglich erziehen die Eltern, und zwar, wie im allgemeinen anerkannt ist, nicht nach einer Theorie. Nun aber erziehen die Eltern nicht allein und ihre erziehende Tätigkeit verteilt sich ihnen unter ihr ganzes übriges Leben und tritt nicht gesondert hervor. Man bezieht also die Erziehungslehre auf diejenigen, die den Eltern beim Erziehen helfen, auf Personen, welchen die Mitwirkung in der häuslichen Erziehung für eine bestimmte Zeit Beruf ist, und auf solche, die es zu ihrem Lebensberuf gemacht haben, an öffentlichen Anstal-ten zu wirken, in denen ein Teil der Erziehung übernommen wird. Für beide erscheint ein Theorie darüber ersprießlich, ja notwendig… Für beides also sucht man in der Erziehungslehre eine Anweisung, eine Technik. In der pädagogischen Theorie geht es nur um die Tätigkeit von Haus- und Schullehrern.“

Weil die Eltern eine Theorie nicht brauchen, müssen sie in der Theorie auch nicht vorkommen. Dennoch wird Erziehung als das Verhältnis zwischen ‚den Generationen’ definiert:

„Das menschliche Geschlecht besteht aus einzelnen Wesen, die einen gewissen Zyklus des Daseins auf der Erde durchlaufen und dannschule3 wieder von derselben verschwinden, und zwar so, daß alle, welche gleichzeitig einem Zyklus angehören, immer geteilt werden können in die ältere und die jüngere Generation.  … Ein großer Teil der Tätigkeit der älteren Generation erstreckt sich auf die jüngere, und sie ist umso unvollkommener, je weniger gewußt wird, was man tut und warum man es tut. Es muß also eine Theorie geben, die von dem Verhältnisse der älteren Generation zur jüngeren ausgehend die Frage stellt: Was will eigentlich die ältere Generation mit der jüngeren? (S. 9) Es ist das Einwirken auf das jüngere Geschlecht ein Teil der sittlichen Aufgabe, also ein rein ethischer Gegenstand. … Somit steht die Theorie der Erziehung in genauer Beziehung zur Ethik, und ist eine an diese sich anschließende Kunstlehre.“ (S. 12)

Der spezifische Ort der Sittlichkeit ist die Gemeinschaft, die Gattung, der Staat.

„Dies gemeinsame Leben im Staate ist etwas so Bedeutendes, daß von einer gewissen Ansicht aus die gesamte sittliche Tätigkeit darin aufgeht; und wenn wir auch diese Ansicht nicht teilen können, [Anm. 2], so geben wir doch zu, daß in Beziehung auf die richtige Gestaltung und Anordnung des gemeinsamen Lebens im Staate eine Theorie notwendig ist, welche ergibt, wie jenes Ziel zu erreichen, daß der Staat bei dem Wechsel der Generationen fortbestehe und sich in seiner Gesamttätigkeit steigere. Es ist dies die Politik. Beide Theorien, die Pädagogik und die Politik, greifen auf das Vollständigste ineinander ein (S. 12f.). Die Pädagogik ist eine rein mit der Ethik zusammenhängende, aus ihr abgeleitete angewandte Wissenschaft, der Politik koordiniert.“ (S. 13)

Pädagogik ist auf einen Zweck orientiert, und insofern ist sie Kunst. Doch die Kunstlehre kommt nachträglich: „Ist doch überhaupt auf jedem Gebiet, das Kunst heißt im engeren Sinne, die Praxis viel älter als die Theorie, so daß man nicht einmal sagen kann, die Praxis bekomme ihren bestimmten Charakter erst mit der Theorie. Die Dignität der Praxis ist unabhängig von der Theorie; die Praxis wird nur mit der Theorie eine bewußtere. (S. 11)Wenn die pädagogische Theorie die vorliegende Praxis nur bewußt zu machen, nicht aber zu kritisieren oder gar zu begründen hat – inwiefern ist sie dann Wissenschaft? Weil allein die Wissenschaft geeignet ist, den öffentlichen Meinungsstreit zu beheben – und ganz besonders den zwischen Kirche und Staat:

