Vorgänger: Johann Georg Hamann

Der Lehrer muß werden wie ein Kind

Im Jahr 1755 veröffentlichte Immanuel Kant seine Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, in der er die These aufstellte, die Himmelskörper

seien ursprünglich aus Gaswolken hervorgegangen. Sie ging als ‚Kant-Laplace’sche Nebularhypothese’in die Wissenschaftsgeschichte ein. Aber beim zeitgenössischen Gelehrtenpublikum fand sie wenig Interesse. So kam Kant auf die Idee, ein Physikbuch für Kinder zu verfassen. Sein lebenslanger  Freund Johann Georg Hamann sollte ihm dabei helfen. Hamann (1730-88) war aber auch – vor wie nach Kants ‚kritischer’ Wende, zu der er den Anstoß gab – sein philosophischer Gegenspieler und gilt manchem als Stammvater der deutschen Romantik. Er war nicht sicher, daß Magister Kant mit seiner überreichen Erfahrung ‚in der galanten und akademischen Welt’ für Kinder den rechten Ton fände – da ja schon mancher Student ihn nicht verstand! Im Folgenden geben wir einige Auszüge aus den Briefen wieder, die Hamann im Herbst 1759 an Kant schrieb und von denen er später zwei als Liebesbriefe an einen Lehrer der Weltweisheit, der eine Physik für Kinder schreiben wollte selber veröffentlicht hat. Er riet Kant ernstlich, sich bei seiner Darstellung der Naturgeschichte an den Schöpfungsbericht des 1. Buch Mose zu halten – wenn auch weniger wegen seines theologischen Informationsgehalts, als wegen der mythisch-anschaulichen Erzählweise, die ihm subjektiv „wahrer“ schien als die objektive ‚Richtigkeit’ der Mathematik.

Die Gönner Ihrer Verdienste würden vor Mitleiden die Achseln zucken, wenn sie wüßten, daß Sie mit einer Kinderphysik schwanger gehen. Sie wollen Wunder tun. Sie haben gewisse Gründe zu vermuten, daß Ihnen etwas glücken wird, was so vielen nicht [hat] gelingen wollen. Sie sind in Wahrheit ein Meister in Israel, wenn Sie es für eine Kleinigkeit halten, sich in ein Kind zu Omega-Nebelverwandeln, trotz Ihrer Gelehr- samkeit! Oder trauen Sie Kindern mehr zu, unterdessen Ihre erwachsenen Zuhörer Mühe haben, es in der Geduld und Geschwindigkeit des Denkens mit Ihnen auszuhalten? Da überdem zu Ihrem Entwurf eine vorzügliche Kenntnis der Kinder-welt gehört, die sich weder in der galanten noch akademischen erwerben läßt, so kommt mir alles so wunderbar vor, daß ich aus lauter Neigung zum Wunderbaren schon ein blaues Auge für einen dummkühnen Ritt wagen wollte.

Gelehrten zu predigen, ist ebenso leicht, als ehrliche Leute betrügen: auch weder Gefahr noch Verantwortung dabei, für Gelehrte zu schreiben; weil die meisten schon so verkehrt sind, daß der abenteuerlichste Autor ihre Denkungsart nicht mehr verwirren kann. Die blinden Heiden hatten aber vor Kindern Ehrerbietung, und ein getaufter Philosoph wird wissen, daß mehr dazu gehört, für Kinder zu schreiben, als ein Fontenellischer Witz[1] und eine buhlerische Schreibart. Was schöne Geister versteinert und schöne Marmorsäulen begeistert, dadurch würde man an Kindern die Majestät ihrer Unschuld beleidigen.

Sich ein Lob aus dem Munde der Kinder und Säuglinge bereiten![2] – an diesem Ehrgeiz und Geschmack teilzunehmen, ist kein gemeines Geschäfte, das man nicht dem Raube bunter Federn, sondern mit einer freiwilligen Entäußerung aller Überlegenheit an Alter und Weisheit und mit der Verleugnung aller Eitelkeit darauf anfangen muß. Ein philosophisches Buch für Kinder würde daher so einfältig, töricht und abgeschmackt aussehen müssen, als ein göttliches Buch für Menschen geschrieben. Nun prüfen Sie, ob Sie so viel Herz haben, der Verfasser einer einfältigen, törichten und abgeschmackten Naturlehre zu sein? Haben Sie Herz, so sind Sie auch ein Philosoph für Kinder. Vale et sapere aude![3]

