Eine Plattform für den Kinderring Berlin

Rückblende

Während der „Wende“ war in der DDR eine einzigartige Lage entstanden. Zwar nicht tabula rasa. Aber immerhin schien eine Umwertung aller Werte angezeigt. Zeit, neue – oder gute, aber vergessene alte – Ideen zu erproben. So entstand im Sommer 1990 der Kinderring Berlin e.V. als eine „freie Bewegung“, die Erwachsene und Kinder „von unten“ zusamenbringen wollte. Mit der Ausweitung der Tätigkeit wuchs der Wunsch nach einer verbindlichen gemeinsamen Grundlage. So entstand der Entwurf einer Plattform für den Kinderring Berlin. Zwar fand er mehrheitlich Zustimmung, aber einige hatten Bedenken. Und als sich die ersehnte Einmütigkeit nicht einstellen wollte, beschloß man schließlich, die Sache zu „vertagen“…

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„Spreepiraten“ im  Kinderring  Berlin

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Eine Plattform für den Kinderring Berlin Entwurf, November 1991

Das Grundgesetz der modernen, der bürgerlichen Gesellschaft ist: die restlose Verwertung von Raum und Zeit. Alles muß sich lohnen. Immer weniger Orte gibt es, an denen nicht-wertschaffende – oder Geschaffenes verwertende – Lebensformen eine Statt finden.

Kindheit ist aber eine solche Lebensform.

Nicht die frühe Kindheit: Behüten kann man zum Beruf machen, in dem eine zunehmende Anzahl von Erwachsenen ihr Auskommen findet.

Auch nicht „fürs Leben lernen“: Die Schule ist eine der größten Dienstleistungsindustrien unserer Zeit.

Also überall da, wo Kindern gesagt wird, was gut und recht ist, wie wir miteinander umgehen sollen, was ihre wahren Bedürfnisse sind und was für sie das Beste ist – überall da läßt sich die Kindheit verwerten. Und in der Freizeitindustrie auch.

Wo Kinder Erwachsenen nützen, da wird ihnen Platz gemacht – im Raum und in der Zeit. Oder richtiger: da wird ihnen ihr Platz angewiesen.

Flegeljahre

Doch alle Kinder kommen, heute wie vordem, einmal in das Alter, wo ihnen die angewiesenen Plätze zu eng, wo ihnen das Vertraute fad und wo ihnen das Gewisse öd und langweilig wird. Wo es ihnen nicht mehr reicht, zu lernen, was sie gelehrt werden, und wo sie erleben wollen, was fremd und aufregend ist; wo ihnen das Ungewisse und Unerhörte mehr bedeutet als die Annehmlichkeiten des Lebens und die Befriedigung wohlanständiger Bedürfnisse; wo sie der Unfug mehr begeistert als das Summen der Biene Maja. Und was verboten ist, das macht sie gerade scharf.

Das sind die Flegeljahre, die sich durch die erwerbsmäßigen Kinderkümmerer nicht „erfassen“ und nicht verwerten lassen, und die darum als „Lücke-Alter“ bemäkelt werden.

In der wissenschaftlichen Literatur wird diese Altersstufe als ‚Pubertät’ bezeichnet, weil sich das seriöser anhört. Aber damit wird nur dem Irrtum Vorschub geleistet, dabei handle es sich um eine rein hormonale Angelegenheit.

Kindergesellschaft

In Wahrheit handelt es sich um eine große kulturelle Leistung, die die Kinder hier erbringen und die die Gesellschaft ihnen abverlangt, weil sie darauf angewiesen ist – wenn sie nicht verblöden will. Es ist nämlich das Alter, in dem sich Kinder jenen Vorrat an Tatendrang und Unternehmungsgeist zulegen, mit dem sie dann ein ganzes erwachsenes Leben auskommen müssen. Eine Zivilisation, die auf die Eigeninitiative, die Zivilcourage und die Einbildungskraft der Einzelnen baut, ist darauf angewiesen, Räume freizuhalten, in denen Lausbubengeschichten stattfinden können. Es ist ein Kapitel praktischer Staatsbürgerkunde, weil sich die Kinder hier zum erstenmal eine politische Existenzform schaffen: Sie hören auf, in erster Linie für Erwachsene da zu sein. Sie sind jetzt nicht mehr Mamas Herzblatt und Papas Liebling, und sie legen auf die Achtung ihrer Freunde mehr Wert als auf das Lob des Lehrers. Sie hören auf, nur fremdbestimmte Schul- und Familienkinder zu sein, und beginnen, neben ihrem privaten, nun ein eigenes öffentliches Leben zu führen: das Leben in der Kindergesellschaft.

Die Kindergesellschaft, das ist ein öffentlicher Raum, der sich unterhalb und im Schatten der offiziellen Gesellschaft gebildet hat und aus den allenthalben verpönten Banden, Cliquen und Horden besteht, in denen die Erwerbskinderkümmerer zu Recht ihren geschworenen Feind erkennen. Es ist eine Gesellschaft, in der – anders als später! – auch für Einzelgänger ein Platz ist: nämlich als die oftmals umworbenen fliegenden Boten zwischen den konstituierten Gruppen!

Es ist das eigene Interesse der Erwachsenen, jener Kindergesellschaft ihren Platz zu bewahren. Damit tun sie in erster Linie sich selbst einen Gefallen – weil sie die Gesellschaft lebendig erhält.

Eine Kulturaufgabe

Die Bewahrung und Ausweitung der Räume, in denen die Kindergesellschaft sich entfalten kann, ist eine kulturpolitische Aufgabe, die der Kinderring Berlin e. V. zu der seinen gemacht hat.

Der Kinderring Berlin will niemanden erziehen. Das tun schon viele andere. Er will Kindern behilflich sein, die noch nicht verwerteten Räume unsere Welt für sich zu entdecken, sie auszukundschaften und sie, wandernd und umherstreunend, zu erfahren.

Wir wollen niemandem die Welt erklären (wie denn?); es reicht uns, jungen Menschen die Welt zu zeigen. Die Erwachsenen, die dabei mit ihnen gehen, werden ihnen, wie sich das für Ältere gehört, mit ihrem Rat zur Seite stehen, ihnen Mut machen und auch tröstend zureden, wenn sie mal doch nicht schaffen, was sie sich vorgenommen hatten. Und wenn sie dabei auch mal vor einer Gefahr warnen, hat das mit Pädagogik gar nichts zu tun, sondern mit normalem menschlichen Anstand.

Wenn wir uns mit Kindern abgeben, so nicht, weil wir damit ein besonders gutes Werk zu tun glauben, sondern weil wir daran Freude haben. Leute, die einen Teil ihrer Freizeit mit Kinder zubringen, sind keine besseren Menschen als die andern. Sie sind lediglich noch nicht veraltet.

~ von Panther Ray - September 29, 2008.

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