Es kommt in der Erziehung alles darauf an, daß Familie und Staat und Kirche in Übereinstimmung ihren Einfluß auf die jüngere Generation ausüben. … Wo aber die Regierung die religiöse Gesinnung kanzelin Anspruch nimmt, um die politische zu unterstützen, da werden auf mannigfaltige Weise die Verhältnisse getrübt, … ein Zwiespalt tritt ein, nicht nur zwischen den Familien und der Kirche, sondern zwischen den Familien und dem Staat, ja auch zwischen Kirche und Staat in ihrem Einfluß auf die Erziehung. Was ist zu tun, wenn ein solcher Zwiespalt entsteht? … Es gibt nichts, was den Streit besser schlichtet als die Erkenntnis. … Wir erwarten die Ausgleichung der Differenzen, die in bezug auf den Anteil an der Erziehung zwischen den verschiedenen Lebens gemeinschaften entstehen, nur durch die Wissenschaft. Das kann aber nur geschehen, wenn sich die Wissenschaft in Indifferenz befindet zwischen Staat und Volk, Volk und Kirche, Staat und geselligem Verkehr.“ [Anm.3] (S. 142f.)

„Wenn der Staat die Wissenschaft ganz frei läßt, … erhält er sich selbst und dem Ganzen das Mittel, jeden inneren Zwiespalt zu heben; das Prinzip der Ausgleichung aller Mißverständnisse, welche auf die Erziehung nachteilig wirken. Das ist die höchste Bedingung, unter welcher eine wirklich zusammenhängende Ausübung des Erziehungsgeschäfts in einer Region stattfinden kann. Jedes wissenschaftliche System wird immer eigene Gestaltungen für die angewandten Wissenschaften enthalten, jedes seine eigene Politik und Pädagogik haben. Auch diese [Anm. 4] Theorie der Pädagogik ist eine Tochter der Wissenschaft. Ändern sich die wissenschaftlichen Systeme, dann wird auch die Theorie sich ändern. Aber die Theorie beherrscht an und für sich nicht die Praxis, die Theorie ist immer später. Die Theorie muß sich erst Raum schaffen, wenn die Praxis schon begründet ist.“ (S. 144f. )

Das gilt nicht zuletzt für die grundlegende Frage, die er in der Einleitung schon beiseite getan, dann aber doch nochmal der Untersuchung wert gefunden hat: „Wer soll erziehen?“ Auch hier kommt er nach manchem hin und her zu dem Ergebnis:

„Ich sehe keinen andern Rat, als an dieser Stelle unserer Untersuchung abzubrechen und zu sagen, wir müssen an die jetzt bestehende Form der Erziehung unsere Theorie anschließen.“ (S.68)

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1) Wilhelm Dilthey, Das Leben Schleiermachers, Berlin 1870

2) Er spricht zu Kirchenleuten!

3) Die Regierung Friedrich Wilhelms III. griff ins innere Leben der lutherischen Kirche auf Seiten der orthodox-konservativen Partei und gegen den liberalen Flügel ein, den Sch. als Anwalt des Berliner Bürgertums vertrat. Auch die Freiheit der Universität war bedroht.

4) (Schleiermachers)

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Quelle: Friedrich Daniel Schleiermacher, Grundzüge der Erziehungskunst (Vorlesungen von 1826) in: ders., Texte zu Pädagogik, Hg. v. Winkler u. Brachmann, Bd. II, Frankfurt/M 2000; S. 7, 9, 12-13, 11, 142-145, 68                                                                                                                    Auswahl und Redaktion: J. Ebmeier

~ von Panther Ray - November 5, 2008.

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