Von erwachsenen Leuten auf Kinder zu schließen, so traue ich den letzteren mehr Eitelkeit zu, weil sie unwissender sind als wir. Und die katechetischen Schriftsteller legen vielleicht, diesem Instinkt gemäß, die albernsten Fragen dem Lehrer und die klügsten Antworten dem Schüler in den Mund.[4] Das größte Gesetz der Methode für Kinder besteht also darin, sich zu ihrer Schwäche herunterzulassen, ihr Diener zu werden, wenn man ihr Meister sein will, ihnen zu folgen, wenn man sie regieren will; ihre Sprache zu erlernen, wenn wir sie bewegen wollen, die unsrige nachzuahmen. Dieser praktische Grundsatz ist aber weder möglich zu verstehen noch in der Tat zu erfüllen, wenn man nicht, wie man im gemeinen Leben sagt, einen Narren an Kindern gefressen hat und sie liebt, ohne recht zu wissen: warum? Fühlen Sie unter Ihren Schoßneigungen die Schwäche einer solchen Kinderliebe, so wird Ihnen das Aude sehr leicht fallen, und das Sapere auch fließen.

Ich habe Lust, an dem Werke zu arbeiten, davon die Rede unter uns ist. Für einen einzigen ist es zu schwer, und zwei sind besser als drei. Wir möchten auch vielleicht von einigem Geschicke dazu sein und von einem Zuschnitte, der zusammenpassete. Wir müssen aber unsere Schwächen und Blößen so genau kennen lernen, daß keine Eifersucht noch Mißverständnis unter uns möglich ist. Auf Schwächen und Blößen gründet sich die Liebe, und auf diese die Fruchtbarkeit.

Fürchten sie nicht für Ihren Stolz. Er wird genug gedemütigt werden in der Ausführung des Werkes. Wie würden Sie aber ohne diese Leidenschaft die Mühe und Gefahr Ihres Weges überstehen können? Es gehört auch Stolz zum Beten; es gehört Stolz zum Arbeiten. Ein eitler Mensch kann weder eins noch das andere.

Diese Betrachtungen gehen darauf hinaus, Sie zu bewegen, daß Sie auf keinen andern Plan Ihrer Naturlehre sinnen, als der schon in jedem Kinde, das weder Heide noch Türke ist, zum Grunde liegt, und der auf die Kultur Ihres Unterrichts gleichsam wartet. Der beste, den Sie an der Stelle setzen könnten, würde menschliche Fehler haben, und vielleicht größere, als der verworfene Eckstein der mosaischen Geschichte oder Erzählung. Da er den Ursprung aller Dinge in sich hält; so ist ein historischer Plan einer Wissenschaft immer besser als ein logischer, er mag so künstlich sein als er wolle. Die Natur nach den sechs Tagen ihrer Geburt ist also das beste Schema für ein Kind, das diese Legende [seiner] Wärterin so lange glaubt, bis es rechnen, zeichnen und beweisen kann; und dann nicht unrecht tut, den Zahlen, Figuren und Schlüssen, wie erst seinen Ammen zu glauben.

Wenn Sie ein Lehrer für Kinder sein wollen, so müssen Sie ein väterlich Herz gegen sie haben, und dann werden Sie, ohne rot zu werden, auf das hölzerne Pferd der mosaischen Mähre sich zu setzen wissen. Was Ihnen ein hölzern Pferd vorkommt, ist vielleicht ein geflügeltes! Ich sehe leider, daß Philosophen nicht besser als Kinder sind und daß man sie ebenso in ein Feenland führen muß, um sie klüger zu machen oder vielmehr aufmerksam zu erhalten.

Schämen Sie sich also nicht, wenn Sie für Kinder schreiben wollen, auf dem hölzernen Pferde der mosaischen Geschichte zu reiten, und nach den Begriffen, die jedes Christenkind von dem Anfange der Natur hat,[5] Ihre Physik in folgender Ordnung vor[zu]tragen:

1. Vom Licht und Feuer

2. Von der Dunstkugel und allen Lufterscheinungen

3. Vom Wasser, Meer, Flüssen

4. Vom festen Lande, und was in der Erde und auf der Erde wächst

5. Von Sonne, Mond und Sternen

6. Von den Tieren

7. Vom Menschen und der Gesellschaft


[1] Gaston de Fontenelle, 1657-1757; frz. Philosoph, Verfasser einer populären Himmelsphysik

[2]Matth.21.16

[3]Lebe wohl und wage das eigne Urteil! (Horaz) Lat. sapere von: sapor, Geschmack; also eigtl.: Wage den eigenen Geschmack! (vgl. frz. savoir/saveur)

[4] nämlich um deren Eitelkeit zu schmeicheln

[5] gemeint ist der Bericht von der Entstehung der Welt im 1. Buch Mose

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Quelle: Immanuel Kant, Briefwechsel; Hg. Otto Schöndörffer, Hamburg (PhB) 31986, S. 18-26; Redaktion: J. Ebmeier

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~ von Panther Ray - Oktober 20, 2008.

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